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Warum Netflix WB Games für relativ klein hält – und warum das ein Fehler sein könnte

von ytools
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Als Netflix den Mega-Deal über 82,7 Milliarden Dollar zur Übernahme des Streaming- und Studios-Geschäfts von Warner Bros. Discovery angekündigt hat, lag der Fokus sofort auf Serien, Filmen und Rechten. Fast unbeachtet blieb dabei ein bemerkenswertes Detail: Im Paket steckt auch die Games-Sparte WB Games – inklusive Studios, Technologie und großen Marken.
Warum Netflix WB Games für relativ klein hält – und warum das ein Fehler sein könnte
Trotzdem tauchte sie im offiziellen Wording praktisch nicht auf. Und inzwischen geben Netflix-Manager offen zu, dass WB Games in der internen Bewertungsrechnung keinen eigenen Wert bekommen hat, weil der Bereich im Vergleich zum Rest als relativ klein eingestuft wurde.

Auf der UBS Global Technology Conference erklärte Co-CEO Gregory Peters, man respektiere die Arbeit der Teams bei WB Games, aber im Maßstab eines Deals jenseits der 80 Milliarden Dollar falle das Gaming-Geschäft finanziell kaum ins Gewicht. In der Sprache börsennotierter Konzerne heißt das: Netflix kauft in erster Linie ein Content- und Streaming-Imperium, und die Games-Abteilung fährt als kostenlose Beigabe mit. Wenn daraus später ein Wachstumstreiber wird, ist das ein netter Bonus. Wenn nicht, stimmt das Grundgerüst der Übernahme trotzdem.

Dieses nüchterne Bild wirkt allerdings eigenartig, wenn man sich die jüngere Geschichte von WB Games anschaut. Hogwarts Legacy war kein Achtungserfolg, sondern ein globales Phänomen. Das Spiel avancierte 2023 zum meistverkauften Titel des Jahres, überholte sogar den jeweils aktuellen Call-of-Duty-Teil und durchbrach damit eine mehr als 14-jährige Dominanz von CoD- oder Rockstar-Spielen an der Spitze der US-Charts. Bis März 2025 überschritten die Verkäufe die Marke von 34 Millionen Einheiten. In dieser Größenordnung spricht man von Blockbuster-Business, vergleichbar mit den größten Kinostarts.

Natürlich ist die Bilanz nicht makellos. WB Games hat mit Suicide Squad: Kill the Justice League einen prominenten Fehlgriff geliefert, der exemplarisch zeigte, wie ein großer Markenname eine unklar positionierte Games-as-a-Service-Idee nicht automatisch rettet. Mehrere Studios wurden geschlossen, darunter auch bekannte Namen, und eine harte Restrukturierung hat das Portfolio zusammengeschnitten. Am Ende konzentriert sich WB Games heute auf vier Kernwelten: DC, Game of Thrones, Harry Potter und Mortal Kombat. Je nach Perspektive kann das wie ein Zeichen von Schwäche wirken – oder wie der bewusste Schritt, Ballast abzuwerfen und nur noch die stärksten IPs weiterzuentwickeln.

Hinter dem Logo WB Games steht jedenfalls eine Riege von Teams, um die viele Publisher Netflix neidisch beneiden dürften. Rocksteady hat mit Batman: Arkham gezeigt, wie man Superhelden-Spiele ernst nimmt. Avalanche Software hat mit Hogwarts Legacy bewiesen, dass das Studio ein riesiges AAA-Projekt stemmen kann. NetherRealm definiert mit Mortal Kombat seit Jahren mit, wie moderne Fighting Games auszusehen haben. TT Games wiederum dominiert den familienfreundlichen Lego-Sektor. Dazu kommen technologische und konzeptionelle Assets, etwa Systeme nach dem Vorbild der Nemesis-Mechanik aus Shadow of Mordor, die Gegner zu wiederkehrenden Rivalen machen und so dynamische Geschichten erzeugen – etwas, das nur wenige Studios in ähnlicher Qualität umgesetzt haben.

Ein Großteil des Werts steckt ohnehin in den Lizenzen selbst. Das Harry-Potter-Universum ist geradezu ideal für Game Design: eine Schule als natürlicher Hub, klare Progression, Zaubersprüche, Häuser, Jahrgänge, Turniere, ikonische Schauplätze. Man kann neue Figuren und Zeitlinien schaffen, ohne permanent an der Hauptgeschichte rütteln zu müssen, und trotzdem fühlt sich alles vertraut an. Deutlich heikler ist Der Herr der Ringe, für den WB ebenfalls umfangreiche Rechte hält. Tolkiens Welt ist extrem eng definiert, die Fans sind sensibel, was Lore-Brüche angeht, und alles, was nach billigem Fanfic riecht, wird erbarmungslos zerrissen. Das erklärt, warum es zwar immer wieder gute Ansätze gab – von Online-Rollenspiel bis Shadow-of-Mordor-Reihe –, aber das Gefühl bleibt, dass dieses Universum noch längst nicht ausgeschöpft ist.

Warum stuft Netflix WB Games trotz all dieser Hebel immer noch als eher kleinen Baustein ein? Die Antwort liegt im Maßstab. In einem Finanzmodell, in dem der Löwenanteil des Werts aus linearen Sendern, Streaming-Rechten, Produktionsdeals und riesigen Film- und Serienbibliotheken stammt, schrumpft selbst ein milliardenschweres Games-Geschäft zu wenigen Prozentpunkten zusammen. Vorsichtige Käufer rechnen nur mit stabilen, gut prognostizierbaren Cashflows. Hit-getriebene Bereiche wie Games landen dagegen in der Spalte für optionalen Upside: schön, wenn es klappt, aber nicht der Kern der Investment-Story. Und nach den überhitzten Bewertungen mancher Tech- und KI-Firmen der letzten Jahre ist ein eher konservativer Ansatz für viele Investoren inzwischen ein Verkaufsargument.

Gleichzeitig drängt sich die strategische Passform geradezu auf. Netflix hat seine Mobile-Games bereits in das Abo integriert und orientiert sich dabei grob an Modellen wie Apple Arcade oder Google Play Pass. Mit WB Games kämen plötzlich Marken und Studios dazu, aus denen sich ein wesentlich ambitionierterer Ansatz bauen ließe: eine dedizierte Spiele-Sektion in der Netflix-App, Übergänge von Serie zu Spiel mit einem Klick, Cross-Progression über Geräte hinweg. Die Vision eines eigenen Cloud-Gaming-Angebots nach Art von Game Pass, eingebettet in das ohnehin allgegenwärtige Netflix-Interface, ist nicht mehr utopisch, sondern eine durchaus realistische nächste Ausbaustufe.

Hinzu kommt der Konkurrenzdruck. Auf der anderen Seite des Bieterrennens steht Paramount zusammen mit Skydance, die mit einem feindlichen Angebot von 108,4 Milliarden Dollar die gesamte Warner-Organisation ins Visier nehmen. Skydance bringt im Gegensatz zu Netflix bereits eigene AAA-Studios mit: Skydance Interactive im VR-Bereich und Skydance New Media unter Amy Hennig, wo gerade Marvel 1943: Rise of Hydra und ein Star-Wars-Projekt mit Zielzeitraum ab der zweiten Hälfte 2026 entstehen. In einem Szenario, in dem ein solcher Player die gleichen DC-, Potter- oder LOTR-Rechte bekommt, würden Film, Serie und Spiel von Anfang an gemeinsam gedacht – mit entsprechend offensiverer Nutzung der Marken.

Parallel tobt eine Grundsatzdebatte darüber, wo eigentlich der wirkliche Wert eines Publishers liegt: in den Rechten oder in den Menschen, die damit arbeiten. Ein Teil der Finanzwelt behauptet lautstark, IP sei alles, während Studios und Entwickler im Zweifel durch Outsourcing, Engines und KI ersetzt werden könnten. Die Realität ist sperriger. Technologie beschleunigt Produktion, aber sie ersetzt nicht das Gespür dafür, was sich gut anfühlt, wie sich eine Kampfmechanik auf den Controller überträgt oder wie weit man eine Vorlage verbiegen darf, bevor die Fans abspringen. Der Unterschied zwischen einem Flop wie Suicide Squad und einem Volltreffer wie Hogwarts Legacy illustriert sehr deutlich, dass Markenlogo plus Algorithmen noch keine erfolgreiche Gaming-Strategie ergeben.

Am Ende sagt die Nullbewertung von WB Games in der offiziellen Netflix-Rechnung weniger über die tatsächliche Substanz dieser Sparte aus als über den aktuellen Fokus des Konzerns. Netflix bleibt in erster Linie ein Streaming-Gigant, der in Abo-Trichtern, Serienhits und Content-Pipelines denkt. Spiele sind im Moment ein Experiment, kein Fundament. Sollte der Deal wegen Regulatoren oder konkurrierender Angebote scheitern, kann man jederzeit betonen, dass die Finanzplanung nie vom Gaming abhing. Kommt die Übernahme dagegen zustande und entscheidet sich Netflix, ernsthaft in interaktive Inhalte zu investieren, könnte sich genau dieser heute als relativ nebensächlich eingestufte Teil als einer der cleversten Schnäppchenposten des gesamten 82,7-Milliarden-Pakets entpuppen – vorausgesetzt, die neuen Besitzer wissen, was sie mit diesen Studios und Welten anfangen wollen.

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1 kommentar

GalaxyFan December 16, 2025 - 2:35 am

Dass Netflix WB Games in der Kalkulation quasi als Gratis-Beilage behandelt, ist schon wild. Allein das, was Hogwarts Legacy eingespielt hat, schreit nach mehr als Null Euro in der Excel-Tabelle 😂

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