Android 16 hat ein Feature bekommen, das in Tech-Blogs als „Gamechanger“ gefeiert wurde, im Alltag aber erstaunlich unsichtbar bleibt: das neue 90:10-Split-Screen-Layout. Die Idee ist schnell erklärt: Eine App bekommt praktisch die komplette Fläche, die zweite hängt wie ein schmaler Streifen am Rand. Ein Tipp auf das kleine Fenster – und beide tauschen blitzschnell die Plätze. Kein fummeliges Ziehen an winzigen Trennbalken, kein Millimeter-Geschiebe. 
Auf dem Papier klingt das nach genau der Art smarter Lösung, die wir uns seit Jahren wünschen.
Ganz neu ist der Gedanke nicht. OnePlus hat mit seinem Open-Canvas-Ansatz auf Foldables schon gezeigt, wie sich Apps teilweise außerhalb des sichtbaren Bereichs parken und bei Bedarf ins Bild schieben lassen. Android 16 bringt das Ganze in eine einfachere, „klassische“ Form: zwei klar definierte Bereiche, aber bewusst asymmetrisch. Die Botschaft dahinter ist ziemlich realistisch: Im echten Leben gibt es fast immer eine Haupt-App, in der man wirklich etwas tut, und eine Neben-App, die man nur ab und zu checkt – Chat, Navigation, Musik, ein Spielstand, eine Tabelle im Hintergrund.
Trotzdem ertappe ich mich selbst immer wieder dabei, dass ich das Feature komplett vergesse. Ich richte 90:10 ein, spiele ein bisschen damit herum, denke „wow, eigentlich ziemlich clever“ – und wenige Stunden später wechsle ich wieder ganz normal zwischen Fullscreen-Apps hin und her. Wenn ich Freunde oder Leser frage, ob sie Split-Screen auf dem Handy nutzen, kommen meist Antworten wie „nur aus Versehen“ oder „warte, das kann mein Handy?“. Für ein so aufwendig designtes Feature ist das schon eine bittere Bilanz.
Ein Grund dafür ist, dass das Smartphone im Kern immer noch ein Ein-Task-Gerät ist. Ja, Displays sind groß geworden, ja, die SoCs rechnen schneller als alte Ultrabooks. Aber wir bedienen das Gerät selten in Ruhe. Wir stehen an der Ampel, sitzen halb schief im Bus, schauen nebenbei Netflix, quatschen mit jemandem oder jonglieren Einkäufe. Echte Multitasking-Szenarien, bei denen man gleichzeitig zwei Ströme an Informationen verarbeitet, funktionieren am besten, wenn man sitzt, Platz hat und nicht permanent abgelenkt wird – also am Laptop oder Tablet, nicht auf einem 6,x-Zoll-Display im Straßenlärm.
Die Werbevideos zeichnen natürlich ein anderes Bild. Da werden Dokumente und Recherchen nebeneinander gelegt, Tabellen und Präsentationen parallel bearbeitet, Notizen und Browser elegant kombiniert. Und rein technisch stimmt das alles: Mit 90:10 kann man sich theoretisch ein Mini-Office auf dem Handy nachbauen. Die ehrliche Frage lautet aber: Wer macht das wirklich? Wer schreibt ernsthaft einen Bericht im Split-Screen, während er mit der S-Bahn durch Schlaglöcher holpert?
Die wenigen Multitasking-Fälle, die auf dem Handy häufig vorkommen, sind längst anders gelöst. Video schauen und nebenbei chatten? Bild-in-Bild erledigt das automatisch. Navigation im Blick behalten, während man auf eine Nachricht antwortet? Maps bleibt als Overlay sichtbar. Musik, Timer, Anrufe, Sprachaufnahmen – all das hängt heute in Benachrichtigungen und schwebenden Elementen, ohne dass man explizit einen Mehrfenstermodus starten muss. Aus genau diesem Grund fühlt sich 90:10 oft eher wie ein hübscher Umweg an: Man opfert dauerhaft einen Teil des Displays für etwas, das man nur gelegentlich braucht.
Dazu kommt der Weg, den man bis zur geteilten Ansicht zurücklegen muss. Auf vielen Android-16-Geräten sieht der Ablauf so aus: Übersicht der zuletzt verwendeten Apps öffnen, auf das Icon der gewünschten App tippen, „Geteilte Ansicht“ auswählen, zweite App suchen, splitten, dann noch den Balken schieben, bis ungefähr 90:10 passt. Das funktioniert – aber es fühlt sich nach Konfiguration an, nicht nach natürlicher Bedienung. Bis man das alles erledigt hat, ist man mit einem schnellen Wisch mindestens zweimal zwischen den Apps hin und her gesprungen.
Pop-up-Fenster und Bild-in-Bild verhalten sich dagegen intuitiv. Man startet ein Video, drückt Home – und der Player schrumpft automatisch in die Ecke. Man bekommt eine Navigations-Anweisung, während man in einem anderen Dienst unterwegs ist – die Info schiebt sich kurz ins Bild, ohne alles zu überdecken. Das System nimmt einem die Entscheidung ab, wie die Oberfläche organisiert wird. Man muss keine Layouts planen, sondern macht einfach weiter. Genau an dieser Stelle wird der Unterschied zwischen „nett zu haben“ und „benutze ich jeden Tag“ spürbar.
Heißt das, 90:10 ist überflüssig? Nicht unbedingt. In bestimmten Setups spielt das Layout seine Stärken aus. Wer ein Foldable im aufgeklappten Tablet-Modus nutzt, den All-in-One auf dem Schreibtisch in eine DeX- oder Desktop-ähnliche Umgebung hängt oder das Handy in eine Docking-Station mit Tastatur stellt, erlebt eine ganz andere Dynamik. Plötzlich ist genug Platz da, um einen Browser, ein Dokument oder ein Tool dominieren zu lassen und daneben dauerhaft Messenger, To-do-Liste oder Monitoring laufen zu lassen. Mit ein paar Tastenkombinationen oder Gesten, die den Fokus wechseln, wird 90:10 zur Art „Mini-Desktop“ im Android-Kostüm.
Auf dem klassischen „Brotkasten“ im Alltag – einem normalen Smartphone im Hochformat – bleibt das Feature aber eher ein Liebhaberstück. Man kann damit ein laufendes Spiel klein andocken und nebenbei eine Guide-Seite offen halten, das Taxi- oder Lieferdienst-Tracking in einem schmalen Streifen parken oder einen Team-Chat konstant sichtbar lassen, während man E-Mails abarbeitet. Das sind nette Extra-Szenarien, keine Revolution. Unsere eingespielte Gewohnheit, eine App nach der anderen in Vollbild zu nutzen und bei Bedarf blitzschnell umzuschalten, wird dadurch kaum aufgebrochen.
Am Ende ist 90:10 auch ein Statement von Android gegenüber iOS: Schaut her, wir behandeln Apps wie Fenster, wir können mit Größen spielen, wir erlauben Layouts, die auf dem iPhone nicht existieren. Für Technik-Fans ist das pures Futter. Sie haben seit Jahren darauf gewartet, bestimmte Kombinationen auf dem Handy sinnvoll nebeneinander legen zu können. Für die breite Masse hingegen bleibt es ein verstecktes Power-Feature – etwas, das man einmal sieht, kurz bestaunt und dann wieder vergisst, weil der Alltag andere Routinen vorgibt.
Und vielleicht ist das gar kein Problem. Nicht jede smarte Funktion muss zur neuen Standard-Geste werden, um ihre Berechtigung zu haben. Der 90:10-Split-Screen zeigt, dass Google weiterhin bereit ist, mit dem Grundprinzip der Smartphone-Oberfläche zu experimentieren, statt nur Icons zu polieren. Die wirklich großen Schmerzen des mobilen Alltags liegen aber woanders: in der Notifications-Flut, in endlosem Doomscrolling, in Apps, die ständig um Aufmerksamkeit buhlen. Diese Dinge löst man nicht, indem man ein zweites Fenster an den Rand klebt. Dafür braucht es bessere Fokus-Modi, klare Grenzen und vielleicht auch den Mut, Funktionen bewusst zu verstecken statt immer neue einzublenden.
Bis es so weit ist, wird der 90:10-Modus wahrscheinlich ein typisches Nerd-Feature bleiben: Man entdeckt es, spielt damit, zeigt Freunden stolz, dass Android „mehr kann als iOS“, und fällt dann doch in das Muster zurück, ein Ding nach dem anderen zu erledigen. Smartphones sind nun mal Werkzeuge für kurze Aufmerksamkeits-Sprints, nicht für parallele Marathon-Sessions. Vielleicht braucht es wirklich erst flexible Displays, die sich auf Tabletgröße ausrollen, oder leichte AR-Brillen, bevor wir dauerhaft zwei Apps gleichzeitig im Blick haben wollen. Bis dahin gilt: 90:10 ist eine geniale Idee – nur nicht für jeden Alltag gemacht.
2 kommentare
Auf meinem Foldable ist 90:10 echt praktisch, aber auf dem normalen Handy fühlt es sich an wie zwei Briefmarken auf einem viel zu kleinen Display
Power-User feiern 90:10, aber meine Eltern wissen nicht mal, dass es eine Ansicht für letzte Apps gibt. Massentauglich ist das Ganze also eher nicht 😅