Huawei stand über ein Jahrzehnt lang unter massivem Druck durch US-Sanktionen, doch anstatt zusammenzubrechen, nutzte der Konzern die Blockaden als Antrieb zur Neuerfindung. Schon 2012 hatte der Geheimdienstausschuss des US-Repräsentantenhauses Huawei und ZTE als Sicherheitsrisiken eingestuft und Spionagevorwürfe erhoben. 
Huawei wies diese Anschuldigungen zurück, wurde aber 2019 auf die sogenannte Entity List gesetzt, was den Zugang zu US-Technologien und Partnern – darunter auch Google – blockierte.
Die Folgen waren sofort spürbar: Huaweis Smartphones verloren die Google-Dienste, den Play Store und die Standard-Apps von Android. Ein Jahr später verschärfte Washington die Regeln nochmals und kappte auch den Zugang zu modernen Chips, die mit US-Maschinen gefertigt wurden. Viele Experten sagten damals das Ende Huaweis voraus, obwohl das Unternehmen im zweiten Quartal 2020 kurzzeitig mehr Smartphones verkaufte als Apple und Samsung.
Die Reaktion von Huawei war radikal: Man setzte alles auf Unabhängigkeit. Es entstand das eigene Betriebssystem HarmonyOS samt AppGallery. 2021 folgte das Ökosystem Huawei Mobile Services als Ersatz für Google. In China war der Verzicht auf Google-Dienste kaum ein Problem, doch in Europa und anderen Regionen machte er sich deutlich bemerkbar. Auf der Hardware-Seite musste Huawei auf Qualcomm-Chips zurückgreifen, die nur 4G unterstützten, nachdem die Vorräte an eigenen 5G-fähigen Kirin-Prozessoren aufgebraucht waren.
Doch im August 2023 überraschte Huawei die Branche mit dem Mate 60 Pro. Das Flaggschiff enthielt erstmals wieder einen hauseigenen 5G-Chip, den Kirin 9000S, gefertigt von der chinesischen SMIC im 7-nm-Verfahren. Damit war Huawei nach drei Jahren technischer Blockade zurück im 5G-Spiel.
Auf einer Veranstaltung in Guiyang erklärte Tao Jingwen, Präsident für Qualität und IT bei Huawei, man habe „ein Ökosystem völlig unabhängig von den USA aufgebaut“. Der Erfolg Huaweis sei ein Beispiel dafür, wie Chinas Tech-Branche durch Autarkie die USA sogar bei Anwendungen von Künstlicher Intelligenz überholen könne – getragen von der Größe und Dynamik des chinesischen Marktes.
Die Geschichte von Huawei verdeutlicht sowohl die Zerbrechlichkeit globaler Lieferketten als auch die Fähigkeit zur Anpassung. Was als Untergangsprophezeiung begann, wurde zur Erfolgsstory – mit eigenem System, eigenen Diensten und der Rückkehr der 5G-Chips. Ob Huawei seine Spitzenposition am Smartphone-Markt zurückerobern kann, bleibt offen. Doch mit dem Mate 60 Pro hat das Unternehmen schon jetzt gezeigt, dass Widerstandskraft eine neue Erfolgsgeschichte schreiben kann.
2 kommentare
Erinnert mich an Tizen, das nie Fuß gefasst hat… mal sehen ob Harmony außerhalb Chinas überlebt
Bin kein Fan, aber HarmonyOS wirkt tatsächlich wie eine echte Alternative zu Android