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iPhone Pocket: die gestrickte 230-Euro-Handytasche, die unseren Premium-Begriff testet

von ytools
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Es gibt Luxusprodukte, bei denen der absurde Preis fast schon Sinn ergibt. Ein Handy aus Massivgold, eine Designerfigur zum Gegenwert eines Kleinwagens, eine Uhr, die mehr Kunstobjekt als Zeitmesser ist – man schüttelt den Kopf, weiß aber: Hier zahlt man für Seltenheit, Showeffekt und Status. Das iPhone Pocket aus der Kooperation von Apple und Issey Miyake gehört nicht in diese Kategorie. Rund 230 Euro für eine gestrickte Handytasche mit Trageriemen wirken deutlich profaner – und gerade deshalb umso irritierender.

Auf dem Papier klingt die Geschichte wie aus einem Designmagazin. Apple, Meister der reduzierten Ästhetik, tut sich mit einem japanischen Label zusammen, das für experimentelle Stoffe und klare Linien verehrt wird.
iPhone Pocket: die gestrickte 230-Euro-Handytasche, die unseren Premium-Begriff testet
Heraus kommt ein schmaler, 3D-gestrickter Schlauch, der sich eng um das iPhone legt und je nach Version an einem langen Crossbody-Strap oder einem kürzeren Riemen hängt. In den Pressematerialien ist von einem Stück Stoff die Rede, das zum Objekt wird, von skulpturaler Schlichtheit und einer neuen Art, Technik am Körper zu tragen.

Schaut man jedoch ohne Marketingfilter hin, bleibt wenig Mystik übrig. Das iPhone Pocket sieht aus wie eine sehr ordentlich gemachte Handy-Socke mit Logo und kuratierter Farbpalette. Die einteilige 3D-Strickkonstruktion ist technisch sauber, gehört aber zur gleichen Familie wie nahtlose Pullover, gestrickte Sneaker oder tatsächlich die Socken, die Oma nebenbei strickt, während im Hintergrund die Telenovela läuft. Von einem Meilenstein der Textiltechnologie zu sprechen, wäre reichlich übertrieben.

Optisch lässt sich das Teil trotzdem gut verkaufen. Die Form ist klar, die Kanten weich, der Stoff schmiegt sich eng an das Smartphone. Getragen über der Schulter wirkt das iPhone Pocket wie ein kleines, minimalistisches Objekt aus einer Modeausstellung, irgendwo zwischen Streetwear und Galerie. Die dezenten Farben und das zurückhaltende Branding bedienen exakt den Trend zu stillem Luxus: nichts Lautes, nichts Auffälliges, aber deutlich erkennbar für alle, die wissen, was sie sehen.

Die Ernüchterung kommt, sobald man sich fragt, was dieses Accessoire praktisch leistet. Es lädt das Gerät nicht, es schützt nur begrenzt vor Stürzen, bietet keine Fächer für Karten, Bargeld oder Schlüssel und ist nicht die erste Wahl für Regen oder Festival-Matsch. Im Kern erfüllt es eine einzige Aufgabe: Das iPhone hängt in einem weichen Strickschlauch am Körper. Wäre kein großer Name auf dem Etikett, würde kaum jemand ernsthaft glauben, dass so etwas in den Preisbereich eines Mittelklasse-Smartphones gehört.

Genau hier kippt die Diskussion von Design hin zu Wert und Verhältnismäßigkeit. Die kurze Variante kostet rund 150 Euro, die Version mit langem Riemen bewegt sich Richtung 230 Euro. Für ähnliche Summen bekommt man ein ordentliches Android-Gerät, eine hochwertige Ledertasche oder eine ganze Sammlung alltagstauglicher Hüllen und Pouches. Im Vergleich dazu wirkt das iPhone Pocket wie ein mutiger Testballon: Wie viel darf ein Stück Strick kosten, wenn Apple und Issey Miyake gemeinsam auf der Rechnung stehen?

Um fair zu bleiben: Diese Kollaboration war nie als praktischer Problemlöser geplant. Sie ist ein Statement. Wer das iPhone Pocket trägt, sendet ein Signal: Ich lebe im Apple-Kosmos, ich schätze japanischen Designer-Minimalismus, ich bin bereit, Funktion gegen Stil einzutauschen. In diesem Sinne ist das Teil fast eine Essenz von High Fashion im Tech-Bereich. Es will nicht bequem im klassischen Sinn sein, es will nicht möglichst viel können, es will vor allem erzählen, wer man ist.

Problematisch wird es dort, wo solche Objekte anfangen, den Maßstab für Premium neu zu definieren. Wenn ein gestrickter Schlauch für ein Smartphone zum Trendteil wird und schnell ausverkauft ist, gewöhnen wir uns kollektiv daran, dass ein hoher Preis weniger mit Material oder Aufwand zu tun hat, sondern mit Erzählung und Aura. Premium bedeutet dann nicht mehr besser, langlebiger oder durchdachter, sondern einfach teurer, weil die richtigen Logos darauf stehen.

Der Unterschied zu offen zelebrierter Extravaganz ist deutlich. Nehmen wir das Huawei Mate XT Ultimate, den weltweit ersten Tri-Foldable
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. Schon das Basismodell wirkt wie Zukunft zum Aufklappen. Die Firma Caviar setzte noch einen drauf und baute eine Einzelanfertigung aus 18-karätigem Gold, rund zwei Kilo schwer, mit einem Preis um die 100.000 Dollar. Dieses Gerät war offen als Sammlerstück für einen einzelnen wohlhabenden Kunden gedacht – eher Schmuck mit Prozessor als Smartphone für den Alltag.

Auch die berüchtigte Labubu-Figur für 150.000 Dollar passt in diese Logik. Man kann das komplett verrückt finden, und vermutlich liegt man damit nicht falsch. Aber es gibt einen Rahmen: streng limitierte Stückzahl, Sammlerhype, Wertsteigerungsfantasien, Luxusmaterial oder zumindest eine etablierte Szene, in der solche Objekte zirkulieren. Der Preis ist absurd, aber er folgt einem bekannten Muster in der Welt der Ultra-Luxus-Güter.

Das iPhone Pocket wirkt daneben fast zu bodenständig, um denselben Maßstab anlegen zu können. Es ist weder aus Edelmetall noch mechanisch faszinierend, es wird nicht in einem Safe präsentiert, sondern im Onlineshop. Man kann sich problemlos vorstellen, wie das Material nach zwei Jahren ausleiert, erste Fussel bekommt und die edle Galerie-Anmutung langsam Richtung ausgetragener Strick wandert. Als zukünftiger Star einer Auktion ist dieser Handy-Schlauch schwer vorstellbar.

Und genau deshalb stellt sich die Frage, warum Apple und Issey Miyake nicht einen anderen Weg gewählt haben. Mit nahezu identischem Design, gleicher Stricktechnik und denselben Farben, aber zu einem Preis um die 40 Euro, wäre das iPhone Pocket vermutlich als charmantes, halbwegs zugängliches Designobjekt durchgegangen. Statt Empörung gäbe es vermutlich Diskussionen über Tragekomfort, Outfit-Kombinationen und darüber, ob man sein Handy wirklich dauerhaft sichtbar am Körper tragen will. So aber landet das Produkt in einer Zone, in der selbst eingeschworene Designfans zögern.

Die Reaktionen im Netz passen dazu. Unter Artikeln und Videos tauchen Kommentare auf, in denen Nutzer schreiben, sie würden lieber ihre Oma fragen, ob sie so eine Tasche strickt, oder sich für einen Bruchteil des Preises an einen DIY-Abend wagen. Andere nennen das Ganze eine Luxussocke fürs iPhone oder vergleichen den Preis mit ihrer monatlichen Handyrechnung. Ja, es gibt auch Stimmen, die das Pocket feiern, weil es perfekt zum eigenen Clean-Aesthetic-Feed passt. Insgesamt bleibt aber das Gefühl, dass hier sehr viel Marke auf sehr wenig Produkt trifft.

Am Ende ist das iPhone Pocket kein Skandal, sondern eine Art Lackmustest. Es zeigt, wie weit Marken inzwischen darauf vertrauen, dass ihr Name allein reicht, um aus einem einfachen Stück Stoff ein Luxusobjekt zu machen. Es zeigt auch, wie bereitwillig wir manchmal Funktion, Komfort und Preis-Leistungs-Verhältnis gegen reines Stilgefühl eintauschen. Wenn man das Design liebt, das Geld locker sitzt und man bewusst ein modisches Statement setzen möchte, wird man mit diesem Accessoire vermutlich glücklich.

Wer hingegen auf den Preis schaut, ihn mit dem eigenen Smartphone, Tarif oder Kontostand vergleicht und sich fragt, seit wann eine Handytasche teurer sein darf als ein gutes Gerät, ist in guter Gesellschaft. Zwischen einem goldenen 100.000-Dollar-Klotz, der offen Luxus schreit, und einer 230-Euro-Strickhülle, die bescheiden tut, aber mit Premium-Aufschlag kommt, bleibt eine überraschende Erkenntnis: Manchmal wirkt der offensichtliche Kitsch ehrlicher als die scheinbar schlichte, aber sehr teure Zurückhaltung.

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