Der mögliche Wechsel des ehemaligen TSMC-Spitzenmanagers Dr. Wei-Jen Lo zu Intel sorgt in der Chipbranche für spürbare Nervosität. 
Auf dem Lebenslauf betrachtet ist es ein klassischer Top-Transfer: ein erfahrener Technologe verlässt den Marktführer und soll einem Konkurrenten beim Aufholen helfen. Doch hier geht es nicht nur um Karriereplanung, sondern um mögliche Einblicke in 2-nm- und sogar 1,6-nm-Technologie, um taiwanisches Recht zu Geschäftsgeheimnissen – und um die Frage, wie fair dieser Wettlauf um jeden Nanometer eigentlich noch ist.
Lo verbrachte fast zwei Jahrzehnte bei TSMC und gehörte zum inneren Kreis der Entscheider. Er war an der Einführung der EUV-Lithografie beteiligt, half, die Roadmap für die nächsten Technologiegenerationen zu formen, und kennt die Details der Fertigung weit über das hinaus, was in Folienpräsentationen steht. Er weiß, welche Prozessvarianten TSMC ausprobiert und wieder verworfen hat, welche Tricks beim Yield-Scaling funktionieren und wie die berühmten Taskforces des Unternehmens unter hohem Zeitdruck arbeiten.
Genau deshalb berichten mehrere taiwanische Medien, TSMC prüfe rechtliche Schritte und berufe sich dabei auf das taiwanische Gesetz zu Geschäftsgeheimnissen. Es geht nicht nur darum, dass ein leitender Mitarbeiter zu einem Rivalen wechselt – das passiert in jeder Wachstumsbranche. Im Fokus steht Los Angewohnheit, bei internen, vertraulichen Meetings akribische handschriftliche Notizen zu führen, um sie später noch einmal im Detail auszuwerten.
Beim Ausscheiden aus dem Unternehmen soll Lo gleich mehrere Kartons voller Notizbücher mitgenommen haben. Für sich genommen sind das zunächst persönliche Unterlagen und kein Beweis für ein Fehlverhalten. Aber die Frage liegt auf der Hand: Was steht in diesen Heften? Enthalten sie konkrete Prozessparameter für 2-nm- und 1,6-nm-Knoten, besondere Layout-Kniffe, interne Eskalationswege oder die Struktur der Schnellreaktionsteams? Wenn ja, könnte daraus bei seinem Einstieg bei Intel ein faktischer Technologietransfer werden – selbst dann, wenn nie ein offizielles Dokument den Besitzer wechselt.
Aus Sicht von Intel wirkt das Ganze wie eine seltene Gelegenheit. Der Konzern versucht, sich mit Intel Foundry als globaler Auftragsfertiger neu zu erfinden, staatliche Fördermittel zu sichern und gleichzeitig wieder technologisch an TSMC und Samsung heranzurücken. Jemanden ins Boot zu holen, der TSMCs Denkweise, Fehlertoleranz, Krisenmodus und Prioritätenliste aus erster Hand kennt, wäre ein enormer Hebel. Oft ist es wichtiger zu wissen, welche Sackgassen man nicht noch einmal betreten darf, als eine einzelne neue Prozessidee mitzubringen.
In den Kommentarspalten ist die Diskussion längst emotional. Viele erinnern sich an die jahrelange Erzählung aus dem Westen, nach der vor allem chinesische Firmen geistiges Eigentum abziehen würden. Nun sieht es so aus, als würde ein US-naher Champion sehr offensiv versuchen, einen der Köpfe hinter TSMCs 2-nm-Programm abzuwerben – inklusive der Geschichte von Kisten voller Notizen. Kritiker sprechen von Doppelmoral und holen spöttische Spitznamen wie „Shintel“ wieder hervor.
Gleichzeitig ist klar: Talentabworb ist in der Tech-Welt keine Ausnahme, sondern Alltag. Doch dieser Fall liegt an einer empfindlichen Schnittstelle zwischen nationaler Industriepolitik, wirtschaftlicher Sicherheit und Unternehmensethik. Enthusiasten wünschen sich einen Wettbewerb, der primär über bessere Produkte und saubere Roadmaps entschieden wird, nicht über eine Mischung aus diplomischem Druck, Juristerei und aggressivem Abjagen von Schlüsselpersonen.
TSMC steht damit vor einem Balanceakt. Das Unternehmen muss seine Kronjuwelen – die modernsten Fertigungsprozesse der Welt – konsequent schützen, gerade weil sie auch für Taiwans geopolitisches Gewicht entscheidend sind. Gleichzeitig darf das Signal an die eigene Belegschaft nicht lauten, dass jeder Karriereschritt sofort unter Generalverdacht steht. Eine zu harte Linie könnte die Mobilität hochqualifizierter Fachkräfte einschränken und auf Dauer das Image als attraktiver Arbeitgeber beschädigen.
Auch für Intel ist der Fall riskant. Die Foundry-Sparte möchte als vertrauenswürdige Alternative zu TSMC wahrgenommen werden – von großen Cloud-Anbietern genauso wie von Designhäusern und Regierungen. Wenn der Eindruck entsteht, man verschaffe sich Vorteile über eine Grauzone zwischen Wissenstransfer im Kopf und rechtlich heiklen Notizen, kann das Beziehungen belasten. Gleichzeitig ist absehbar, dass eine starke Person wie Lo intern Druck machen würde: weniger Bürokratie, mehr Fokus auf Yield, mehr Entscheidungsfreude – kurz, ein Stück TSMC-DNA in einem traditionell schwerfälligen Konzern.
Im größeren Kontext zeigt der Streit um ein paar Kartons mit Notizbüchern, wie sensibel die Branche mittlerweile ist. 2-nm- und künftige 1-Komma-irgendwas-Knoten sind nicht bloß Prestigeprojekte, sie sind die Basis für KI-Beschleuniger in Rechenzentren, High-End-Smartphones, Kommunikationsinfrastruktur und militärische Systeme. Wer diese Fertigung beherrscht, kontrolliert einen der wichtigsten Rohstoffe des 21. Jahrhunderts: Rechenleistung.
Noch ist nichts entschieden. TSMC soll intern weiter prüfen, welche Schritte juristisch und politisch möglich sind, Intel schweigt offiziell, und von konkreten Anklagen ist bislang nichts bekannt. Bis klar ist, was genau in den Notizen steht und wie mit dem Wissen von Lo umgegangen wird, bleibt vieles Spekulation. Doch eines hat der Fall schon jetzt deutlich gemacht: In einer Branche, in der Vertrauen und Technologie so eng verwoben sind, kann selbst ein Stapel unscheinbarer Hefte zum Symbol einer globalen Machtprobe werden.
2 kommentare
cloudflare kann uns nicht besiegen!!! hat nix mit dem Fall zu tun, aber die Vibes sind ähnlich chaotisch 😂
Shintel is back, feels like sie spielen wieder genau in dieser Grauzone zwischen legal und ziemlich schmutzig, zumindest wirkt es so von außen