Zwischen Marvel Games und Insomniac Games wirkt längst nichts mehr wie ein klassischer Lizenzdeal. Es fühlt sich an wie ein eingespieltes Kreativduo, das dieselbe Grammatik für Superhelden-Spiele spricht. Genau so liest sich das Fazit eines neuen Gesprächs mit Haluk Mentes, dem General Manager von Marvel Games, in der Game Informer: Wenn Philosophie, Werte und Arbeitsweise deckungsgleich sind, entstehen nicht nur einzelne Veröffentlichungen – es wächst eine mehrjährige Linie. 
Und genau dorthin zeigt die Partnerschaft von Marvel und Insomniac.
Mentes betont, dass „Authentizität“ nicht bedeutet, Comic-Panels oder Filmszenen eins zu eins zu reproduzieren. Authentisch ist ein Spiel, wenn es den Kern eines Charakters präzise trifft – Haltung, Humor, Moral und Konflikte – und daraus eine Version formt, die „vertraut und doch neu“ wirkt. Marvel sucht aktiv nach Teams, die den Mut haben, eigene Fingerabdrücke zu hinterlassen, statt bloß abzuschreiben. Sonst, fragt Mentes, wozu arbeitet man mit einigen der besten Talente der Branche?
Insomniac ist der Musterfall für diesen Ansatz. Über mehrere Marvel’s Spider-Man-Titel hinweg hat das PlayStation-Studio gezeigt, wie Charakter-getriebene Erzählung, messerscharf geschnittene Setpieces und eine Steuerung, die sich wie Identität anfühlt, zusammenspielen. Das Schwingen an der Netzleine ist nicht bloß Fortbewegung; es ist Körpersprache, Tempo, Puls. Aus dieser Kontinuität ist eine Art gemeinsamer Code zwischen den Teams gewachsen – ein geteiltes Vokabular für Tonalität, Kameraführung, Bossdramaturgie und für den Moment, in dem Gameplay das Wort übernehmen muss.
Darum war die Wahl für den nächsten großen Schritt quasi selbstverständlich: Marvel’s Wolverine liegt bei Insomniac in den richtigen Händen. Logan verlangt eine andere Regie als der freundliche Netzschwinger aus der Nachbarschaft. Wo Spider-Man Weite, Höhe und Rhythmus der Stadt braucht, verlangt Wolverine Nähe, Gewicht, Narben. „Viszeral“ meint hier nicht bloß Splatter, sondern die spürbare Trägheit eines Hiebs, die bewusste Pause vor der nächsten Entscheidung, den inneren Riss zwischen Instinkt und Kodex. Authentizität entsteht nicht, indem man eine ikonische Comic-Seite kopiert, sondern indem man ihren Grund – warum sie wirkt – in Systeme aus Kampf, Kamera und Rhythmus übersetzt.
Hinzu kommt die historische Perspektive: Marvel nähert sich den 90 Jahren und bleibt frisch, weil jede Generation die Figuren neu liest, selbst kreativ wird und den Staffelstab weiterreicht. Marvel sucht Partner, die dieses Erbe aktiv annehmen – und mit der Zeit selbst zu „Marvel“ werden. Insomniac hat diesen Weg in den letzten Jahren sichtbar beschritten: von präziser Ausführung hin zu Co-Autorenschaft eines ganzen interaktiven Marvel-Kosmos.
Auch die Produktionsrealität stärkt die Achse. Unter dem PlayStation-Dach erhalten Projekte technische Stabilität, Ressourcen und Politur; Marvel wiederum hält die Wertekompass-Nadel fest auf „Character first“. Dieses Alignment erlaubt Mehrjahresplanung, ohne die Funken zu ersticken. Offizielle Roadmaps und Daten stehen aus, aber die Richtung ist unverkennbar: Marvel’s Wolverine steht an, und es dürfte kaum bei einer einzelnen Heldengeschichte bleiben.
Für Spielerinnen und Spieler bedeutet das: Insomniac wird voraussichtlich weiter auf unverwechselbare Bewegungsidentität, klug gesetzte Höhepunkte und antagonistische Neudeutungen setzen – Geschichten, die ihren Figuren dienen, statt sie in mechanische Checklisten zu pressen. Die Spider-Man-Spiele haben gezeigt, dass respektvolles Neuerfinden den Kanon verdichtet statt ihn zu verwässern. Klassische Anzüge können neue Kontexte bekommen, Bösewichte zeitgemäßere Motive – und Städte werden zu spielbaren Metaphern der Heldenthematik.
Wolverine braucht dafür eine andere Palette: wuchtige Treffer, Nahkampf, spürbare Verletzlichkeit und Systeme, die Entschlossenheit belohnen. „Viszeral“ heißt auch, das Vibrieren eines Konflikts im Controller zu fühlen – die Klinge als Entscheidung, nicht als Gimmick. Wenn Insomniac den gleichen Respekt für Figur und Finesse wie beim Netzschwingen anlegt, erwartet uns weniger hohler Pomp und mehr Charakter in Rohform.
Unterm Strich gibt es keine Liste künftiger Titel und keine Termine – noch nicht. Doch der Subtext ist deutlich: Das Duo, das Spider-Man auf PlayStation neu definiert hat, verleiht nun Wolverine eine markante Stimme und dürfte sich weiteren Ikonen zuwenden. Wenn alle Beteiligten denselben Norden sehen, schreibt sich die Wegskizze beinahe von selbst. Kurz: Diese Langstrecken-Partnerschaft steht erst am Anfang.
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Spider-Man war 10/10, Vertrauen für Logan ist da