Für viele PC-Spieler waren nicht die monströsen Vier-Slot-Flaggschiffe der heimliche Star, sondern die bodenständigen xx50- und xx60-Modelle von AMD und NVIDIA. Genau diese Karten haben jahrelang das Rückgrat des bezahlbaren PC-Gamings gebildet: 1080p auf hohen Einstellungen, 1440p mit etwas Feintuning – und das alles, ohne dass das Konto weint. Jetzt machen jedoch Berichte aus Südkorea und der Lieferkette die Runde, nach denen ausgerechnet dieser Sweet Spot ins Fadenkreuz gerät: Wegen explodierender Speicherpreise sollen die Hersteller ernsthaft prüfen, das Budget- und Mainstream-Segment zurückzufahren.
Auslöser ist der sprunghafte Anstieg der GDDR-Preise. 
Innerhalb weniger Wochen soll der Speicher so deutlich teurer geworden sein, dass die Stückliste vieler Grafikkarten – also das komplette Materialpaket – plötzlich deutlich mehr kostet. High-End-GPUs mit vierstelligen Preisschildern stecken so etwas weg. Aber bei günstigeren Karten, deren Margen traditionell dünn sind, wird jede Preiserhöhung bei VRAM sofort spürbar. Und genau dort setzt die Überlegung an: Weniger oder gar keine xx50- und xx60-Modelle bedeuten weniger Risiko auf der Gewinnseite.
Trotzdem bewegen wir uns noch im Bereich der Gerüchte – nicht in einer offiziell verkündeten Strategie. Um das einzuordnen, hilft eine einfache Skala von 0 bis 100 Prozent: 0–20 Prozent steht für eher unwahrscheinlich, 21–40 für fragwürdig, 41–60 für plausibel, 61–80 für wahrscheinlich und 81–100 für nahezu sicher. Mit den derzeit bekannten Informationen landet dieses Szenario ungefähr bei 60 Prozent: plausibel. Die ökonomische Logik passt, Aussagen zu DRAM-Knappheit häufen sich, aber mehrere unabhängige, klare Bestätigungen fehlen noch.
Warum spielt Speicher überhaupt eine so große Rolle? Blicken wir auf den DRAM-Markt: Hersteller befinden sich mitten im KI-Goldrausch. Riesige Rechenzentren, Trainingscluster für Sprachmodelle und Beschleunigerkarten für Unternehmen verschlingen enorme Mengen an Hochleistungsspeicher. Spitzen-Hardware setzt zwar primär auf HBM, nicht auf GDDR, aber am Ende konkurrieren alle Produkte um dieselben Fertigungskapazitäten, dieselben Investitionen und dieselben Management-Entscheidungen. Was am meisten Umsatz pro Wafer bringt, hat Priorität – und das sind derzeit KI- und Enterprise-Lösungen.
Für den Rest des Marktes fühlt sich das an wie ein Dominoeffekt. Sobald ein Teil der Kapazität umgeschichtet wird, wird Standard-DRAM knapper, GDDR wird knapper, und in der Lieferkette setzt das bekannte Muster ein: »Lieber jetzt einkaufen, bevor es noch teurer wird.« Mainboard-Hersteller, Notebook-Anbieter und Systemintegratoren versuchen, sich frühzeitig mit Speicher einzudecken. Diese Vorzieheffekte heizen den Preisanstieg zusätzlich an – eine selbsterfüllende Prophezeiung, bei der am Ende der Endkunde zahlt.
Für Grafikkarten ergibt sich daraus eine sehr nüchterne Rechnung. Eine Enthusiasten-GPU für 1.500 Euro kann ein paar Dollar Mehrkosten pro Speicherchip verkraften, ohne dass der Hersteller schlaflose Nächte bekommt. Eine Karte im typischen »300–400-Euro-Bereich« hat diese Luft nicht. Also muss entweder der Endpreis hoch – womit der Mainstream in Richtung Oberklasse rutscht – oder das Angebot wird ausgedünnt. Aus Käufersicht sieht das dann so aus, als würden xx50- und xx60-Karten langsam verschwinden oder zu Preisen angeboten, die nichts mehr mit ihrem ursprünglichen Anspruch als Preis-Leistungs-Tipp zu tun haben.
Die Reaktion der Community ist entsprechend heftig. In Foren und Kommentarspalten ist von einer »PC-Masterrace nur noch für Reiche« die Rede, andere schimpfen darüber, dass Manager angeblich den kompletten RAM-Markt für KI abschöpfen und Gamer mit Restbeständen abspeisen. Viele sind überzeugt, dass das Budget-Segment ohnehin schon seit der letzten oder vorletzten Generation auf dem Rückzug ist – dieses Gerücht wäre dann nur der letzte Nagel im Sargdeckel.
Gleichzeitig gibt es auch eine nüchternere Sichtweise. Kritische Stimmen weisen darauf hin, dass KI-Beschleuniger primär HBM nutzen und die Verbindung zu GDDR-Preisen daher komplexer ist, als manche Schlagzeile suggeriert. Außerdem zeigt die Hardware-Umfrage von Steam seit Jahren: Ein riesiger Teil der Spieler nutzt ältere GPUs, oft Karten im Stil einer RX 580 oder einer 60er-Klasse aus der vorigen Generation – und kommt damit in den meisten Spielen gut zurecht, solange man grafische Regler sinnvoll einstellt. Handheld-PCs wie das Steam Deck beweisen zusätzlich, dass clevere Optimierung und Auflösungsskalierung viel kompensieren können.
In diesem Spannungsfeld entsteht aber auch eine Chance für neue oder kleinere Spieler. Wenn AMD und NVIDIA das Einsteiger- und Mittelklasse-Segment tatsächlich lockern, könnte Intel mit seinen Arc-GPUs eine deutlich größere Rolle spielen. Die Treiber werden Stück für Stück erwachsener, und eine zukünftige Arc-Karte mit solidem Leistung-pro-Euro-Verhältnis hätte plötzlich ein sehr dankbares Publikum. Parallel gewinnen integrierte Grafikeinheiten, Cloud-Gaming und Konsolen an Attraktivität – nicht aus purer Begeisterung, sondern weil sie für viele schlicht der pragmatischere Weg sind.
Kurzfristig bleibt die Lage für Aufrüster allerdings angespannt. RAM-Preise haben bereits angezogen, einzelne Hersteller von Notebooks und Mainboards warnen offen vor weiteren Aufschlägen, falls die DRAM-Situation angespannt bleibt. Sollten Boardpartner der großen GPU-Marken nachziehen, droht ein Déjà-vu der Krypto- und Pandemie-Jahre: Karten, die eigentlich als »für alle« gedacht waren, kratzen plötzlich an Preisregionen früherer High-End-Modelle, während echte Billiglösungen so viele Kompromisse mitbringen, dass man sie kaum empfehlen kann.
Was bedeutet das konkret für Gamer? Wer eine faire Gelegenheit für eine solide Mittelklasse-GPU mit ausreichend VRAM findet – zum Beispiel für flüssiges 1080p-Gaming mit hohen Einstellungen –, kann durchaus überlegen, jetzt zuzuschlagen, statt auf die nächste Preiswelle zu warten. Gleichzeitig ist Panikkauf aber der schlechteste Ratgeber: Wer ohne nachzudenken jeden überteuerten Deal akzeptiert, bestätigt genau das Preisniveau, über das sich alle beschweren. Der Gebrauchtmarkt bleibt eine wichtige Option, ebenso wie die Überlegung, vorerst bei Konsole oder Handheld zu bleiben oder die eigene Grafikkarte noch eine Generation länger auszureizen.
Unterm Strich bleibt vor allem eines: Unsicherheit. Die Speicherkrise ist real, Hersteller werden immer dorthin gehen, wo die Margen am höchsten sind, und das Budget-Segment war schon immer der leichteste Hebel, um kurzfristig Zahlen zu retten. Das Gerücht vom möglichen Ende wirklich günstiger GPUs wirkt deshalb erschreckend plausibel, ist aber noch kein unterschriebener Beschluss. Wer wissen will, wohin die Reise geht, sollte auf die nächsten Produkt-Roadmaps achten: Wie viele echte Mainstream-Karten werden noch vorgestellt, wie groß ist der Fokus auf Flaggschiffe, und wie oft fällt in Quartalsberichten das Stichwort DRAM-Kosten? Die Antworten darauf entscheiden, ob bezahlbares PC-Gaming nur durch ein Tal der Tränen muss – oder ob es sich dauerhaft in eine Luxus-Nische verschiebt.
1 kommentar
am schlimmsten sind die Posts: neue RTX eingebaut, Lüfter zucken kurz, Num-Lock leuchtet, aber kein Bild – Panikmodus over 9000 😭