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Wenn Calling-Cards Politik werden: der KI-Streit um Call of Duty: Black Ops 7

von ytools
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Call of Duty: Black Ops 7 ist noch kaum aus dem digitalen Karton, da steckt der Shooter schon mitten in einer der heißesten Debatten unserer Zeit: Wie weit dürfen große Publisher gehen, wenn sie generative KI einsetzen, um Kosten zu sparen und Produktionszeiten zu verkürzen? Der Auslöser wirkt auf den ersten Blick harmlos – ein paar seltsam aussehende Calling-Cards im Multiplayer – doch dahinter steckt ein viel grundsätzlicherer Streit über künstlerische Arbeit, Automatisierung und Machtverhältnisse in der Spielebranche.

Spielerinnen und Spieler meldeten sich schon kurz nach Release in Foren und auf Social Media zu Wort. Schnell machten Screenshots die Runde, auf denen Profilkarten mit typischem KI-Look zu sehen waren: Figuren in pseudo-„Ghibli“-Kulissen, gleiche Gesichter, ähnliche Farbpaletten, kleine anatomische Fehler hier und da.
Wenn Calling-Cards Politik werden: der KI-Streit um Call of Duty: Black Ops 7
Für viele war klar: Das ist kein überarbeiteter Concept Art, das ist generative KI, die aus dem Datenbrei des Internets etwas zusammenstöpselt. In einem Vollpreistitel mit gigantischem Budget wirkte das für viele wie ein Schlag ins Gesicht der Künstler, die an solchen Projekten sonst mitarbeiten.

Activision reagierte mit einer Formulierung, die man mittlerweile in vielen Branchen hört: Man nutze „verschiedene digitale Werkzeuge, inklusive KI-Tools“, um Teams zu unterstützen und den Fans die bestmögliche Spielerfahrung zu liefern. Die kreative Leitung liege weiterhin bei den talentierten Menschen in den Studios. Formal mag das stimmen. Heute sind Bildgeneratoren, Upscaler und Textassistenten in vielen großen Produktionen angekommen. Doch die entscheidende Frage lautet: Dient die Technik wirklich dazu, Kreative zu entlasten – oder in erster Linie dazu, Personal einzusparen und Gewinne zu maximieren?

Genau an diesem Punkt schaltet sich Ro Khanna ein, demokratischer Abgeordneter aus Kalifornien. In einer Reihe von Posts kritisiert er, dass Unternehmen KI vor allem nutzen, um Jobs wegzurationalisieren. Innovation sei grundsätzlich gut, schreibt er, aber nur dann, wenn sie den Menschen diene. Er fordert ein Steuerrecht, das übertriebene Automatisierung nicht noch belohnt, sondern bremst. Beschäftigte müssten über Betriebsräte oder Gewerkschaften mitreden können, bevor KI flächendeckend eingeführt wird. Und: Wenn Massentlassungen eindeutig auf Automatisierung zurückgehen, könne eine Sondersteuer dafür sorgen, dass der soziale Schaden nicht allein bei den Arbeitnehmern hängen bleibt.

In der Community kommt das sehr unterschiedlich an. Einige finden: Endlich spricht mal jemand in der Politik nicht nur in Buzzwords über KI, sondern benennt das Machtgefälle zwischen Konzernen und Angestellten. Sie fragen sich, wieso ein Konzern unter dem Dach eines Tech-Giganten jeden Cent umdreht, wenn es um Artworks für kosmetische Items geht, während die Verkaufspreise der Spiele stabil hoch bleiben. Andere wiederum wittern klassischen Populismus: KI-Bashing sei gerade en vogue, und anstatt sich die wirklich harten Fälle in Werbung, Stock-Fotografie oder Buchmarkt vorzunehmen, ziehe man nun ausgerechnet am Beispiel eines Calling-Cards-Sets in Call of Duty in den Kampf.

Dass die Diskussion an Black Ops 7 hängen bleibt, liegt auch daran, dass die Reihe schon früher negativ mit KI aufgefallen ist. Bei Black Ops 6 machte eine generierte Ladebildschirm-Grafik mit Zombie-Weihnachtsmann von sich reden – Fans verspotteten sie als „KI-Glibber“ und Sinnbild für lieblosen Content. Wer die Perspektive noch weiter aufzieht, erkennt ein Muster: Comics, Filmplakate, Buchcover, Album-Art – immer wieder fliegen Fälle auf, in denen Auftragsarbeiten durch generierte Bilder ersetzt wurden, bis jemand die typischen KI-Fehler entdeckt.

Der Streit legt einen Riss in der Spielerschaft offen. Die einen sehen KI als logisch nächste Stufe nach Industrierobotern und Fließband-Automatisierung: Lass die Maschine langweilige Kleinteile übernehmen, damit sich Menschen auf das konzentrieren können, was wirklich zählt – Kern-Grafik, Kampagne, Designs, die im Gedächtnis bleiben. Aus dieser Sicht ist es effizient, wenn eine KI hunderte Embleme und Visitenkarten generiert, während Artists an Maps und Cutscenes arbeiten. Die anderen halten dagegen, dass Kunst keine austauschbare Schraube ist. Wenn selbst die vermeintlich unwichtigen Oberflächen eines Spiels nach generiertem Einheitsbrei aussehen, vermittelt das vielen das Gefühl, ein Produkt von der Stange zu spielen, statt ein sorgfältig gestaltetes Werk.

Besonders heftig reagiert die junge Generation von Artists. Viele hatten gehofft, über Juniorstellen in große Studios hineinzuwachsen, sich an kleineren Assets auszuprobieren und sich langsam hochzuarbeiten. Jetzt fürchten sie, dass genau diese Einstiegstüren verschwinden: Statt mehrerer Einsteigerinnen und Einsteiger beschäftigt man vielleicht nur noch eine erfahrene Person, die Prompts schreibt, Ergebnisse vorsortiert und Fehler ausbügelt. Befürworter der Technik kontern: Dieselben Tools könnten unabhängigen Entwicklerinnen und Entwicklern ermöglichen, allein oder in Mini-Teams Projekte zu stemmen, für die früher ein komplettes Studio nötig war – inklusive Promo-Art, Logos und Trailer-Bildern.

Khanna versucht, einen Mittelweg zu skizzieren. Er betont, dass technischer Fortschritt patriotisch und menschheitsfreundlich sein könne, wenn er sinnvoll gestaltet werde. Gleichzeitig warnt er vor einer Zukunft, in der Menschen alle paar Jahre zu „Reskill oder raus“-Programmen gezwungen werden, weil ganze Berufsfelder in rasanter Geschwindigkeit umgekrempelt werden. Seine Vorschläge – von steuerlichen Anreizen über Stärkung von Gewerkschaften bis zu Leitplanken für KI-Einsatz – sind noch weit von ausformulierten Gesetzentwürfen entfernt. Kritiker werfen ihm vor, in Allgemeinplätzen zu bleiben. Trotzdem zeigt allein die Tatsache, dass sich ein US-Abgeordneter öffentlich an der KI-Kartenkunst eines Shooters abarbeitet, wie sehr Games als Symbolfläche für die Automatisierungsdebatte dienen.

Für Activision kommt das alles zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Black Ops 7 hat ohnehin mit Kritik zu kämpfen: Die Kampagne erfordert eine dauerhafte Online-Verbindung, klassische Pausefunktionen funktionieren nur eingeschränkt, und wer zu lange untätig bleibt, fliegt aus der Mission. Erste Tests loben zwar den Ehrgeiz und die wilde Inszenierung, monieren aber ein schwankendes Qualitätsniveau und sehen insgesamt einen Rückschritt im Vergleich zum Vorjahr – Bewertungen um die 6 von 10 Punkten sind keine Seltenheit. Vor diesem Hintergrund wirkt jede Information über KI-generierte Assets wie ein weiterer Baustein in dem Gefühl, dass hier ein teurer Titel maximal effizient ausgequetscht werden soll.

Wie die Geschichte ausgeht, ist noch offen. Klar ist aber: Die Diskussion über KI in Spielen ist aus der Phase der abstrakten Grundsatztexte heraus und mitten im Alltag der Spielerinnen und Spieler angekommen. Falls Gesetzgeber den Einsatz von KI an verbindliche Arbeitnehmerrechte koppeln, könnten die Tools am Ende eher wie regulierte Industrieanlagen wirken als wie Spielzeug in den Händen des Managements. Passiert nichts, wird der ökonomische Druck Studios weiter dazu treiben, alles Automatisierbare zu automatisieren – und das Publikum wird von Fall zu Fall entscheiden müssen, ob sich eine KI-Unterstützung wie sinnvolle Hilfe oder wie kalte Rationalisierung anfühlt.

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4 kommentare

tilt November 28, 2025 - 4:14 am

In ein paar Jahren fragt vermutlich niemand mehr, ob ein Bild von KI oder Mensch ist – sondern nur noch, wer daran verdient hat. Und genau da brennt es gerade so richtig

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EchoChamber December 1, 2025 - 4:13 am

Als angehende Künstlerin fühlt sich das alles mega frustrierend an, so nach dem Motto: Danke für eure Werke als Trainingsdaten, den Rest macht jetzt die Maschine

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oleg December 1, 2025 - 6:14 pm

Ganz ehrlich, jedes Mal wenn eine neue Automatisierung kommt tun alle überrascht, als hätten wir nicht schon Roboterarme, Fahrstühle und Self-Checkout-Kassen durchgekaut 😂

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viver January 29, 2026 - 4:50 am

Das Mantra „adapt or die“ klingt immer super smart aus Manager-Mund, bis es die eigene Branche trifft. Vielleicht sollten Gewinne aus KI auch unten ankommen, nicht nur oben

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