Über mehr als ein Jahrzehnt war Tim Cook das Gesicht der Stabilität in einer Branche, die von Hypes, Übertreibungen und ständigen Krisenmeldungen lebt. Ohne die legendären Showeinlagen eines Steve Jobs, dafür mit fast schon stoischer Ruhe, hat er Apple zur wertvollsten börsennotierten Firma der Welt und zu einem globalen Statussymbol gemacht. Nun mehren sich Berichte, unter anderem von renommierten Wirtschaftsmedien, dass diese Ära ihrem Ende entgegengehen könnte. 
Demnach bereitet sich Cook darauf vor, den Chefposten in den nächsten Jahren abzugeben, während der Aufsichtsrat bereits intensiv an einer geregelten Nachfolge arbeitet. Für Apple wäre das weit mehr als ein Personalwechsel: Es könnte zum Wendepunkt werden, an dem der Konzern entscheiden muss, ob er weiterhin auf perfekte Verfeinerung setzt – oder wieder mutiger experimentiert.
Was bisher durchgesickert ist, deutet darauf hin, dass der Übergang deutlich konkreter geplant wird, als Apple nach außen erkennen lässt. Der Konzern ist dafür bekannt, seine Erzählung streng zu kontrollieren und wichtige Personalentscheidungen möglichst lange unter Verschluss zu halten. Beobachter rechnen deshalb eher mit einer Bekanntgabe rund um die Veröffentlichung der Geschäftszahlen Anfang 2026 als mit einem spontanen Paukenschlag. Hinter den Kulissen allerdings soll der Zeitplan ambitionierter aussehen: Viele Analysten erwarten, dass ein neuer CEO spätestens zur Entwicklerkonferenz WWDC im Juni auf der Bühne steht. Wer dort die Keynote hält, präsentiert sich nicht nur als oberster Manager – sondern als Person, die den Kurs für die nächste Apple-Dekade ausruft.
In den Gängen von Cupertino fällt dabei immer häufiger ein Name: John Ternus. Der Senior Vice President of Hardware Engineering gilt als Schlüsselfigur hinter den letzten iPhone-Generationen, dem iPad-Portfolio und vor allem dem strategischen Schritt, den Mac komplett auf hauseigene Apple-Silicon-Chips umzustellen. Während Cook aus der Welt der operativen Exzellenz kommt – Lieferketten, Produktion, Margen –, ist Ternus klassischer Produktmann und Ingenieur. Sollte er tatsächlich an die Spitze rücken, wäre das ein klares Signal: Nach Jahren, in denen Effizienz, Skalierung und finanzielle Optimierung im Vordergrund standen, will Apple sich wieder stärker über mutige Hardware-Entscheidungen definieren. Der Wechsel vom Logistik-Strategen zum Technik-Tüftler hätte eine enorme Symbolkraft.
Interessant ist auch der zeitliche Rahmen: Von der Dauer her nähert sich Cooks Amtszeit der zweiten Ära von Steve Jobs bemerkenswert an, formal hat er ihn bereits überholt und ist der am längsten dienende CEO der Firmengeschichte. In der Wahrnehmung vieler wirken die beiden trotzdem wie Gegenpole. Jobs wurde zum popkulturellen Mythos – Protagonist von Filmen, Biografien und endlosen Legenden über geniale Wutausbrüche und „one more thing“-Momente. Cook hingegen gilt als nüchterner Verwalter. Doch ein Blick auf die Zahlen relativiert dieses Bild: Unter seiner Führung hat sich die Marktkapitalisierung von Apple ungefähr verelfacht, und zeitweise war das Unternehmen so viel wert wie ein zweistelliger Prozentsatz der gesamten US-Wirtschaftsleistung. Bei dieser Größenordnung noch Wachstum zu generieren, ist eine völlig andere Disziplin als eine angeschlagene Firma zu retten.
Die lauteste Kritik an Cook entzündet sich weniger an der Bilanz als am Gefühl, Apple sei in einen Dauerzustand der Iteration geraten. Viele Beobachter sprechen von „S-Jahr-Mentalität im Dauerloop“: Hier eine etwas bessere Kamera, dort ein etwas schnellerer Chip, ein paar zusätzliche Stunden Akkulaufzeit, eine neue Gehäusefarbe – und dazu ein Preisschild, das verlässlich nach oben zeigt. Besonders der iPhone-Bereich steht im Fokus. Seit Mitte der 2010er Jahre pendeln die jährlichen Verkaufszahlen relativ stabil in einem Korridor von rund 200 bis knapp 250 Millionen Geräten. Das ist beeindruckend stabil, aber eben nicht mehr der explosive Wachstumskurs früherer Jahre. Parallel dazu ist das Services-Geschäft mit App Store, iCloud, Musik- und Videodiensten zu einem gigantischen Ertragsmotor herangewachsen, was die Wahrnehmung verstärkt, Apple schöpfe vor allem die bestehende Nutzerbasis ab, statt eine völlig neue Produktkategorie zu zünden.
Über all dem schwebt der kultische Nachhall von Steve Jobs. Seine Person wurde längst in den Rang einer historischen Figur erhoben; selbst staatliche Institutionen beteiligen sich an dieser Ikonisierung, etwa durch geplante Gedenkprägungen. Wenn jemand als der Mann gilt, der Computer, Musikindustrie, Animation und Smartphones nacheinander umgekrempelt hat, wirkt jeder Nachfolger automatisch blasser. Cooks Stil – analytisch, prozessorientiert, frei von Showgesten – war nie darauf angelegt, diesen Mythos zu überstrahlen. Gleichzeitig war es genau diese Art von Führung, die es Apple ermöglichte, Innovation zu industrialisieren: Produkte werden heute in beispielloser Stückzahl weltweit fast zeitgleich eingeführt, die Lieferkette gilt als eine der robustesten und effizientesten im gesamten Technologiesektor. Diese unspektakuläre, aber essentielle Grundlage trägt einen großen Teil von Apples Erfolg in der Cook-Ära.
Vor diesem Hintergrund wirkt die mögliche Beförderung von John Ternus so spannend. Ein CEO mit tiefem Hardware-Know-how denkt zwangsläufig zuerst in technischen Möglichkeiten und Grenzen – und nicht nur in Quartalszahlen. Hinter vorgehaltener Hand ist zu hören, dass unter einem solchen Topmann die Strategie der minimalen, aber geschickt vermarkteten Unterschiede zwischen Gerätegenerationen an Bedeutung verlieren könnte. Stattdessen stünden größere Wetten auf der Agenda: neue Gerätekategorien, mutigere Formfaktoren, noch engere Verzahnung von Apple-Silicon-Chips mit On-Device-KI, also intelligenter Software, die direkt auf dem Gerät läuft und nicht dauerhaft auf die Cloud angewiesen ist. Kurz gesagt: weniger kosmetische Modellpflege, mehr Versuche, das Verständnis von „Smartphone“, „Computer“ oder „Headset“ wirklich neu zu definieren.
Kommt die Staffelübergabe rechtzeitig vor der nächsten WWDC, wird der erste Auftritt des neuen CEO zwangsläufig als Programmschrift gelesen. Investoren, Entwicklerinnen und Hardcore-Fans werden jede Folie, jede Formulierung analysieren: Bleibt Apple auf dem bekannten Pfad der vorsichtigen Optimierung, bei dem Services und Preisdifferenzierung im Vordergrund stehen? Oder deutet sich ein Kurswechsel an hin zu riskanteren, aber potenziell wegweisenden Projekten? Ein Chef mit einem Profil wie Ternus dürfte Themen wie Spatial Computing und Mixed Reality, also Brillen und Headsets mit räumlichem Bewusstsein, stärker betonen. Ebenso realistisch sind Schwerpunkte auf smarteren Alltagsgeräten mit lokaler KI, erweiterten Gesundheits- und Fitnessfunktionen in der Apple-Watch-Familie und verbindlichen Nachhaltigkeitszielen, die bereits im Produktdesign und im Recycling verankert werden.
All diese Spekulationen ändern nichts daran, dass Tim Cook bereits jetzt ein gewaltiges Erbe hinterlässt. Er manövrierte Apple durch Handelskonflikte, eine globale Pandemie, Chip-Engpässe und den Übergang von einem Wachstums- zu einem Reife-markt bei Smartphones – und das, ohne die Profitabilität zu opfern. Dennoch sind Führungswechsel bei Konzernen dieser Größenordnung nie nur Verwaltungsakte. Sie markieren einen Wechsel der Erzählung darüber, wohin das Unternehmen will. Sollte Cook tatsächlich den Stab übergeben und jemand wie John Ternus das Ruder übernehmen, könnte das das Ende einer langen Phase hochpräziser, aber vorhersehbarer Produktpflege einläuten. An ihre Stelle träte möglicherweise eine experimentellere, risikofreudigere Phase – mit der Chance auf echte Sprünge nach vorn, aber auch mit der Gefahr sichtbarer Fehlversuche. Nach vielen Jahren, in denen Apple vor allem die bestehende Erfolgsformel perfektioniert hat, könnte es nun darum gehen, den nächsten großen Wurf nicht nur zu verwalten, sondern aktiv zu suchen.
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Ein CEO mit Hardware-Background könnte genau das sein, was fehlt: weniger Marketing-Feature-Cut und mehr Produkte, die technisch wirklich am Limit sind