
GTA an der Uni: Wenn Videospiele zur Geschichtsstunde über Amerika werden
Am 20. Januar 2026 startet an der University of Tennessee ein weltweit einzigartiger Kurs: „Grand Theft America: US-Geschichte seit 1980 anhand der GTA-Videospiele“. Zum ersten Mal dient die Grand Theft Auto-Reihe als Grundlage für eine akademische Lehrveranstaltung. Dahinter steht der Historiker Professor Tore Olsson, der bereits mit seinem Kurs über Red Dead Redemption Schlagzeilen machte und daraus sogar ein Buch veröffentlichte – vertont von Roger Clark, der Stimme von Arthur Morgan.
Nun wagt Olsson den nächsten Schritt mit einer noch kontroverseren Spielereihe. Obwohl GTA 6 auf Mai 2026 verschoben wurde, hält er am Starttermin fest. Für ihn steht fest: Videospiele sind längst mehr als bloßer Zeitvertreib. Sie sind kulturelle Artefakte, die beeinflussen, wie wir Geschichte und Gesellschaft wahrnehmen. Wenn Rock’n’Roll und Fernsehen es in die Hochschulen geschafft haben, warum nicht auch GTA?
Warum gerade GTA?
Für Skeptiker klingt es nach einer Spielerei, um Studierende zu locken. Doch Olsson betont: Das Konzept ist ernst gemeint. GTA dient nicht als Ersatz für Fakten, sondern als Rahmen, um die letzten Jahrzehnte US-amerikanischer Geschichte zu begreifen. Millionen Menschen kennen Los Santos oder Liberty City und haben dort – bewusst oder unbewusst – satirische Kommentare zur Realität erlebt. Der Kurs will dieses Wissen nutzen und in fundierte Diskussionen über Politik, Wirtschaft, Rassismus und Medien einbetten.
Während Red Dead Redemption den Blick in die Vergangenheit richtet, beleuchtet GTA jüngere Epochen. Die Reihe deckt inzwischen fast dreißig Jahre ab: Vice City spiegelt den Glanz und die Exzesse der 80er, San Andreas thematisiert Bandenkriege und Polizeigewalt der frühen 90er, GTA IV zeigt die Welt nach 9/11 und GTA V hält der Gesellschaft im Zeichen der Finanzkrise von 2008 den Spiegel vor. Zusammengenommen ergibt das eine bissige, aber aufschlussreiche Chronik moderner US-Geschichte.
1980 bis heute – ein Epochenumbruch
Olsson sieht die Jahre seit 1980 als eine eigenständige historische Epoche. In dieser Zeit sind die Unterschiede zwischen Arm und Reich explodiert, die Medienlandschaft hat sich von einem gemeinsamen Konsens zu polarisierenden Sendern entwickelt, die Einwanderung hat das Land tiefgreifend verändert, und die Gefängnispopulation hat sich vervielfacht. Das heutige Amerika hat mit dem von vor 45 Jahren kaum noch etwas gemein. GTA liefert die Bilder, Olsson den historischen Kontext.
So werden etwa die Häfen von Los Santos und Liberty City, im Spiel nur Kulisse, im Unterricht zum Aufhänger für Themen wie Globalisierung, Outsourcing und Deindustrialisierung. Auch die Radiostationen im Spiel bieten Material: Ihre Entwicklung von schrägen Talkshows in den 80ern bis hin zu knallhart polarisierten Politkommentaren in GTA IV und V zeigt, wie sich die US-Medienlandschaft veränderte.
Sarkasmus trifft Realität
Natürlich übertreibt GTA maßlos: Gewalt überall, Frauen meist als Sexarbeiterinnen, ein Amerika ohne Vororte und ohne Türschlösser an Autos. Aber genau diese Übertreibungen eignen sich, um Klischees und verzerrte Bilder zu analysieren. Gleichzeitig gelingen der Serie immer wieder bemerkenswerte Treffer. Etwa, wenn GTA V die Spaltung der Medienlandschaft nachzeichnet oder San Andreas die Unruhen von Los Angeles 1992 in seiner Handlung aufgreift.
Geschichte durch Storylines
Besonders San Andreas liegt Olsson am Herzen. Die Geschichte von Carl „C.J.“ Johnson, der gegen Drogen, korrupte Cops und soziale Ungerechtigkeit kämpft, erinnert stark an die realen Ereignisse rund um den Rodney-King-Prozess und die darauffolgenden Unruhen. Viele Spieler erkannten die Anspielung, aber nur wenige verstanden die komplexen Hintergründe. Der Kurs will genau hier ansetzen und Themen wie „War on Drugs“, strukturellen Rassismus und gescheiterte Sozialpolitik diskutieren.
Popkultur im Hörsaal
Olsson reiht sich mit seinem GTA-Kurs in eine Entwicklung ein, die längst etabliert ist: Popkultur gehört an die Uni. Rock’n’Roll war einst undenkbar als Studienfach, heute ist er selbstverständlich. Videospiele folgen demselben Muster. Gewalt und Zynismus von GTA sollen im Kurs nicht verherrlicht, sondern kritisch beleuchtet werden. Ziel ist, die gesellschaftlichen Spannungen dahinter zu verstehen.
Der Professor legt Wert darauf, dass es sich um eine ernsthafte Lehrveranstaltung handelt. Themen wie Rassismus, Ungleichheit, Medienpolitik und Wirtschaft stehen im Fokus. Die Botschaft: Gewalt spaltet, während mächtige Akteure davon profitieren. Der Kurs soll Studierenden Werkzeuge geben, diese Dynamiken zu durchschauen und Alternativen zu denken.
Müssen die Studierenden GTA spielen?
Nein – Spielekonsolen oder PCs sind nicht erforderlich. Olsson zeigt Videomaterial, Screenshots und spielt gelegentlich kurze Szenen vor. Prüfungen über die Lore von Niko Bellic oder Trevor Philips wird es nicht geben. Stattdessen zählt die Fähigkeit, die gesellschaftlichen und historischen Bezüge zu analysieren.
Und was ist mit GTA 6?
Eigentlich wollte Olsson GTA 6 gleich einbinden. Doch durch die Verschiebung bleibt der Kurs zunächst bei den bisherigen Teilen. Der Professor scherzt, dass er nur hoffe, der Release falle nicht mitten in die Prüfungszeit. Stoff gibt es ohnehin reichlich – und in Zukunft wird auch GTA 6 Teil der Analysen sein.
Warum Rockstar?
Für Olsson ist Rockstar einzigartig: Kaum ein Studio verbindet Detailversessenheit mit so viel sozialer Kommentierung. Ob L.A. Noire, Red Dead oder GTA – die Spiele versuchen stets, etwas über das „Experiment Amerika“ auszusagen. Nicht immer perfekt, aber immer spannend. Genau diese Mischung macht sie für Historiker interessant.
Ausblick
Wer nicht in Tennessee studiert, kann Olsson auf Social Media folgen. Dort will er regelmäßig Eindrücke aus dem Kurs teilen. Zudem denkt er über ein Buch nach – ähnlich wie bei seinem Red-Dead-Projekt. Klar ist schon jetzt: Mit dem GTA-Kurs öffnet sich ein neues Kapitel, in dem ein Videospiel zur Brücke zwischen Unterhaltung und Geschichtswissenschaft wird.
Ob man es als Fortschritt oder Verfall der Bildung sieht – GTA ist an der Uni angekommen. Und vielleicht lernen Studierende dadurch nicht nur über virtuelle Städte, sondern auch über die reale Geschichte, die sie inspiriert hat.