Startseite » Nicht kategorisiert » TSMC vs. Intel: Warum der Wechsel von Wei-Jen Lo zum großen Chip-Streitfall wurde

TSMC vs. Intel: Warum der Wechsel von Wei-Jen Lo zum großen Chip-Streitfall wurde

von ytools
1 kommentar 7 ansichten

Aus einem scheinbar normalen Jobwechsel ist einer der spannendsten Rechtsfälle der Chipbranche geworden: TSMC hat seinen früheren Senior Vice President Dr.
TSMC vs. Intel: Warum der Wechsel von Wei-Jen Lo zum großen Chip-Streitfall wurde
Wei-Jen Lo verklagt, nachdem dieser zu Intel gewechselt ist. Für den weltgrößten Auftragsfertiger geht es dabei nicht nur um einen Manager weniger, sondern um die Angst, dass entscheidende Fertigungsgeheimnisse rund um den 2nm-Knoten plötzlich beim direkten Konkurrenten landen.

Lo galt bei TSMC als Schlüsselfigur in den modernsten Fertigungslinien des Unternehmens. Über Jahre war er in strategische Projekte eingebunden, die von der Entwicklung neuer Prozessknoten über den Hochlauf in den Fabs bis hin zu Optimierungen von Ausbeute, Kosten und Energieeffizienz reichten. Wer an so sensiblen Stellen sitzt, bekommt zwangsläufig tiefe Einblicke in interne Roadmaps, technische Abkürzungen, gescheiterte Experimente und jene kleinen Tricks, die am Ende über einige Prozentpunkte mehr oder weniger Leistung entscheiden können.

Als Lo seinen Abschied verkündete, hörte sich zunächst alles relativ harmlos an. Es war von akademischen Plänen und beratenden Funktionen die Rede, wie man sie bei hochrangigen Branchenveteranen öfter sieht. Doch kurz darauf verdichteten sich Berichte, dass er nicht an eine Universität gewechselt ist, sondern direkt zu Intel – jenem Konzern, der seine Foundry-Sparte aggressiv ausbaut und TSMC genau dort angreifen will, wo die Taiwaner heute noch als unangefochtene Nummer eins gelten.

Für TSMC war das der Punkt, an dem aus Personalnachrichten ein Risiko-Szenario wurde. Am 25. November 2025 reichte das Unternehmen beim taiwanischen Gericht für geistiges Eigentum und Handel eine Klage gegen Lo ein. Grundlage sind der Arbeitsvertrag, eine von Lo unterschriebene Wettbewerbsverbotsklausel sowie Bestimmungen des taiwanischen Gesetzes über Geschäftsgeheimnisse. In der Klageschrift ist von einer hohen Wahrscheinlichkeit die Rede, dass vertrauliche Informationen genutzt oder weitergegeben werden könnten – sei es bewusst oder ganz nebenbei im Rahmen der neuen Tätigkeit.

Was TSMC schützen will, sind weniger einzelne Dateien als vielmehr gebündeltes Know-how. Wie genau die 2nm-Fertigung stabil wird, welche Parameter besonders kritisch sind, welche Kombination aus Werkzeugen, Materialien und Prozessschritten zu akzeptablen Ausbeuten führt, welche Kinderkrankheiten bestimmte Designs haben – vieles davon steht nicht in Präsentationen, sondern sitzt in den Köpfen jener Leute, die jahrelang Nachtschichten in den Fabs koordiniert haben. Schon allein die Fähigkeit, Probleme beim Konkurrenten schneller zu erkennen, weil man ähnliche Fehler im eigenen Haus erlebt hat, kann einen großen Vorsprung bedeuten.

Zusätzlich fühlt sich TSMC offenbar getäuscht. Intern soll man davon ausgegangen sein, dass Lo nach seinem Weggang eher in die akademische Richtung gehen würde. Stattdessen taucht sein Name im Umfeld von Intel Foundry Services auf, und zwar in einer Phase, in der Intel sich als ernstzunehmende Alternative im Auftragsgeschäft positioniert. Mit Eigenentwicklungen wie EMIB und Foveros versucht der Konzern, das Thema fortschrittliches Packaging offensiv zu besetzen – genau jenes Feld, in dem auch TSMC bei US-Kunden massiv gefragt ist. Für die Taiwaner wirkt das wie ein perfektes Setup für einen Technologietransfer, den man unbedingt verhindern will.

Intel weist die Vorwürfe erwartungsgemäß zurück. CEO Lip-Bu Tan ließ über taiwanische Medien ausrichten, die Spekulationen seien haltlos und Intel respektiere geistiges Eigentum und Chip-IP aller Mitbewerber, einschließlich TSMC. Offiziell lautet die Botschaft: Wir holen Top-Leute ins Boot, aber wir akzeptieren nicht, dass jemand Betriebsgeheimnisse vom vorherigen Arbeitgeber im Gepäck hat. Wie streng solche Regeln im Alltag tatsächlich gelebt werden und ob sie lückenlos kontrollierbar sind, ist eine andere Frage.

In Kommentarspalten und Foren fällt die Reaktion weniger diplomatisch aus. Manche reduzieren den Fall auf das alte Narrativ, dass wieder einmal ein US-Konzern asiatische Technologie abgreifen wolle, und werfen Taiwan und China in einen Topf. Andere werden grundsätzlich und meinen, dass in der Praxis ohnehin jeder von jedem lernt – und dass, wenn Firmen mit Abwerben und Kopieren nicht weiterkommen, der Konflikt in Sanktionen, Zollschlachten, Währungskämpfe oder im Extremfall sogar in echte Kriege um Öl, Rohstoffe und Lieferketten kippt.

Vor diesem Hintergrund ist es kein Zufall, dass Beobachter die Fertigungsgeheimnisse von TSMC mit besonders brisantem Material vergleichen. Wer die modernsten Knoten beherrscht, hält ein Stück technologischer Souveränität in der Hand. 3nm und 2nm entscheiden inzwischen nicht nur darüber, welches Smartphone flüssiger läuft, sondern darüber, wie leistungsfähig KI-Rechenzentren, militärische Systeme, Kommunikationsnetze oder Finanzinfrastrukturen sind. In vielen Hauptstädten gelten Fabs mittlerweile als strategische Assets, nicht nur als Industrieanlagen.

Der Fall Lo berührt damit auch die Grundsatzfrage, wie weit Wettbewerbsverbote gehen dürfen. Aus Sicht der Unternehmen ist die Lage klar: Wenn man zweistellige Milliardenbeträge in F&E und neue Werke steckt, möchte man nicht, dass genau die Leute, die dieses Wissen aufgebaut haben, direkt zur Konkurrenz wechseln. Kritiker halten dagegen, dass Wissen und Erfahrung Teil der eigenen beruflichen Identität seien und dass drakonische Klauseln faktisch dazu führen können, dass hochqualifizierte Fachkräfte über Jahre an einen Arbeitgeber gebunden sind, ohne realistische Wechseloptionen.

Gerade deshalb wird so genau darauf geschaut, wie der Fall ausgeht. Sollte das Gericht TSMC weitgehend recht geben und harte Konsequenzen verhängen, wird das vermutlich eine abschreckende Wirkung auf andere Topmanager haben, die mit dem Gedanken spielen, zur direkten Konkurrenz zu wechseln – zumindest in Ländern, in denen Geschäftsgeheimnisse scharf geschützt werden. Kommt es dagegen zu einem stillen Vergleich oder verläuft die Sache im Sande, könnte die Botschaft lauten, dass solche Klagen zwar Schlagzeilen erzeugen, aber den Talentmarkt langfristig kaum bremsen.

Egal, wie das Urteil am Ende lautet: Der Wechsel eines einzigen Managers hat sichtbar gemacht, wie nervös die Halbleiterwelt inzwischen ist. Zwischen geopolitischem Druck, staatlichen Förderprogrammen, Subventionswettläufen und immer komplexeren Lieferketten wird jeder hochrangige Personalwechsel zum Politikum. Der Rechtsstreit zwischen TSMC und Wei-Jen Lo ist damit weniger eine Randnotiz im Arbeitsrecht als ein weiteres Kapitel in einer sich zuspitzenden technologischen Konkurrenz, die viele längst als neue kalte Kriegssituation beschreiben.

Das könnte Ihnen auch gefallen

1 kommentar

sunny January 10, 2026 - 7:20 pm

typisch, wieder heißt es US-Firma schnappt sich asiatische Tech, als ob wir das Spiel nicht schon hundertmal gesehen hätten 😂

Antworten

Einen Kommentar hinterlassen