
Chopard L.U.C Grand Strike: Wenn eine Grande Sonnerie zur lebendigen Maschine am Handgelenk wird
Es gibt Uhren, und es gibt Uhren, bei denen man unwillkürlich das Gefühl hat: Hier wollte eine Manufaktur nicht einfach ein weiteres Luxusobjekt bauen, sondern eine Aussage treffen. Der Chopard L.U.C Grand Strike gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Auf dem Papier ist er „nur“ eine Armbanduhr mit Tourbillon, Grande Sonnerie, Petite Sonnerie und Minutenrepetition
. In der Realität ist er ein kleines mechanisches Instrument, das den Raum mit Klang füllt, die Grenzen der klassischen Komplikation auslotet – und nebenbei demonstriert, wie weit man akustische Uhrmacherei im 21. Jahrhundert treiben kann, wenn man bereit ist, 11.000 Entwicklungsstunden zu investieren.
Über Jahrzehnte hinweg hatte sich ein stiller Konsens breitgemacht: Schlagwerk-Uhren sind faszinierend, aber leise, extrem empfindlich und im Alltag eher etwas, das man ehrfürchtig bewundert als benutzt. Man achtete die Tradition, bezahlte sechsstellige Summen und akzeptierte im Gegenzug, dass der Repetitionsklang oft nur zu hören war, wenn man alle im Raum zum Schweigen bat und die Uhr direkt ans Ohr hielt. Klangqualität, Lautstärke, Dauerhaltbarkeit – das alles war eher Nebensache, solange der Mechanismus überhaupt lief. Chopard hat mit dem L.U.C Grand Strike ziemlich klar signalisiert, dass man sich mit diesem „gut genug“ nicht mehr zufriedengeben will.
Der Grand Strike ist die konsequente Weiterentwicklung des 2016 präsentierten L.U.C Full Strike, des ersten Minutenrepetitors der Marke mit in das Saphirglas integrierten Gongstäben. Was damals schon wie ein Befreiungsschlag klang – endlich ein Repetitor, den man wirklich hört –, wurde nun auf die Königsklasse der Schlagwerke übertragen: eine vollwertige Grande Sonnerie, die automatisch Stunden und Viertelstunden anschlägt, dazu eine Petite Sonnerie, ein klassischer Minutenrepetitor auf Abruf, ein Tourbillon und das Ganze auch noch mit Genfer Siegel und COSC-Chronometerzertifikat. 
Auf dem Papier fast zu viel des Guten, am Handgelenk eine Uhr, die man nicht so schnell vergisst.
Klang in der Uhrmacherei: Von einfachen Schlagwerken bis zur Grande Sonnerie
Um zu verstehen, was der L.U.C Grand Strike so besonders macht, lohnt sich ein kurzer Blick auf die „Hackordnung“ der Uhren mit Schlagwerk. Ganz unten in dieser Hierarchie stehen einfache Stundenschläger – Uhren, die zu jeder vollen Stunde automatisch einen Gong auslösen. Mechanisch ist das zwar schon eine ansprechende Aufgabe, aber im Vergleich mit dem, was darüber kommt, noch überschaubar. Hier geht es vor allem darum, ein definiertes Ereignis (die volle Stunde) in einen einzelnen Klangimpuls zu übersetzen, ohne den Gang der Uhr zu stören.
Eine Stufe höher beginnen die Repetitionsuhren. Der Klassiker ist die Minutenrepetition: Ein Mechanismus, der auf Wunsch die aktuelle Uhrzeit mit einer Folge von tiefen, kombinierten und hohen Tönen „erzählt“. Tiefe Schläge zählen die Stunden, ein charakteristisches Doppelmotiv markiert die vergangenen Viertelstunden, und hohe Töne zählen die Minuten seit der letzten Viertelstunde. Aus der Distanz wirkt das fast magisch: Man betätigt einen Schieber oder drückt einen Knopf, und plötzlich setzt sich unter dem Zifferblatt ein kleines Orchester in Bewegung, bei dem Hämmerchen auf Gongstäbe schlagen und Zahnräder ihre informationstragenden Wege gehen.
Doch selbst eine komplizierte Minutenrepetition bleibt letztlich ein System „auf Abruf“. Sie wartet geduldig, bis der Besitzer sie auslöst, erledigt ihre Aufgabe und kehrt wieder in den Standby zurück. Eine Sonnerie hingegen lebt. Sie wacht über den Tagesverlauf, „weiß“ von selbst, wann eine Stunde oder Viertelstunde verstrichen ist, und meldet sich im Hintergrund mit einem akustischen Kommentar. Man unterscheidet zwei Formen: die Grande Sonnerie, die jede volle Stunde sowie zu jeder Viertelstunde Stunden und Viertelstunden anschlägt, und die Petite Sonnerie, die nur zur vollen Stunde die Stunden zählt und zu den Vierteln ausschließlich die Viertel selbst.
Eine Uhr, die beides kann – also automatisch nach festem Muster schlägt und auf Knopfdruck als Minutenrepetition die exakte Uhrzeit wiedergeben kann – sitzt ganz oben auf der Pyramide der Schlagwerks-Komplikationen. Genau dort positioniert sich der Chopard L.U.C Grand Strike. Er ist damit nicht nur ein Beispiel für beeindruckende Feinuhrmacherei, sondern auch ein schönes Lehrstück dafür, wie weit sich Mechanik treiben lässt, wenn man versucht, automatische und manuelle Funktionen in einem eng gepackten Kaliber zu vereinen.
Warum eine Grande Sonnerie so anspruchsvoll ist
Es liegt nahe zu glauben, die größte Herausforderung bei einer Grande Sonnerie sei das Platzproblem: Wie bringt man all die Hebel, Federn, Räder, Hämmer und Gongstäbe in einem Kaliber unter, das immer noch tragbar bleiben soll? Natürlich spielt das eine Rolle. Aber in Gesprächen mit Uhrmachern zeigt sich schnell, dass drei andere Themen die eigentlichen Knackpunkte sind: Energie, Sicherheit und Klang.
Zunächst zur Energie. In einem herkömmlichen Dreizeigerwerk muss das Federhaus „nur“ genug Kraft liefern, um das Räderwerk zu bewegen und den Gangregler – etwa ein klassisches Schweizer Ankerwerk mit Unruh – auf stabiler Amplitude zu halten
. Sobald ein Schlagwerk dazu kommt, wird dieses Gleichgewicht heikel. Eine Sonnerie arbeitet permanent an der nächsten Schlagsequenz: Hebel werden gespannt, Federn vorgespannt, Sperrklinken bewegt. All das kostet Energie, noch bevor der erste Ton ertönt. Wenn man diese Energie einfach ungebremst aus dem gleichen Federhaus zieht wie den Antrieb für das Gehwerk, wird der Gang zwangsläufig unruhiger. Die Kunst besteht darin, die Energie für das Schlagwerk so zu speichern und freizusetzen, dass der Gang möglichst wenig davon mitbekommt.
Zweitens die Sicherheit. Im Inneren eines Grande-Sonnerie-Werkes herrscht eine erstaunlich fragile Ordnung. Viele Teile liegen dicht beieinander, Bewegungsabläufe greifen ineinander wie eine Choreografie. Gleichzeitig landet die Uhr im echten Leben am Handgelenk von Menschen, die im Zweifelsfall die Anleitung nur halb gelesen haben. Jemand versucht, die Zeit zu verstellen, während die Sonnerie bereits angefangen hat zu schlagen. Jemand drückt die Repetitionskrone genau in dem Moment, in dem die Mechanik für den nächsten Viertelschlag bereit macht. Ohne ausgeklügelte Sperren und Arretierungen ist das eine Einladung für blockierende Zahnräder, verbogene Hebel und Reparaturrechnungen im fünfstelligen Bereich.
Drittens – und lange Zeit am meisten unterschätzt – der Klang selbst. In vielen historischen Minutenrepetitionen ist der Ton zwar charmant, aber leise, metallisch und reichlich dünn. Dass man ihn überhaupt hört, galt vielen schon als kleines Wunder. Die Frage, ob der Klang angenehm, voll, laut genug und klar differenziert ist, wurde nur selten so hart gestellt wie etwa die Frage nach der Feinfinissierung eines Werkes. Wer zigtausend Franken für einen Repetitor ausgab, tat das eher für das Gefühl, ein hoch kompliziertes Stück Geschichte am Arm zu tragen, als für messbare akustische Performance. Chopard hat beschlossen, diese Komfortzone zu verlassen und das Schlagwerk so ernst zu nehmen wie Gangwerte oder Verarbeitung.
Von Strike One und Full Strike zum Grand Strike
Die Auseinandersetzung von Chopard mit Schlagwerken begann nicht erst mit dem Grand Strike. Schon früher gab es in der L.U.C-Linie Modelle wie die Strike One, bei der jede volle Stunde mit einem Schlag auf einen Stahlgong markiert wurde. Das waren elegante, technisch sauber gemachte Uhren – aber vom Konzept her noch relativ dicht an der Tradition. Gong und Werk waren getrennte Einheiten, die Akustik hing stark von der Gehäusekonstruktion ab, und die Lautstärke blieb im Rahmen dessen, was man von klassischen Stahlschienen erwarten konnte.
Der große Einschnitt kam 2016 mit dem L.U.C Full Strike. Anstatt zu versuchen, Gongs und Gehäuse immer weiter zu optimieren, drehte Chopard das Problem um: Warum nicht den gesamten Glasdeckel der Uhr als Teil des Klangkörpers nutzen? Die Lösung war radikal: Die Gongstäbe wurden nicht länger aus Metall gefertigt und auf das Werk montiert, sondern aus Saphir und als integraler Bestandteil des Frontglases ausgebildet. Glas und Gong wurden also zum selben Bauteil.
Damit veränderte sich die Spielregeln. Wenn die Hämmer des Full Strike auf diese Gong-Saphirstrukturen schlagen, versetzen sie nicht nur einen dünnen Stab, sondern die gesamte Glasfläche in Schwingung. Der Klang breitet sich über eine weite Fläche aus, statt sich in Zwischenräumen und Gehäusewänden zu verlieren. Ergebnis: eine Minutenrepetition, die klarer, lauter und wärmer klingt als vieles, was damals auf dem Markt war – und das ohne Klangbox, ohne Holzresonator und ohne „Halten Sie mal bitte kurz die Luft an“.
Der Grand Strike setzt genau hier an, überträgt das Prinzip auf eine Grande Sonnerie und erhöht den Schwierigkeitsgrad entsprechend: Jetzt muss nicht mehr nur gelegentlich auf Wunsch geschlagen werden, sondern im Viertelstundentakt automatisch – Tag und Nacht. Gleichzeitig bleibt die Minutenrepetition auf Abruf verfügbar. Man könnte sagen: Der Full Strike war das Proof of Concept, der Grand Strike ist der „Langzeittest im Feld“.
Akustische Architektur: Saphirglas als Lautsprecher
Beim Chopard L.U.C Grand Strike besteht das Frontglas aus Saphir nicht einfach aus einer planen Scheibe. Es handelt sich um ein aufwendig geformtes Monoblock-Teil, das sich über die Zifferblattöffnung hinaus nach unten erstreckt und Teile des Werkes umschließt. In diese Struktur sind die Gongstäbe als rechtwinklige, im Querschnitt quadratische Stege integriert. Wenn die Hämmer zuschlagen, leiten sie ihre Energie direkt in dieses Stück Saphir ein, das sich dann in Schwingung versetzt.
Das Entscheidende dabei: Saphir ist hart, leicht und sehr homogen. Diese Eigenschaften machen ihn nicht nur als Glasmaterial attraktiv, sondern auch als Klangträger. Statt wie bei Metallgongs die Schwingung über mehrere Kontaktstellen ins Gehäuse und dann in die Luft zu schicken, durchläuft sie nun praktisch ohne Dämpfung einen einzigen klaren Pfad: Hammer – Saphirgong – Saphirglas – Luft. Der gesamte Glasdom fungiert als Membran, die in den Raum hinein abstrahlt. Das Ergebnis lässt sich sehr konkret hören: Der Grand Strike hat einen kräftigen, dennoch nicht schrillen Klang, bei dem jede Note deutlich voneinander abgegrenzt ist.
Chopard hat die akustische Abstimmung nicht dem Zufall oder allein dem Gehör der Uhrmacher überlassen. In Zusammenarbeit mit einer Ingenieurhochschule in Genf wurden Messungen in schallarmen Räumen durchgeführt. Man analysierte Lautstärke, Frequenzspektrum, Abklingverhalten. Dabei stellte sich unter anderem heraus, dass etwas schlankere Hämmer als ursprünglich geplant nicht nur beim Energieverbrauch helfen, sondern den Klang sogar noch etwas weicher und gleichzeitig minimal lauter machen. Viele der extrem hohen, metallischen Oberwellen wurden reduziert, ohne dass die Klarheit verloren ging.
Im Alltag bedeutet das: Man muss den Grand Strike nicht vor das Ohr halten, um ihn zu genießen. Selbst in einem normalen Wohnraum sind die Schläge deutlich wahrnehmbar, ohne aufdringlich zu wirken. Wer einmal erlebt hat, wie die Uhr zur vollen Stunde oder nach Betätigen der Krone ihre Sequenz abspult, merkt schnell, dass hier akustische Uhrmacherei nicht als folkloristische Zusatzfunktion verstanden wurde, sondern als zentrales Thema.
Das Kaliber L.U.C 08.03-L: Mikromechanische Choreografie
Unter dieser Saphirarchitektur arbeitet das Handaufzugswerk L.U.C 08.03-L, ein Kaliber, das man ohne Übertreibung als m echanische Stadt bezeichnen kann. Mehrere Ebenen von Brücken, Hebeln, Federn und Rädern sind so übereinander geschichtet, dass der Platz optimal genutzt und gleichzeitig jeder Funktionsbereich klar strukturiert ist. Insgesamt sprechen wir von 600+ Einzelteilen, von denen hunderte zum Schlagwerk gehören. Jedes Teil ist dekoriert, poliert, kontrolliert – nicht nur, damit es gut aussieht, sondern auch, um Reibung zu minimieren und die Funktionssicherheit zu erhöhen.
Besonders beeindruckend ist, was passiert, wenn die Sonnerie oder der Repetitionsmechanismus ausgelöst wird. Binnen etwa 0,03 Sekunden springen – man könnte fast sagen „erwachen“ – rund drei Dutzend Komponenten aus ihrer Ruhestellung und nehmen ihre Positionen in der Schlagwerkskette ein. Geführt werden sie von 22 Blattfedern, die von Hand abgerichtet werden, bis ihr Widerstand und ihr Federweg exakt stimmen. Diese Federn entscheiden darüber, wann ein Hebel losgelassen wird, wie weit er schwenkt und wie stark er das nächste Element in Bewegung setzt. Schon minimale Abweichungen würden den sequentiellen Ablauf stören.
In der Praxis bedeutet das eine enorme Regulierarbeit. Manche Werke lassen sich nach wenigen Tagen feinabstimmen, andere fordern den zuständigen Uhrmacher über Wochen hinweg. Immer wieder müssen Baugruppen demontiert, Hebel nachgebogen, Kontaktflächen nachpoliert und Toleranzen kontrolliert werden, bis alles perfekt ineinander greift. Damit dabei nicht die Übersicht verloren geht, verfolgt Chopard einen konsequent „monomanischen“ Ansatz: Jedes Grand-Strike-Werk wird von einem einzigen Uhrmacher von Anfang bis Ende aufgebaut und reguliert. Der ist von der ersten Schraube an verantwortlich und weiß zu jeder Sekunde, welche Kompromisse er wo eingegangen ist und welche Bereiche schon völlig ausgereizt sind.
Natürlich erfüllt das Kaliber gleichzeitig sämtliche optischen Erwartungen an ein Haute-Horlogerie-Werk. Tourbillonbrücke, Schlagwerkshebel, Sperrklinken und Räder zeigen polierte Fasen, anglierten Kanten, Genfer Streifen, Perlagen. Die Ästhetik ist allerdings nicht nur „barock“, sondern bewusst technisch geblieben. Man sieht, dass hier ein komplexes System am Werk ist – nicht nur ein dekorativ aufgepepptes Basiswerk. Diese Ehrlichkeit passt zur gesamten Philosophie des Modells.
Genfer Siegel und COSC: ein Tourbillon, das sich messen lässt
Dass ein Kaliber wie das 08.03-L den Poinçon de Genève trägt, überrascht nicht. Das Genfer Siegel ist seit jeher die Bühne für Marken, die ihr Finishing als Kunstform verstehen. Es legt detailliert fest, wie Kanten zu brechen sind, welche Oberflächenbehandlungen zulässig sind, wie Schraubenköpfe aussehen müssen, wie Lagersteine eingesetzt werden. Der Grand Strike erfüllt diese Anforderungen sichtbar, sowohl auf der Werkseite als auch dort, wo die Mechanik durch den offenen Zifferblattbereich ins Auge fällt.
Spannender ist, dass Chopard das Werk zusätzlich durch die COSC schicken ließ – und zwar nicht in einer „abgespeckten“ Variante. Statt die Sonnerie während der Tests einfach zu deaktivieren, ließ man sie im Modus Petite Sonnerie laufen. Mit anderen Worten: Während das COSC die Gangwerte in verschiedenen Lagen und bei wechselnden Temperaturen prüfte, arbeitete das Schlagwerk im Hintergrund weiter, nahm Energie auf, bereitete Schläge vor und entlud sie in regelmäßigen Abständen. Dass der Grand Strike diese Prüfungen besteht, belegt, dass das geheime Ringen zwischen Energiebedarf der Sonnerie und Stabilität des Gangs nicht nur theoretisch gelöst wurde, sondern sich auch in nüchternen Messwerten niederschlägt.
Energie-Management: Zwei Federhäuser und viele Kompromisse
Im Inneren des Grand Strike arbeiten zwei Federhäuser: eines für das Gehwerk, eines für das Schlagwerk. Auf der Zeichnung sieht das elegant aus: Der eine Antrieb kümmert sich darum, dass Zeit angezeigt wird, der andere darum, dass sie hörbar gemacht wird. In der Realität ist die Sache komplexer, weil beide Systeme letztlich aus dem gleichen „User Interface“ gespeist werden – der Krone – und weil ihr Verbrauchsprofil sehr unterschiedlich ist.
Das Schlagwerk „frisst“ seine Energie nicht auf einen Schlag, sondern in Etappen. Zwischen zwei Viertelstundenintervallen werden stetig kleine Portionen Kraft abgezweigt, um Federn zu spannen und Hebel zu positionieren. Zum Zeitpunkt des eigentlichen Schlages wird diese gespeicherte Energie nur noch freigegeben. Das schont zwar die Gangstabilität, verlangt aber nach einer sehr präzisen Rationierung: Der Sonnerie darf nie der Saft ausgehen, bevor der Zyklus abgeschlossen ist, und gleichzeitig darf sie nicht unkontrolliert die Amplitude der Unruh beeinflussen.
Interessant ist eine Beobachtung aus der Entwicklungsphase: Der Modus Petite Sonnerie ist energetisch nicht automatisch „leichter“ als die Grande Sonnerie. Denn um auf die Stunden-Schläge in den Vierteln zu verzichten, braucht es zusätzliche Mechanismen, die die sonst fälligen Bewegungen unterdrücken oder abbremsen. Diese Bremsen kosten ihrerseits Energie. In Summe ergibt sich ein feines Gleichgewicht, das nur mit konsequenter Optimierung der Reibung und des gesamten Kraftflusses im Werk zu halten ist. Der Grand Strike zeigt, dass Chopard bereit war, genau diese mühselige Detailarbeit zu leisten.
Patente und Schutzmechanismen: Die Kunst, Fehler zu verzeihen
Wer je mit einem historischen Repetitor in der Hand das Gefühl hatte: „Bloß nichts Falsches drücken!“, wird beim Grand Strike angenehm überrascht sein, wie gelassen sich die Uhr bedienen lässt. Dahinter steckt eine ganze Batterie patentierter Lösungen. Chopard hat sowohl eigene historische Entwicklungen aus der L.U.C-Linie als auch längst ausgelaufene Patente aus anderen Bereichen studiert und neu kombiniert. In den Unterlagen taucht etwa ein altes Patent für Kugelschreiber-Drücker auf, dessen Funktionsprinzip – eine bestimmte Art von Rastmechanik – ins Schlagwerk übertragen wurde.
Insgesamt sind rund zehn technische Patente direkt mit dem Strike-Mechanismus verbunden, fünf davon eigens für dieses Projekt entwickelt. Einige regeln die zeitliche Abfolge der einzelnen Schläge, damit Stunden, Viertel und Minuten sauber separiert und mit gleichmäßigen Pausen dazwischen ertönen. Andere verhindern gefährliche Doppelzustände – zum Beispiel, dass der Besitzer während eines laufenden Schlages die Krone in den Zeigerstellmodus ziehen kann oder dass der Schieber für die Moduswahl („G“ für Grande, „P“ für Petite, „S“ für Silence) eine Position einnimmt, die das Zusammenspiel aus Schlagwerk und Gehwerk kompromittieren würde.
All diese Schutzsysteme sind nicht dazu da, den Nutzer zu bevormunden, sondern um ihm den Respekt vor der Technik nicht in Angst umkippen zu lassen. Man darf und soll mit dieser Uhr spielen: Modi wechseln, Repetition auslösen, auf den Klang achten. Die Mechanik im Inneren ist darauf ausgelegt, solche Interaktionen abzufangen und zu entschärfen, bevor sie Schaden anrichten. Das ist, gerade bei einer Grande Sonnerie, alles andere als selbstverständlich.
Langlebigkeit im Zeitraffer: Belastungstests mit über 500.000 Schlägen
Eine Sache ist es, einen Prototypen aufzubauen, der in der Vitrine oder im Labor funktioniert. Eine andere ist es, eine kleine Serie von Uhren zu bauen, die jahrelang im Alltag geschlagen werden kann, ohne ständig in die Werkstatt zu müssen. Chopard hat deshalb ein Qualitätsprogramm aufgesetzt, das man ohne weiteres als „Tortur“ für Schlagwerke bezeichnen kann.
Jeder L.U.C Grand Strike wird in der Manufaktur auf spezielle Testgeräte gesetzt, auf denen die Sonnerie unter beschleunigten Bedingungen durchläuft. In einem Zeitraum von etwa drei Monaten wird das Schlagwerk insgesamt gut 62.000 Mal automatisch ausgelöst – etwa zur Hälfte in Grande-, zur Hälfte in Petite-Sonnerie-Konfiguration. Parallel dazu wird der Minutenrepetitor rund 3.000 Mal aktiv betätigt. In Summe werden die Saphirgongs mehr als eine halbe Million Mal von den Hämmern getroffen, bevor die Uhr endgültig freigegeben wird. Was anderswo als sanfter Prüfstand gelten würde, wirkt hier wie ein Dauerkonzert.
Das Bild einer solchen Uhr, die irgendwo unter einer Glasglocke Woche um Woche unbeirrt Stunden und Viertelstunden schlägt, während niemand zuhört, hat etwas leicht Surreales. Es zeigt aber auch, wie ernst Chopard die Idee nimmt, dass eine Grande Sonnerie nicht nur demonstrieren, sondern funktionieren soll. In einer Welt, in der viele extrem komplizierte Uhren eher Sammlerstücke im Safe sind, ist dieser Fokus auf Dauerbetrieb bemerkenswert.
Gehäuse, Abmessungen und Design: tragbarer Wahnsinn
All diese Technik wäre wenig wert, wenn der Grand Strike am Handgelenk wie ein klobiger Fremdkörper wirken würde. Mit einem Durchmesser von 43 Millimetern und einer Höhe von gut 14 Millimetern ist er sicher kein „Dresswatch-Zwerg“, aber die Proportionen sind bewusst so gewählt, dass die Uhr tragbar bleibt. Dazu trägt vor allem die erwähnte konkave Lünette bei. Sie fängt das Licht anders ein als eine klassische, konvexe Form, erzeugt Schatten statt Reflexsalven und lässt die Zifferblattöffnung optisch etwas kleiner erscheinen. Die Mittelpartie des Gehäuses verjüngt sich nach unten, wodurch die Uhr am Arm weniger massiv wirkt als es die nackten Zahlen vermuten lassen.
Gefertigt ist das Gehäuse aus 18 Karat „ethischem“ Weißgold. Chopard verwendet diesen Begriff für Edelmetall, dessen Herkunfts- und Lieferkette nach hauseigenen Nachhaltigkeitskriterien geprüft ist. Ob man das als wichtigen Kaufgrund oder als Randnotiz wahrnimmt, hängt von der persönlichen Einstellung ab. Fakt ist: Weißgold bleibt ein hervorragendes Material für Schlagwerksuhren, da Dichte und Elastizität einen spürbaren Einfluss auf die Klangentfaltung haben. Im Fall des Grand Strike wirkt der Goldton zudem minimal wärmer als bei manchen anderen Legierungen – etwas, das gut zum eher warmen Timbre der Gongs passt.
Optisch am kontroversesten ist der offene Zifferblattaufbau. Wo andere Marken die komplizierte Mechanik dezent auf die Rückseite verbannen, zeigt Chopard beim Grand Strike fast alles auf der Vorderseite: Tourbillon, Schlagwerkshebel, Teile des Räderwerks, zwei Gangreserveanzeigen (eine für das Gehwerk, eine für das Schlagwerk) und natürlich die Saphirstrukturen. Die eigentliche Zeitanzeige rückt dadurch fast in den Hintergrund. Für Puristen, die einen ruhigen, klar ablesbaren Zifferblattauftritt suchen, ist das schwer verdaulich.
Auf der anderen Seite gibt es viele Enthusiasten, für die diese Radikalität genau den Reiz ausmacht. Sie wollen sehen, was passiert, wenn die Sonnerie auslöst, die Bewegung der Hämmer verfolgen, die Tourbillon-Käfige dabei beobachten, wie sie weiter ihre Arbeit tun. Für diese Zielgruppe ist der Grand Strike eine Bühne, kein reines Instrument. Der Preis dafür ist eine Lesbarkeit, die von Licht, Winkel und persönlichem Sehvermögen abhängt. Man lernt, die markanten Zeiger schnell zu finden, aber es bleibt ein Unterschied zu einem schlichten Dreizeiger mit Emailzifferblatt.
Interessant ist auch der Vergleich mit anderen „Superkomplikationen“ am Markt. Häuser wie A. Lange & Söhne oder Patek Philippe setzen im Topsegment oft auf ein Spiel mit Kontrasten: außen understatement, innen technische Orgie. Chopard geht mit dem L.U.C Grand Strike bewusst einen anderen Weg. Die Uhr sagt nicht „schau mich nicht an“, sondern „wenn du mich schon anschaust, dann richtig“. Das ist mutig – und genau deshalb reizvoll.
Grande Sonnerie versus Ewiger Kalender: wie oft zeigt sich die Genialität?
Die Grande Sonnerie wird gerne in einem Atemzug mit dem Ewigen Kalender genannt, wenn es um die Königsdisziplinen der mechanischen Uhrmacherei geht. Beide Komplikationen sind Ausdruck einer sehr abstrakten Art von „Denken in Rädern“. Der Ewige Kalender kennt die Logik unseres Kalendersystems: unterschiedliche Monatslängen, Schaltjahre, Jahrhundertregeln. Die Sonnerie kennt die Logik der Zeitteilung: Stunden, Viertelstunden, Minuten. Beide wandeln diese Logik in mechanische Abläufe um.
Im Alltag aber unterscheiden sie sich deutlich in ihrer Präsenz. Ein Ewiger Kalender macht nur an wenigen Tagen im Jahr wirklich „Spektakel“ – etwa am Monatsende, wenn er von einem kurzen auf einen langen Monat springt, oder in der Nacht auf den 1. März nach einem nicht-Schaltjahr. Dazwischen schaltet er diskret Tag für Tag weiter. Die Grande Sonnerie hingegen meldet sich, zumindest im aktiven Modus, alle 15 Minuten zu Wort. Sie ist nicht nur potenziell genial, sie ist ständig hörbar präsent. Das macht sie zu einer der wenigen Komplikationen, die im wahrsten Sinne des Wortes den Rhythmus des Tages mitbestimmen.
Preis, Seltenheit und Bedeutung im Markt
Der offizielle Preis des Chopard L.U.C Grand Strike liegt im Bereich von rund 780.000 Schweizer Franken. In dieser luftdünnen Schicht des Marktes geht es nicht mehr um rationale Abwägungen. Wer sich ernsthaft mit einem solchen Objekt beschäftigt, bewegt sich in einer Welt, in der Sammlungen aus zig Uhren der Haute Horlogerie eher die Regel als die Ausnahme sind. Das klingt abstrakt, ist aber wichtig, um den Kontext zu verstehen: Der Grand Strike ist keine „Krönung“ für jemanden, der seine erste mechanische Uhr kauft. Er ist ein Puzzleteil im sehr oberen Segment eines ohnehin privilegierten Spiels.
Gleichzeitig entfaltet er eine Wirkung, die weit über die wenigen tatsächlichen Käufer hinausgeht. Projekte dieser Art sind für die Uhrenwelt das, was Hypercars für die Automobilbranche sind: rollende (oder in diesem Fall klingende) Labore, in denen Ideen ausprobiert werden, die sich später in abgewandelter Form in „normaleren“ Produkten wiederfinden. Man kann durchaus erwarten, dass die Erfahrungen mit Saphirgong, Energiemanagement, Sicherheitsmechanismen und Dauerbelastungstests auch in künftige L.U.C-Modelle und vielleicht sogar in andere Chopard-Linien einfließen.
Was der Grand Strike für alle anderen bedeutet
Für die allermeisten Uhrenfreunde wird der Grand Strike ein Objekt bleiben, das man bestenfalls auf einer Messe, in einem Flagship-Store oder in einem Video von nah sieht und hört. Trotzdem verändert seine Existenz den Rahmen, in dem wir über mechanische Uhren sprechen. Er zeigt, dass „traditionelle“ Komplikationen wie Minutenrepetition und Grande Sonnerie noch längst nicht auserzählt sind. Dass man nicht nur beim Design, sondern auch in Bereichen wie Akustik, Stabilität und Energieeffizienz neue Wege gehen kann.
Wer einmal eine Aufzeichnung des Grand-Strike-Klangs gehört hat, wird sich schwerer damit tun, einen hauchleisen Repetitor mit ähnlich hohem Preisschild unkritisch zu feiern. Und wer weiß, dass ein hoch kompliziertes Tourbillon-Sonnerie-Werk gleichzeitig Genfer Siegel und COSC-Zertifikat tragen kann, wird andere Tourbillons, die sich allein auf Marketingfloskeln stützen, genauer hinterfragen. In dieser Hinsicht ist der Grand Strike ein Korrektiv – ein Standard, an dem sich andere messen lassen müssen, ob sie wollen oder nicht.
Fazit: Ein kleines Konzert, eingesperrt in 43 Millimeter Gold
Wie fasst man eine Uhr wie den Chopard L.U.C Grand Strike sinnvoll zusammen? Vielleicht am ehesten so: Er ist ein konsequenter Versuch, eine Grande Sonnerie nicht nur schön, sondern gut zu machen – im akustischen, technischen und praktischen Sinn. Das Saphirglas als Lautsprecher, die Doppelfederhäuser, die verwobenen Schutzmechanismen, die Tests mit Hunderttausenden von Schlägen, die Kombination aus Genfer Siegel und COSC – all das sind Bausteine einer Philosophie, die sagt: Wenn wir diese Komplikation bauen, dann richtig.
Natürlich ist der Grand Strike nichts für jeden Geschmack. Sein offenes, fast industrielles Zifferblatt-Design fordert heraus, sein Preis ist jenseits aller Vernunft, seine Komplexität schreckt genauso viele Menschen ab, wie sie anzieht. Aber gerade das macht ihn interessant. Er ist kein gefälliges Luxusaccessoire, sondern eine Stellungnahme. Eine, die man hören kann – jede Viertelstunde, wenn man möchte. Und vielleicht ist genau das das Schönste an ihm: dass er uns daran erinnert, warum wir mechanische Uhren überhaupt so faszinierend finden. Nicht, weil wir sie brauchen, sondern weil jemand sich die Mühe gemacht hat, so viel Hirnschmalz, Zeit und Handwerk in etwas zu stecken, das am Ende einfach nur – auf wundervolle Weise – „ding“ macht.