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PokéPark Kanto: Wie der Pokémon-Wald zum Traum – und zur Hürde – für Fans wird

von ytools
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Für viele Fans klang die Ankündigung von PokéPark Kanto wie der ultimative Kindheitstraum: ein dauerhaftes Pokémon-Areal in Japan, mitten in einem großen Freizeitpark, mit Stadt, Wald und dutzenden kleinen Anspielungen auf Spiele und Anime. Doch noch bevor die ersten Besucher überhaupt durch das Tor laufen, sorgt vor allem ein Detail für Diskussionen: Wer den Pokémon-Wald betreten will, muss in der Lage sein, 110 Stufen ohne Hilfe zu bewältigen.

Was wie eine nüchterne Sicherheitsregel wirkt, entpuppt sich schnell als Zündstoff. Denn damit entscheidet ein einziger Satz in der Hausordnung darüber, wer den zentralen Teil dieser neuen Pokémon-Welt erleben darf – und wer trotz bezahltem Ticket vor der Treppe stehenbleibt.

PokéPark Kanto: Ein Park im Park

PokéPark Kanto ist kein eigenständiger Themenpark, sondern eine große Pokémon-Zone innerhalb von Yomiuriland, einem der größten Vergnügungsparks in der Region Tokio.
PokéPark Kanto: Wie der Pokémon-Wald zum Traum – und zur Hürde – für Fans wird
Man kann es sich wie einen „Park im Park“ vorstellen: Hinter einem weiteren Eingang öffnet sich eine eigene Pokémon-Welt mit Musik, Deko, Essen und Merchandising, die komplett um Pikachu, Glumanda & Co kreist.

Das Areal ist grob in zwei Bereiche geteilt. Da ist zum einen der Pokémon-Wald, eine naturnahe Strecke durch ein bewaldetes Gebiet. Und zum anderen Sedge Town, eine Art kleine Stadt: mit Läden, Imbissständen, ruhigeren Attraktionen und dem Sedge Gym, in dem Shows, Auftritte und Meet-&-Greets mit Pokémon stattfinden. Während Sedge Town eher klassisches Freizeitpark-Flair mit gepflasterten Wegen und Sitzbänken bietet, ist der Wald bewusst als Kontrast angelegt.

Der Pokémon-Wald: mehr Wanderweg als Fotokulisse

Der Pokémon-Wald (Pokémon Forest) ist laut offizieller Beschreibung rund 500 Meter lang und folgt dem natürlichen Gelände. Das bedeutet: Steigungen, Gefälle, unebene Abschnitte, Tunnel und mehrere Treppen. Entlang der Strecke stoßen Besucherinnen und Besucher auf Statuen und Szenen, die so platziert sind, als würden die Pokémon tatsächlich in diesem Wald leben – beim Spielen, Ausruhen oder Kämpfen.

Anders als viele Themenbereiche, die auf breiten Asphaltwegen mit Deko links und rechts gesetzt werden, funktioniert der Wald eher wie eine leichte Wanderstrecke mit Fanservice. Genau deshalb verweist der Park so deutlich auf die körperlichen Anforderungen – und genau deshalb entsteht das Spannungsfeld zwischen Immersion und Inklusion.

Wer im Wald draußen bleiben muss

Die Regeln für den Pokémon-Wald sind außergewöhnlich detailliert. In der englischen Version der Webseite heißt es, dass nur Personen hineindürfen, die selbständig 110 Stufen hinaufsteigen können. Die japanische Fassung macht explizit klar, dass der Wald für Menschen im Rollstuhl nicht zugänglich ist. Es handelt sich nicht um eine Teilsperre oder einen alternativen Zugang – die gesamte Strecke ist für Mobilitätshilfen nicht ausgelegt.

Hinzu kommen weitere Einschränkungen: Kinder unter fünf Jahren sind generell ausgeschlossen, auch wenn sie von Erwachsenen begleitet werden. Darüber hinaus rät der Park Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, starkem Blutdruck (ob hoch oder niedrig), Schwangeren sowie Besucherinnen und Besuchern, die Alkohol getrunken haben oder sich krank fühlen, davon ab, den Wald zu betreten. Diese Art von Warnhinweisen kennt man eher von Achterbahnen und Freefall-Towern. Hier betreffen sie jedoch eine komplette Kernattraktion.

Teurer Eintritt, aber nur halbe Erfahrung?

Zum Start bietet PokéPark Kanto zwei Ticketkategorien an. Der Ace Trainer’s Pass stellt das Premiumpaket dar: Für 14.000 Yen gibt es freien Zugang zu Pokémon-Wald und Sedge Town, bevorzugte Warteschlangen, reservierte Plätze für Shows im Sedge Gym, organisierte Treffen mit Figuren und exklusive Fanartikel. Der günstigere Trainer’s Pass kostet 7.900 Yen, schließt Sedge Town unbegrenzt ein und gewährt ein festes Zeitfenster für den Besuch des Waldes.

In beiden Fällen wird der Pokémon-Wald als Bestandteil der Leistung beworben – als Herzstück des Abenteuers. Gleichzeitig existieren ermäßigte Preise für Kinder, Seniorinnen und Senioren sowie Menschen mit Behinderung. Eigentlich ein positives Signal. Doch gerade für Gruppen wie Rollstuhlfahrer oder drei- bis vierjährige Kinder wirkt es paradox: Das Ticket wird zwar rabattiert, aber der spektakulärste Bereich bleibt komplett versperrt.

Viele Eltern fragen sich: Warum soll ein Kleinkind denselben Kinderpreis zahlen wie ein Zwölfjähriger, wenn es aus Sicherheitsgründen nicht einmal den Fuß in den Wald setzen darf? Und Menschen mit eingeschränkter Mobilität berichten von dem schalen Gefühl, zwar „mitgedacht“ zu werden, aber gleichzeitig sehr deutlich zu spüren, dass die wichtigste Attraktion genau für sie nicht existiert.

Zwischen echter Diskriminierung und physikalischer Realität

Die Debatte in den sozialen Netzwerken ist entsprechend polarisiert. Für die eine Seite ist das Ganze ein trauriges Beispiel dafür, wie Barrierefreiheit noch immer hinten ansteht, sobald es um „Prestige-Erlebnisse“ geht. Gerade weil Pokémon als Marke seit Jahrzehnten Vielfalt, Freundschaft und das Überwinden von Grenzen beschwört, wirkt der Ausschluss bestimmter Gruppen aus dem Wald wie ein deutlicher Bruch mit diesem Image.

Auf der anderen Seite stehen Stimmen, die darauf verweisen, dass der Wald eben keine Kulisse im Flachland sei, sondern ein echter, steiler Pfad. Sie ziehen Vergleiche zu Nationalparks, Küstenwegen oder Höhlenführungen, bei denen Treppen, enge Durchgänge und rutschige Stufen dazugehören. Vollständige Barrierefreiheit sei in solchen Umgebungen nur mit massiven Eingriffen in die Natur umzusetzen – mit langen Rampen, Betonbauten und Geländern überall. Dann wäre es zwar rollstuhltauglicher, aber von „Waldgefühl“ bliebe nicht viel übrig.

Diese Gruppe argumentiert, dass es – so unangenehm das klingt – Aktivitäten gibt, bei denen sich physische Grenzen nicht komplett wegdiskutieren lassen. Wer starke Mobilitätseinschränkungen hat, stößt eben nicht nur in Freizeitparks, sondern auch im Gebirge, am Meer oder in historischen Gebäuden an Hürden.

Gamer, Fitness und die Frage der Eigenverantwortung

Inmitten der ernsthaften Diskussion rund um Inklusion taucht eine weitere, eher spöttische Lesart auf. Einige Nutzerinnen und Nutzer meinen, ein Teil des lautesten Protests komme gar nicht von Menschen mit Behinderung, sondern von Gaming-Fans, die es gewohnt sind, Pokémon ausschließlich vom Sofa aus zu erleben. Für sie fühlt es sich offenbar wie persönliche Kränkung an, dass ein großes Pokémon-Highlight plötzlich echte Bewegung erfordert – und nicht nur Knopfdruck.

Parallel dazu wird immer wieder auf die Eigenverantwortung verwiesen. Die Regeln sind öffentlich einsehbar, lange bevor man ein Ticket kauft. Wer weiß, dass er gesundheitlich eingeschränkt ist oder schon bei wenigen Treppen außer Atem gerät, könnte sich vorab informieren und überlegen, ob sich der Besuch lohnt oder ob vielleicht ein anderes Ticket besser passt. Aus dieser Sicht entspringt ein Teil der Empörung weniger echter Diskriminierung, sondern schlicht dem Umstand, dass viele Menschen ungern das „Kleingedruckte“ lesen.

Ansätze für mehr Ausgleich: Stadt-Ticket und Alternativen

Selbst jene, die die Sicherheitslogik des Parks nachvollziehen, sind sich einig: Es gäbe Möglichkeiten, die Lücke zwischen immersiver Naturerfahrung und Inklusion etwas kleiner zu machen. Diskutiert werden etwa ein kürzerer, weitgehend ebener Rundweg innerhalb des Waldes, der für Rollstühle und jüngere Kinder geeignet wäre, oder ein aufwendig produzierter Videorundgang mit AR-Elementen in Sedge Town, mit dem Besucherinnen und Besucher zumindest virtuell durch den Wald geführt werden könnten.

Immerhin arbeitet der Park an einer teilweisen Lösung: Laut japanischer Webseite soll im Sommer 2026 ein reines Stadt-Ticket eingeführt werden, das ausschließlich Zugang zu Sedge Town bietet und deutlich günstiger ist als die bisherigen Pässe. Es wird unterschiedliche Preise für Erwachsene, ältere Menschen, Kinder und Personen mit Behinderung geben. Für alle, die ohnehin wissen, dass sie die Treppen nicht schaffen oder keine Lust auf eine halbe Stunde bergauf haben, ist das eine fairere Option, weil sie nicht für eine Leistung zahlen, die sie nie nutzen werden.

Das Grundproblem bleibt jedoch bestehen: Der Pokémon-Wald bleibt auch dann eine Art „Premium-Erlebnis für körperlich Fitte“ in einer Marke, die sich sonst gern als offen für alle präsentiert.

Strenge Regeln auch bei Kamera, Gepäck und Essen

Die Strenge des Parks zeigt sich nicht nur bei der Zugangsfrage zum Wald. PokéPark Kanto reglementiert auch sehr genau, was Besucherinnen und Besucher mitbringen und wie sie filmen dürfen. Kommerzielle Aufnahmen ohne vorherige Genehmigung sind untersagt, ebenso jede Art von Video, die den Ablauf stört oder anderen Gästen auf die Nerven geht. Taschen werden am Eingang kontrolliert, große Koffer, Drohnen, Selfie-Sticks und Haustiere sind verboten – mit Ausnahme von Assistenzhunden.

Beim Thema Verpflegung fährt der Park eine ähnlich klare Linie: Essen und Getränke von außerhalb sind im PokéPark Kanto nicht erlaubt, selbst wenn sie im übrigen Yomiuriland gekauft wurden. Ausnahmen gelten nur für Kleinkinder und Menschen mit speziellen Ernährungsbedürfnissen. Alle anderen müssen auf das gastronomische Angebot im Park zurückgreifen – ein Konzept, das man aus vielen großen Freizeitparks kennt, das aber in der Summe mit den übrigen Vorgaben das Bild eines sehr stark kontrollierten Umfelds zeichnet.

Zwischen Sicherheitskalkül und Fan-Enttäuschung

Aus Sicht des Betreibers wirkt vieles an der Entscheidung nachvollziehbar: Der Pokémon-Wald ist keine Deko-Flaniermeile, sondern ein echter, wenn auch kurzer Naturpfad. Klar kommunizierte Zutrittsregeln, Gesundheitswarnungen und Altersbeschränkungen können Unfälle verhindern und machen deutlich, dass es hier nicht um eine gemütliche Runde mit Kinderwagen geht. Die rabattierten Tickets und das geplante Stadt-Ticket zeigen außerdem, dass man sich bewusst ist, dass nicht alle Gäste denselben Zugang haben.

Aus Fanperspektive sieht die Sache jedoch komplizierter aus. Pokémon lebt von der Idee, dass jede und jeder zum Trainer werden kann – unabhängig von Herkunft, Background oder körperlicher Verfassung. Wenn dann eine der wichtigsten Attraktionen strikt an eine bestimmte körperliche Leistungsfähigkeit gekoppelt wird, prallt Marketing-Versprechen auf Infrastruktur-Realität. Für manche bleibt am Ende das Gefühl: Die Geschichte, in der „alle gemeinsam auf Abenteuerreise gehen“, findet hier nur für einen Teil der Community statt.

PokéPark Kanto steht damit stellvertretend für ein größeres Thema, das weit über Pokémon hinausgeht: Wie lassen sich glaubwürdige Naturerlebnisse schaffen, ohne Menschen mit körperlichen Einschränkungen systematisch auszuschließen? Der Pokémon-Wald dürfte für viele Besucherinnen und Besucher, die die Treppen schaffen, ein Highlight werden. Die eigentliche Bewährungsprobe für den Park könnte allerdings darin liegen, Wege zu finden, wie sich auch diejenigen, die unten am Fuß der 110 Stufen bleiben müssen, als vollwertige Trainer fühlen – und nicht nur als Zaungäste.

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1 kommentar

Interlude December 29, 2025 - 10:57 am

Natürlich ist es hart für Menschen mit echten Einschränkungen, aber komplett ohne Grenzen geht es nun mal nicht. Manche Aktivitäten sind körperlich einfach nicht für alle machbar

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