Netflix hat die Unterhaltungbranche mit einer einzigen Meldung in Aufruhr versetzt: Der Streamingriese will Warner Bros für satte 82,7 Milliarden US Dollar übernehmen. Zum Paket gehören HBO, HBO Max, die Film und TV Studios von Warner sowie – für viele überraschend – auch das Spielelabel WB Games. Wenn die Aufsichtsbehörden zustimmen, landen Stranger Things, Game of Thrones, Harry Potter, Batman und Mortal Kombat auf derselben Konzernrechnung und perspektivisch in derselben Abo Welt. 
So eine Konzentration von Markenpower hat es in der modernen Mediengeschichte bisher kaum gegeben.
Um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, lohnt ein Blick zurück. 2021 trennte sich der US Telekomkonzern AT&T von seinem Medienarm und führte WarnerMedia mit Discovery zusammen. Die Fusion wurde im Mai angekündigt und im April 2022 abgeschlossen, heraus kam Warner Bros Discovery, kurz WBD. Doch kaum war die Tinte trocken, ging das Umbauen weiter. Rund ein Jahr später entschied das Management, das Geschäft in zwei Einheiten zu teilen: Streaming und Studios als wachstumsstarker, profitabler Kern sowie Global Linear Networks mit klassischen TV Sendern und deutlich dünneren Margen. Offiziell begründete man den Schritt mit Fokus und Transparenz, inoffiziell lasen viele darin schon die Vorbereitung einer Aufspaltung und möglichen Verkäufe.
Ab diesem Moment drehten die Gerüchte frei. Brancheninsider nannten Sony als möglichen Käufer, andere tippten auf Tech Konzerne oder große Finanzinvestoren. Laut Berichten lagen der WBD Spitze bis vor kurzem mehrere ernsthafte Angebote vor, die gegeneinander geprüft wurden: unterschiedliche Kombinationen aus Bargeld, Aktien, Garantien und Synergieversprechen. Am Ende setzte sich Netflix durch. Der Konzern brachte nicht nur den höchsten Preis, sondern konnte Investoren auch eine klare Geschichte erzählen: Wir kaufen einen Traditionsstudio Komplex mit riesigem Katalog und integrieren ihn in ein globales Abo Modell, das längst skaliert.
Spannend ist die Frage, was genau Netflix bekommt – und was eben nicht. Teil des Deals sind Warner Bros Pictures und Television, HBO und HBO Max sowie ein Backkatalog, der von Klassikern wie Casablanca und Citizen Kane über Matrix und Harry Potter bis hin zu Friends, The Big Bang Theory, Sopranos und den jüngsten Game of Thrones Ablegern reicht. Nicht dabei ist dagegen der Discovery Block mit Dokumentationen, Reality Formaten und vielen linearen Sendern; der bleibt zunächst in einer separaten Struktur. Übersetzt heißt das: Netflix kauft vor allem die kreative Seele von Warner, also genau den Teil, der Popkultur im großen Maßstab prägt.
Die größte Unbekannte war lange WB Games. Viele Beobachter rechneten damit, dass die Spiele Sparte einzeln veräußert oder in Markenpakete aufgespalten würde. Stattdessen wandert sie komplett mit zu Netflix. Damit würden Studios wie Avalanche Software, die Hogwarts Legacy entwickelt haben, NetherRealm Studios mit Mortal Kombat und Injustice, Rocksteady mit der Batman Arkham Reihe und Suicide Squad: Kill the Justice League sowie TT Games mit ihren LEGO Spielen unter das Dach des Streamers rücken. Pikant: WB Games hatte erst vor Kurzem ein schmerzhaftes Reorg Programm hinter sich, inklusive Studio Schließungen, dem Abgang von CEO David Haddad und einer Fokussierung auf vier große Markenuniversen: DC, Game of Thrones, Harry Potter und Mortal Kombat. Ob Netflix diese enge Strategie übernimmt oder wieder breiter denkt, ist völlig offen.
Für Netflix selbst ist Gaming seit Jahren eine Art ungelöstes Rätsel. Der Konzern hat verschiedene Ansätze ausprobiert: den Kauf von Night School Studio, ein wachsendes Angebot an Mobile Games in der Abo App, Kooperationen mit Indie Teams und sogar ein eigenes internes Studio für ein groß angelegtes Action RPG mit Branchenveteranen an der Spitze. Das ambitionierte Projekt wurde allerdings nach rund einem Jahr wieder eingestellt, und Spry Fox kehrte inzwischen zu seinen ursprünglichen Eigentümern zurück. Die Bilanz: viel Experiment, wenig klare Linie. Mit WB Games ändert sich das Spielbrett schlagartig, denn plötzlich gehören etablierte Konsolen und PC Marken zum Portfolio.
Genau hier sehen die Strategen den größten Hebel. Warner steuert Welten und Figuren bei, die über Jahrzehnte aufgebaut wurden und in Filmen, Serien, Comics und Merchandise schon längst präsent sind. Netflix bringt Reichweite, Daten und eine Plattform, die gelernt hat, Menschen quer durch Genres und Länder zu führen. In der Theorie könnte jemand abends eine neue Harry Potter Serie bingen, danach auf der Startseite direkt den Nachfolger von Hogwarts Legacy entdecken und später in einem DC Spiel auftauchen, das inhaltlich eng mit einer aktuellen Batman oder Suicide Squad Produktion verzahnt ist. Ob die Technik, Lizenzverträge und Nutzergewohnheiten so schnell nachziehen, steht auf einem anderen Blatt, aber die Bausteine liegen künftig zumindest in einer Hand.
In den offiziellen Statements klingt das erwartungsgemäß wie eine Win Win Hochzeit. Ted Sarandos, Co CEO von Netflix, spricht von der Mission, die Welt zu unterhalten, und davon, wie das Warner Archiv von Casablanca bis Harry Potter mit Netflix Eigenmarken wie Stranger Things, Squid Game oder KPop Demon Hunters verschmilzt. Greg Peters, der zweite Co CEO, betont, dass Warner seit über hundert Jahren definiere, was Unterhaltung sei, und dass Netflix diese Kompetenz mit globaler Reichweite und einem robusten Abo Modell verstärken könne. Aus Finanzperspektive heißt das: mehr Inhalte, die Netflix exklusiv kontrolliert, mehr Möglichkeiten, diese Inhalte in Serien, Filmen, Games und Merch zu verwandeln, mehr planbare Einnahmen.
Auf Seiten von Warner Bros Discovery versucht CEO David Zaslav, die Übernahme als Chance darzustellen, das eigene Erbe zu sichern und gleichzeitig die Bilanz aufzuräumen. Der Warner Schild stand ein Jahrhundert lang für Blockbuster Kino und Must See TV. Indem man diese Marke in die Netflix Welt verlagert, sollen die Stoffe international sichtbar bleiben, während der Rest von WBD mit Discovery und linearen Sendern schlanker aufgestellt wird und die hohe Verschuldung teilweise abgebaut werden kann. Hinter der PR Formulierung steckt auch ein Eingeständnis: Alleine wäre es deutlich schwerer geworden, im globalen Streaming Wettbewerb mitzuhalten.
Noch ist allerdings nichts endgültig. Die Unternehmen rechnen mit zwölf bis achtzehn Monaten bis zum Closing, und in dieser Zeit wird die Übernahme von Kartellbehörden und Wettbewerbswächtern seziert. In den USA schauen die Federal Trade Commission und das Justizministerium seit einigen Jahren deutlich kritischer auf große Tech und Mediendeals, in der EU gilt Ähnliches. Kritiker warnen bereits vor einer weiteren Konzentration von Inhalten und Marktmacht, die es neuen Playern schwer macht und kleineren Studios die Luft nimmt. Der Gedanke, dass eine Handvoll Konzerne darüber entscheidet, welche Geschichten weltweit sichtbar sind und welche nicht, macht vielen Branchenleuten und Fans Bauchschmerzen.
In den sozialen Netzwerken spiegelt sich diese Spannung. Die einen feiern die Aussicht, mit einem Abo praktisch die komplette HBO Bibliothek plus Netflix Hits und künftig vielleicht noch ein paar AAA Spiele zu bekommen. Die anderen sind genervt und sprechen vom nächsten Schritt in Richtung Einheitsbrei: Netflix werde alles auf eine bestimmte Tonlage trimmen, politisch und stilistisch, und Warner verliere damit einen Teil seiner Identität. Dazwischen stehen jene, die das Ganze weniger ideologisch sehen und eher auf Marktmechanismen schauen: Je mehr Fusionswellen, desto weniger echte Konkurrenz – und umso leichter lassen sich Preise anheben, ohne dass Nutzer sofort abwandern können.
Für Zuschauerinnen und Zuschauer stellen sich viel profanere Fragen. Bleibt HBO Max als eigenständige App bestehen oder geht der Dienst in einer erweiterten Netflix Oberfläche auf. Wann kehren Warner Filme, die noch bei anderen Diensten lizenziert sind, zurück in den eigenen Stall. Wie wirkt sich die Übernahme auf die Abopreise aus, gerade nachdem Netflix beim Passwort Sharing bereits einen deutlich härteren Kurs eingeschlagen hat. Das Unternehmen hat zwar die erwartete Kündigungswelle überlebt und sogar Wachstum gemeldet, aber eine weitere Verteuerung könnte die Geduld vieler Kunden strapazieren.
Auch im Games Segment sind die Erwartungen hoch. WB Games steht für aufwändig produzierte, storylastige Titel, die sich eng an ihre Film und Serienvorlagen anlehnen. Unter Netflix könnte der Druck steigen, Live Service Modelle auszubauen, Spiele enger an Starttermine großer Serien zu koppeln oder neue Abo Varianten zu entwickeln, in denen Games ähnlich selbstverständlich wie Filme im Katalog auftauchen. Fans träumen längst laut von einem modernen Open World Superman Spiel, einer umfangreichen Game of Thrones RPG Erfahrung oder einer direkten Fortsetzung von Hogwarts Legacy, die am Releasetag in der Netflix App spielbar ist. Entwicklerinnen und Entwickler werden genau beobachten, ob das neue Mutterhaus eher mutige Projekte zulässt oder primär sichere, algorithmusfreundliche Ideen fördert.
Egal, wie man zu der Übernahme steht, klar ist: Die Streaming Landschaft tritt in eine neue Phase ein. Die erste Runde drehte sich darum, dass jeder große Anbieter seinen eigenen Dienst startete und Lizenzen zurückholte. Jetzt beginnt die Konsolidierung, in der sich Schwergewichte zusammenschließen und Mittelgroße um ihre Rolle kämpfen. Ein kombiniertes Netflix plus Warner Bros setzt die Messlatte für alle anderen spürbar höher. Wenn Regulierer zustimmen und die Integration nicht im Chaos endet, könnten die Inhalte dieses neuen Mediengiganten darüber entscheiden, wie eine ganze Generation Serien, Filme und Spiele erlebt.