
KI-Serie Straten van Toen: wenn der History Channel die Straßen der Niederlande in eine Zeitmaschine verwandelt
Als die virtuelle Darstellerin Tilly Norwood zum ersten Mal durchs Netz geisterte, wurde sie sofort zum Symbol einer großen Branchenangst: Ersetzen KI-Gesichter irgendwann echte Schauspielerinnen und Schauspieler? Hinter Tilly steckt die niederländische Produzentin Eline van der Velden – und genau sie wagt nun ein neues Experiment. Statt eine digitale Schauspielerin in den Vordergrund zu schieben, nutzt sie künstliche Intelligenz als Werkzeug, um Geschichte sichtbar zu machen. Ergebnis ist die kurzformatige KI-Serie Straten van Toen, produziert für die niederländische Version des History Channel.
Straten van Toen, produziert von Van der Veldens Firma Particle6 in Zusammenarbeit mit Hearst Networks, umfasst zehn kompakte Folgen. Im Mittelpunkt steht der Historiker und TV-Gesicht Corjan Mol. Er spaziert durch bekannte Straßen, Plätze und Grachten in den Niederlanden, während KI-Sequenzen eingeblendet werden, die zeigen, wie genau diese Orte früher aussahen. Die Zuschauer sehen zuerst die heutige Stadt – Fahrräder, Schaufenster, Touristen –, und dann legen sich historische Ebenen über die reale Aufnahme, als würde jemand die Zeit zurückspulen.
Von der KI-Schauspielerin zur Geschichtenerzählerin
Mit Tilly Norwood hatte Van der Velden einen Nerv getroffen. Für viele Schauspielerinnen und Schauspieler war die Figur ein Warnsignal: Wenn sich glaubhafte Gesichter aus Rechenzentren erzeugen lassen, wie viel Platz bleibt dann noch für Menschen vor der Kamera? Dass Hollywood-Star Ryan Reynolds Tilly in einen Gag verwandelte, machte die Sache nicht unbedingt besser – die Figur wurde Meme, aber auch Projektionsfläche für Sorgen rund um Deepfakes und Automatisierung.
Straten van Toen erzählt eine andere Geschichte. Hier tritt der Mensch deutlich in den Vordergrund, die KI funktioniert eher als Kulisse und Verstärker. Van der Velden betont, dass Particle6 schon länger mit KI arbeitet – im Hintergrund, etwa bei Recherche, Archivarbeit oder in der Postproduktion. Diesmal aber ist die Technik sichtbar Teil der Bildsprache, ohne die kreative Kontrolle aus der Hand zu nehmen. Historiker, Autorinnen, Grafiker und natürlich Mol selbst setzen die erzählerischen Akzente, die Modelle liefern das Rohmaterial für die Zeitreise.
So funktioniert die digitale Zeitmaschine
Die Serie stützt sich nicht auf reine Fantasie, sondern auf historische Quellen. Alte Stadtpläne, Gemälde von Grachten, Stiche, Postkarten, Schwarzweißfotos und frühe Farbfotos werden aufbereitet und dienen als Futter für die KI. Diese soll daraus glaubhafte Rekonstruktionen bauen: Dachformen, Fensterreihen, Beschilderungen, die Dichte der Bebauung, ja sogar die Art, wie das Licht auf die Fassaden fällt, orientieren sich an diesen Vorlagen, bevor ein Shot freigegeben wird.
In den rekonstruierten Straßen tauchen sowohl reale historische Figuren als auch frei kombinierte Charaktere auf. Erstere basieren auf überlieferten Namen, Berufen und Ereignissen, letztere füllen Lücken und dürfen die Fakten in Dialoge übersetzen. Corjan Mol wiederum bleibt nicht nur kommentierender Beobachter. In einigen Szenen wird er selbst Teil des Bildes: einmal steht er im Outfit eines Kaufmanns des 17. Jahrhunderts, ein anderes Mal bewegt er sich als Arbeiter durch eine Industriegegend des frühen 20. Jahrhunderts. Die Montage lässt die Kamera von der Gegenwart nahtlos in diese Szenen gleiten, sodass der Eindruck entsteht, Mol trete durch eine dünne Membran direkt in die Vergangenheit.
Optisch wirkt das Ganze wie eine Mischung aus klassischer TV-Reenactment-Doku und einem atmosphärischen Geschichtsspiel mit offenen Welten. Die reale Straße bleibt der Boden der Inszenierung, die KI legt lediglich eine weitere Schicht darüber. Statt teurer Kulissen, Komparsen und Studioaufbauten nutzt die Produktion reale Orte und rechnet die Vergangenheit in Bildteile hinein, die exakt zur Perspektive der Kamera passen.
Begeisterung, Ermüdung und die Angst vor der KI-Blase
Natürlich sind nicht alle sofort begeistert. Manche hätten lieber Formate, in denen echte Menschen völlig unperfekt aus der Geschichte erzählen – Expertinnen, Comedians oder Laien, die stolpern, lachen und durcheinanderkommen. Solche Sendungen erinnern daran, dass Geschichte immer auch Tonfall, Gestik, Missverständnis und Emotion ist. Genau das fehlt vielen bei rein digital generierten Bildern, egal wie beeindruckend sie technisch sind.
Gleichzeitig wächst die Müdigkeit gegenüber dem Buzzword KI. Viele wünschen sich im Spaß die 1990er zurück, als Fernsehsender mit liebevoll schiefen Studiokulissen, handgemachten Effekten und weniger Technologie-Marketing auskamen. Der History Channel hat in dieser Diskussion einen gemischten Ruf: Für die einen steht er noch immer für hochwertige Dokus, für andere für wild gemischte Programmschienen zwischen ernsthaft und trashig. In den Augen dieser Kritiker wirkt jede neue KI-Idee schnell wie ein weiterer Versuch, auf einen Trendzug aufzuspringen, bevor er an Fahrt verliert.
Dazu kommt die Sorge vor einer KI-Blase. Investitionen schießen in die Höhe, während gleichzeitig prominente Geldgeber sich aus bestimmten Tech-Wetten zurückziehen. In diesem Klima kann Straten van Toen sowohl als spannendes Experiment als auch als Teil eines größeren Absicherungsmanövers gelesen werden: besser noch schnell ein KI-Format im Portfolio haben, bevor der Markt abkühlt.
Besser Kulissen bauen als Menschen ersetzen
Trotzdem gibt es auch unter Skeptikern eine Art Mindestkonsens: Wenn KI im Fernsehen eine Rolle spielen soll, dann lieber dort, wo sie klar im Bereich Ausstattung, Texturen und Massenszenen bleibt, statt vollständige Menschen ersetzen zu wollen. Computer sind hervorragend darin, Ziegelreihen zu kopieren, Dächer zu staffeln, Reflexionen auf Wasseroberflächen zu simulieren oder eine Straße mit glaubwürdigen Passanten zu füllen. Empathie, Ambivalenz, Charisma – das ist weiterhin die Domäne menschlicher Gesichter.
Im Idealfall verdrängen Projekte wie Straten van Toen keine Teams aus VFX-Artists und 3D-Designerinnen, sondern erweitern ihren Werkzeugkasten. Routinearbeit könnte die KI leisten, während Profis Feinschliff und Dramaturgie verantworten. Wie so oft entscheidet am Ende das Budget, ob diese Vision Wirklichkeit wird. Doch allein die Tatsache, dass hier nicht die Schauspielerin, sondern der Stadtraum im Mittelpunkt der KI steht, macht das Projekt für viele diskutierbar statt unheimlich.
Problematisch bleibt, dass KI genauso gut überzeugende, aber falsche Details erfinden kann. Wenn die Serie nicht klar markiert, welche Elemente auf Quellen basieren und welche kreative Zuspitzung sind, verschwimmen Grenzen. Dann entsteht das Gefühl, Zeitzeugenbilder gesehen zu haben, obwohl es sich um eine ästhetische Interpretation handelt. Transparenz über Quellenlage und künstlerische Freiheiten ist deshalb entscheidend, wenn Straten van Toen mehr sein will als ein schicker Bildschirmschoner mit Geschichtsetikett.
Blaupause für künftige Geschichtsformate?
Sollte das Experiment beim Publikum ankommen, lässt sich das Konzept leicht übertragen. Man kann sich ähnliche Formate in anderen Ländern vorstellen, in denen Moderatorinnen und Moderatoren durch ihre Viertel gehen, während KI abgerissene Fabriken, verschwundene Kinos oder überbaute Plätze wieder sichtbar macht. Für Schülerinnen, Schüler und Anwohner könnte es eindrücklicher sein, die eigene Straße durch die Jahrhunderte wandern zu sehen, als vor einer Schautafel im Museum zu stehen.
Straten van Toen entsteht damit genau an der Bruchkante unserer Beziehung zur Technologie. Ein Teil der Gesellschaft ist KI-müde und sehnt sich nach einfacheren Medienzeiten, ein anderer schaut fasziniert zu, wie weit sich die klassische TV-Sprache mit neuen Werkzeugen dehnen lässt. Ob die Serie am Ende als Fußnote eines Hypes oder als Vorläufer einer neuen Generation von Geschichtsformaten in Erinnerung bleibt, ist offen. Klar ist aber: Wir wollen nicht mehr nur durch die Gegenwart laufen. Wir wollen die vergangenen Schichten der Realität mitsehen – und akzeptieren offenbar, dass Algorithmen uns dabei zumindest ein Stück weit die Bilder liefern.
1 kommentar
zugegeben, das ist eine der wenigen KI-Ideen, die ich halbwegs spannend finde, aber läuft halt auf einem Sender, den kaum noch jemand einschaltet