Apple arbeitet offenbar längst daran, was nach den heutigen LTPO-OLEDs kommt – und der nächste Schritt hört sich nach Uni-Vorlesung an: High Mobility Oxide, kurz HMO. Laut Berichten aus Korea lotet der Konzern gemeinsam mit Panel-Herstellern eine neue Backplane-Technologie aus, die gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen soll: weniger Stromverbrauch, einfachere Fertigung und langfristig günstigere Displays für künftige iPhones und iPads. Offiziell bestätigt ist nichts, aber die technischen Details klingen deutlich zu konkret, um sie als reinen Fantasie-Leak abzutun.
Auf einer groben Gerüchte-Skala landet HMO aktuell etwa bei 60 Prozent Wahrscheinlichkeit – im Bereich »plausibel«. 
Darunter verstehen wir: die Technologie passt perfekt zu dem, was Apple seit Jahren mit LTPO und Always-On-Displays verfolgt, es fehlt aber noch die breite Bestätigung durch mehrere, voneinander unabhängige Quellen. Kurz gesagt: Man sollte nicht morgen im Apple Store damit rechnen, es aber durchaus im Hinterkopf behalten, wenn es um die Display-Zukunft der nächsten Jahre geht.
Um zu verstehen, warum HMO spannend ist, lohnt sich ein Blick auf das, was heute schon im iPhone steckt. Hinter jedem Pixel eines OLED-Panels sitzt ein Raster aus Dünnschichttransistoren (TFTs), die den Stromfluss regeln und damit bestimmen, wie hell ein Subpixel leuchtet. In Geräten wie dem iPhone 14 Pro und iPhone 14 Pro Max setzt Apple auf ein LTPO-Backplane-Design. Dieses ermöglicht es, die Bildwiederholrate dynamisch von 1 Hz bis 120 Hz anzupassen – vom stromsparenden Always-On-Modus bis zum butterweichen Scrollen in Safari oder Games.
LTPO war ein massiver Schritt nach vorn im Vergleich zu klassischen LTPS-Lösungen: Es erlaubt, die Bildwiederholrate drastisch zu senken, wenn auf dem Display quasi nichts passiert, und aggressiv hochzudrehen, sobald der Nutzer scrollt oder spielt. Trotzdem stößt die aktuelle Oxid-TFT-Generation an physikalische Grenzen. Die sogenannte Elektronenmobilität – also wie schnell sich Ladungsträger durch das Material bewegen – limitiert, wie flott ein Transistor schalten kann und wie effizient er dabei arbeitet. Wo die Mobilität begrenzt ist, muss mehr Energie aufgewendet werden, und ein Teil davon verpufft als Wärme.
Genau hier setzt High Mobility Oxide an. Ziel ist es, Materialien mit deutlich höherer Elektronenmobilität einzusetzen. Wenn sich Elektronen schneller durch den Transistorkanal bewegen, lassen sich Schaltvorgänge beschleunigen und gleichzeitig Energieverluste reduzieren. Im Klartext: Das Panel kann hohe Refresh-Raten und hohe Helligkeiten fahren, ohne die Akkulaufzeit so stark zu belasten. Besonders spürbar wäre das bei Szenarien wie Navigation, Gaming oder 4K-Videoaufnahme, in denen heutige iPhones merklich warm werden und den Akku in kurzer Zeit leeren.
Ein weiterer spannender Aspekt: Laut den aktuellen Berichten könnte HMO auch aus Sicht der Fertigung attraktiver sein. Die Produktion von LTPO-Backplanes ist komplex, mehrstufig und erfordert teure Spezialanlagen, weil verschiedene Materialsysteme kombiniert werden müssen. Jeder zusätzliche Prozessschritt bedeutet Kosten, Risiko und Ausschuss. High Mobility Oxide soll hier auf weniger Prozessschritte und einen schlankeren Ablauf setzen. Für Apple, das Jahr für Jahr Hunderte Millionen Displays einkauft, sind schon wenige Dollar Einsparung pro Panel eine relevante Zahl – egal ob die als zusätzlicher Gewinn in Cupertino landen oder irgendwann doch beim Endkunden ankommen.
Allerdings: Zwischen Forschungsprototyp und Massenfertigung liegen bei Apple traditionell viele Jahre. LTPO ist das beste Beispiel. Erste Patente tauchten Mitte der 2010er auf, dann kam die Technologie zunächst in der Apple Watch an, wo geringe Leistungsaufnahme wichtiger ist als pure Helligkeit. Erst deutlich später wanderte LTPO in den iPhone-Pro-Lineup und wurde dort zum unsichtbaren Helden hinter 120 Hz und Always-On-Display. Grob überschlagen vergingen etwa acht Jahre vom ersten Patent bis zur breiten Verfügbarkeit in iPhones – ein realistischer Referenzwert auch für HMO.
Dazu kommt: Apple jongliert parallel mit weiteren Display-Baustellen. Die neueste iPad-Pro-Generation setzt bereits auf Tandem-OLED, also zwei übereinanderliegende Emissionsschichten für mehr Helligkeit und längere Lebensdauer. Zahlreiche Berichte deuten darauf hin, dass diese Tandem-Technik irgendwann auch im iPhone landen soll, realistisch aber nicht vor dem Zeitraum um 2028. Zwei so große Sprünge – Tandem-Struktur und komplett neues Backplane-Material – gleichzeitig zu wagen, wäre selbst für Apple und seine Zulieferer extrem riskant. Wahrscheinlicher ist ein schrittweiser Ansatz: erst Tandem-OLED im iPhone, dann HMO als evolutionäres Upgrade unter der Haube.
Und dann sind da noch die Display-Giganten selbst. Apple entwirft zwar viel, baut aber keine Panels in eigenen Fabriken. Ob High Mobility Oxide Realität wird, hängt also maßgeblich von Playern wie Samsung und weiteren asiatischen Herstellern ab. Sie müssen bereit sein, Milliarden in neue Anlagen, Prozesse und Schulungen zu stecken – und zwar nur, wenn sie im Gegenzug langfristige Großaufträge sehen, im Idealfall nicht nur von Apple. Ohne diese Zusage bleibt HMO leicht im Status eines vielversprechenden Forschungsprojekts, das in Präsentationen der Ingenieure toll aussieht, aber nie den Sprung in ein iPhone-Gehäuse schafft.
Unterm Strich wirkt High Mobility Oxide momentan weniger wie ein lautes Marketing-Buzzword und mehr wie der logisch nächste Schritt in Apples Display-Roadmap. Wenn es kommt, wird die Abkürzung HMO vermutlich weder auf der Verpackung stehen noch als Keynote-Schlagwort durch die Presse gejagt. Stattdessen wird man die Auswirkungen indirekt spüren: iPhones, die etwas kühler bleiben, den Bildschirm ein bisschen länger anhaben können und ihre 120 Hz zuverlässiger selbst in Sonne und Hitze halten. Genau diese unsichtbaren Fortschritte im Hintergrund entscheiden am Ende darüber, wie sich ein Gerät nach drei Jahren Alltagseinsatz anfühlt – und HMO könnte eines der kleinen, aber wichtigen Puzzleteile dafür werden.