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Rockstar gegen IWGB: Kündigungen bei GTA 6 und der Kampf um Gewerkschaftsrechte

von ytools
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Rockstar Games, sonst vor allem als Macher milliardenschwerer Blockbuster wie Grand Theft Auto bekannt, steht plötzlich nicht wegen eines Trailers, sondern wegen eines Arbeitsrechtsstreits im Rampenlicht. Die britische Gewerkschaft Independent Workers’ Union of Great Britain (IWGB) hat eine rechtliche Beschwerde gegen das Unternehmen eingereicht, nachdem 31 Beschäftigte im Studio in Edinburgh und drei weitere in Kanada überraschend gekündigt wurden.
Rockstar gegen IWGB: Kündigungen bei GTA 6 und der Kampf um Gewerkschaftsrechte
Viele von ihnen hatten an Grand Theft Auto VI gearbeitet, einem der meist erwarteten Spiele dieser Dekade. Genau deshalb wird der Konflikt in der Branche mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt.

Offiziell begründet Rockstar die Entlassungen mit grobem Fehlverhalten. In internen Mitteilungen ist von schwerwiegenden Verstößen und angeblichen Leaks die Rede, also der Weitergabe vertraulicher Informationen auf einer öffentlichen Plattform. In einer Industrie, in der jedes noch so kleine Detail zu einem Spiel wie GTA 6 weltweit Schlagzeilen machen kann, ist der Vorwurf der Geheimnisverrat ein schweres Geschütz. Die betroffenen Beschäftigten und die IWGB halten diese Erklärung jedoch für vorgeschoben und verweisen auf ein anderes Detail, das zeitlich auffällig genau passt.

Nach Angaben der Gewerkschaft hatten die Beschäftigten kurz zuvor eine zentrale Schwelle erreicht: Rund zehn Prozent der Belegschaft sollen sich organisiert und der Gewerkschaft angeschlossen haben. Genau ab dieser Marke sieht das britische Recht stärkere Schutzmechanismen und mehr Druck auf Arbeitgeber vor, sich mit einer organisierenden Belegschaft auseinanderzusetzen. Für die IWGB ist der zeitliche Zusammenhang deshalb alles andere als Zufall. Die Gewerkschaft spricht offen von klassischer Gewerkschaftsbehinderung, also dem Versuch, eine entstehende Organisation schon im Keim zu ersticken.

Die Stimmung eskalierte schnell aus dem Inneren des Unternehmens hinaus auf die Straße. Vor dem Gebäude von Rockstar North in Edinburgh tauchten Bald Plakate, Megafone und Solidaritätsparolen auf. Ehemalige Beschäftigte schilderten, wie sie nach Jahren Arbeit an demselben Projekt innerhalb weniger Minuten per E-Mail oder kurzem Gespräch vor die Tür gesetzt wurden. Viele von ihnen betonen, sie wollten im Grunde nur an ihren Arbeitsplatz zurück, um GTA 6 zu Ende zu bringen, das derzeit für den 19. November 2026 angekündigt ist.

Laut IWGB hat man zunächst intensiv versucht, einen direkten Dialog mit Rockstar zu eröffnen. Die Gewerkschaft forderte Gespräche, Reintegrationen und eine Aufarbeitung der Entlassungen, ohne sofort den Weg vor Gericht zu suchen. Doch die Antwort sei nüchtern gewesen: kein Entgegenkommen, keine Bereitschaft zu Verhandlungen, kein echtes Gesprächsangebot. Für die IWGB war damit die rote Linie überschritten und die juristische Abteilung übernahm.

In einer ausführlichen Stellungnahme erklärt die Rechtsabteilung der Gewerkschaft, man vertrete Beschäftigte, deren Kündigungen im Kontext von Gewerkschaftsarbeit erfolgt seien und daher als unzulässige Viktimisierung und kollektive Entlassung zu werten seien. Die Formulierungen sind deutlich: Rockstars Vorgehen sei sowohl unakzeptabel als auch rechtswidrig. Zudem erhebt die IWGB einen besonders schweren Vorwurf, der in der Tech- und Spielebranche immer wieder im Raum steht: Blacklisting. Damit ist gemeint, dass Beschäftigte, die sich organisieren oder offen Kritik üben, inoffiziell auf einer Art schwarzer Liste landen und es anschließend deutlich schwerer haben, in anderen Studios Fuß zu fassen.

IWGB-Präsident Alex Marshall wählt entsprechend klare Worte. Er spricht von plumper und eindeutiger Gewerkschaftsbekämpfung und kündigt an, dass die Organisation eine umfassende rechtliche Verteidigung aufbauen werde, gestützt durch erfahrene Fallbetreuer, Juristinnen und Barrister. Besonders hervor hebt Marshall einen Punkt, der weit über diesen Einzelfall hinausreicht: Private digitale Räume, etwa gewerkschaftliche Discord-Server, seien rechtlich geschützt. Firmen könnten diese nicht einfach mit internen Kommunikationskanälen gleichsetzen und per Vertragsklausel nach Belieben überwachen oder sanktionieren. Kein Arbeitsvertrag, so Marshall, stehe über dem Arbeitsrecht des Vereinigten Königreichs.

Wichtig ist dabei zu verstehen, dass eine rechtliche Beschwerde noch kein vollwertiger Gerichtsprozess ist. Sie fungiert eher als formalisierte Aufforderung, den Konflikt außergerichtlich zu klären. In dieser Phase können beide Seiten Vergleiche schließen, Entschädigungen aushandeln oder Wiedereinstellungen prüfen. Sollte Rockstar jedoch hart bleiben und keine Einigung zustande kommen, dürfte der Fall in ein offizielles Verfahren übergehen, mit Anhörungen, Zeugenbefragungen und langwierigen Fristen. Aus Erfahrung weiß man: Solche Verfahren ziehen sich oft über viele Monate oder sogar Jahre hin.

Für die entlassenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist diese lange Perspektive alles andere als abstrakt. Sie stehen vor ganz praktischen Fragen: Wie lange reichen Rücklagen, wo findet sich der nächste Job, und wie erklärt man potenziellen Arbeitgebern, warum man mitten in der Arbeit an einem Mega-Projekt gekündigt wurde. Selbst wenn ein Gericht ihnen später Recht gibt, bedeutet das nicht automatisch eine Rückkehr zu GTA 6. Ihr Code, ihre Ideen und ihre Arbeit könnten im fertigen Spiel auftauchen, ohne dass sie noch Teil des Teams sind, das beim Release gefeiert wird.

Für Rockstar wiederum mischt sich juristisches Risiko mit Image-Schaden zu einem explosiven Cocktail. Die Marke lebt von einer rebellischen Außenseiterpose, doch der Vorwurf, gewerkschaftsfeindlich zu agieren und Menschen mit fragwürdigen Begründungen zu entlassen, passt schlecht in das Bild des coolen Studios, das nur für Spielspaß steht. Immer mehr Spielerinnen und Spieler achten darauf, wie es hinter den Kulissen aussieht: Crunch, psychische Belastung, toxische Führung und der Umgang mit Gewerkschaften sind Themen, die das Ansehen einer Marke inzwischen genauso prägen wie Grafikqualität oder Open-World-Größe.

Schon jetzt dient der Konflikt zwischen Rockstar und IWGB vielen Beschäftigten der Spielebranche als Warnsignal. In mehreren Ländern entstehen derzeit Game-Worker-Kollektive und Gewerkschaften, von QA-Teams bis zu Senior-Entwicklern. Wie dieser Fall ausgeht, könnte sich direkt auf deren Handlungsspielraum auswirken. Sollte die IWGB ihre Vorwürfe durchsetzen, wäre das ein starkes Signal an andere Studios: Wer versucht, organisierte Beschäftigte mundtot zu machen, riskiert nicht nur schlechte Schlagzeilen, sondern auch handfeste juristische Konsequenzen. In einer Branche, die vom Hype lebt, aber auf Menschen angewiesen ist, könnte genau das zu einem längst überfälligen Umdenken führen.

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1 kommentar

Freestyle December 14, 2025 - 3:35 am

Rockstar hätte einfach verhandeln können, entscheidet sich aber offenbar für Hardliner-Modus

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