Google Maps klingt plötzlich wie ein echter Beifahrer. Statt spröder Ansagen à la „in 150 Metern rechts abbiegen“ führt die App nach und nach Landmarken in die Navigation ein und koppelt sie mit einem neuen, von Gemini gestützten Lens-Modus. Beides zusammen sorgt dafür, dass Wegbeschreibungen natürlicher klingen und Informationen über Orte genau in dem Moment auftauchen, in dem sie gebraucht werden. 
Es ist weniger ein UI-Feinschliff als eine Kurskorrektur: weg von nummerngetriebener Navigation, hin zu Orientierung, wie Menschen sie tatsächlich nutzen.
Landmarken statt Meter und Mikroschrift
Für Android- und iOS-Nutzerinnen und -Nutzer in den USA beginnt der Rollout einer Navigation, die sich an sichtbaren Bezugspunkten orientiert. Künftig heißt es: „rechts nach dem Thai-Siam-Restaurant“, „links an der Tankstelle vorbei“ oder „Ziel ist das Backsteingebäude hinter dem Café“. Diese Orientierungspunkte erscheinen auch visuell auf der Route, je näher man ihnen kommt. Das reduziert das mentale Jonglieren mit Zahlen und Straßennamen, die man aus dem fahrenden Auto ohnehin kaum entziffern kann.
Der Clou: Die App wählt Landmarken, die wirklich auffallen. Statt beliebiger Straßenecken setzt Maps auf markante Eingänge, große Schilder und prägnante Fassaden. So fühlt sich die Ansage eher wie ein Tipp von Einheimischen an und weniger wie eine akustische Excel-Tabelle.
Was die Technik im Hintergrund leistet
Ermöglicht wird das durch die visuelle Szene-Verständnis von Gemini. Google gleicht aktuelle Street-View-Bilder mit der hauseigenen Datenbank von über 250 Millionen kartierten Orten ab, filtert schlecht sichtbare oder leicht zu verwechselnde Strukturen und priorisiert Objekte, die man aus dem Verkehrsfluss heraus sicher erkennt. Das Ergebnis sind Referenzen, die ins Auge springen, statt umzudenken.
Warum das im Alltag wirklich hilft
Landmarken reduzieren kognitive Last – besonders dort, wo Entscheidungen Schlag auf Schlag fallen: Innenstädte mit dichtem Spurwechsel, Abfahrten, die kurz hintereinander liegen, oder unbekannte Wohnviertel, in denen Hausnummern im Dunkeln verschwinden. Weniger verpasste Abbiegevorgänge bedeuten weniger Stress. Für viele ist es auch ein Plus bei der Barrierefreiheit: Große, reale Ankerpunkte schlagen winzige Straßenschilder.
Der Ansatz nützt nicht nur Autofahrenden. Wer zu Fuß, mit dem Rad oder Roller unterwegs ist, profitiert gleichermaßen: „am Park vorbei“ oder „hinter der Halle links“ spiegelt, wie Menschen Wege beschreiben, wenn sie nicht auf die Karte schauen.
Gemini-Lens im Maps-Suchfeld: Kamera heben, Frage stellen
Die zweite große Neuerung sitzt direkt in der Suchleiste. Einfach die Kamera auf eine Fassade richten und fragen: „Was ist das für ein Laden und warum ist er beliebt?“, „Wie ist die Stimmung drinnen, eher ruhig oder lebhaft?“, „Geht’s ohne Reservierung?“ Gemini kombiniert Bewertungen, Fotos und Geschäftsdaten und liefert kontextbewusste Antworten in natürlicher Sprache. Der Rollout startet schrittweise in den USA im Laufe dieses Monats auf Android und iOS.
Teil eines größeren Umbaus: vom Navigator zum Copiloten
Die jüngsten Updates fügen sich in eine klare Linie ein. Live Lane Guidance, erst kürzlich gestartet, nutzt die Frontkamera und die Rechenpower des Fahrzeugs, um Spurmarkierungen und Verkehrsschilder zu interpretieren und heikle Spurwechsel visuell zu führen. Ein Energiesparmodus, der in Tests gesichtet wurde, reduziert die Oberfläche auf wesentliche Routendaten in Graustufen – praktisch für lange Fahrten. Mit Landmarken und Lens-Antworten wächst Maps zum Assistenten, der die Welt wahrnimmt und Timing sowie Inhalt seiner Hinweise darauf abstimmt.
Vertrauen, Kontrolle und der Wunsch nach „klassisch“
KI-Funktionen überzeugen nur, wenn sie zuverlässig sind und sich steuern lassen. Sinnvoll wären Profile: nur Landmarken, nur Distanzen oder ein Hybrid – je nach Strecke. Ebenso wichtig: klare Schalter für die klassische Ansage, fein dosierbare Sprachhäufigkeit und eine aufgeräumte Kartendarstellung. So profitieren Gewohnheitsfahrer von alten Mustern, während Neugierige die neuen Hinweise ausreizen.
Wer besonders profitiert
- Stadtverkehr: schnellere Entscheidungen an komplexen Knoten, weniger Hektik bei dichtem Verkehr.
- Reisende und Entdecker: weniger Rätselraten in neuen Vierteln; die Lens-Antwort zeigt, ob sich der Abstecher lohnt.
- Barrierefreiheit: weniger Bildschirmlesen, mehr hör- und sichtbare Anker.
- Kurier- und Lieferdienste: klare Bezugspunkte schlagen schlecht sichtbare Hausnummern.
Grenzen und offene Fragen
- Dynamische Städte: Läden schließen, Marken wechseln – die Datenpflege muss mithalten, damit Landmarken nicht in die Irre führen.
- Nacht & Wetter: Regen, Nebel, Schnee – die Auswahl sollte Sichtbedingungen mitdenken.
- Informationsflut: Hinweise müssen helfen, nicht überfordern. Pacing und Hierarchie sind entscheidend.
Fazit
Mit Landmarken-Navigation und dem Gemini-gestützten Lens rückt Google Maps näher an die Art, wie Menschen Wege finden und Entscheidungen treffen. Wenn die Praxis hält, was die Technik verspricht – klare Referenzen, gutes Timing, treffende Antworten – wird daraus eine leise, aber spürbare Verbesserung für Millionen Alltagsfahrten, Spaziergänge und Erkundungen. Der beliebteste Navi der Welt klingt damit ein gutes Stück menschlicher.