Eigentlich hätte die Singapur-Premiere von Wicked: For Good ein klassischer Glamour-Abend werden sollen: grüner Teppich, blitzende Kameras, Fans in Vorfreude auf den Kinostart. 
Stattdessen ist sie nun zum Lehrstück darüber geworden, wie weit manche Menschen für ein virales Video gehen – und was passiert, wenn persönliche Grenzen komplett ausgeblendet werden. Im Mittelpunkt: Ariana Grande, die gemeinsam mit Cynthia Erivo, Michelle Yeoh und Jeff Goldblum über den Teppich lief, als plötzlich ein Mann aus der Menge stürmte, die Absperrung überwand und sie am Körper packte.
Auf dem Clip, der innerhalb weniger Stunden rund um den Globus geteilt wurde, sieht man den Cast durch einen engen Korridor aus Fans und Smartphones schreiten. Dann springt ein Mann über die Barrikade, rennt direkt auf Grande zu und legt ihr den Arm ruckartig um die Schultern. Cynthia Erivo reagiert sofort, zieht den Mann weg, wenige Augenblicke später sind mehrere Securitys zur Stelle und drängen ihn zurück in Richtung Absperrung. Ariana wirkt sichtbar erschrocken, fängt sich aber schnell, während die Menschen in der ersten Reihe reflexartig zurückweichen.
Die Polizei identifizierte den Störer als Johnson Wen, einen 26-jährigen Australier, der in sozialen Netzwerken unter dem Namen Pyjama Man unterwegs ist. Gegen ihn wurde Anklage wegen öffentlicher Belästigung erhoben. In Singapur kann das mit einer Geldstrafe von bis zu 2.000 Singapur-Dollar geahndet werden, umgerechnet etwa 1.540 US-Dollar. Laut lokalen Medien soll Wen sich schuldig bekennen – aus einem vermeintlichen Fan-Moment ist damit ein offizieller Strafrechtsfall geworden.
Wer sich in der Welt der Fan-Culture und Influencer-Stunts bewegt, kennt den Namen allerdings längst. User kramten innerhalb kürzester Zeit frühere Videos hervor: Wen, wie er auf Bühnen von Konzerten von Katy Perry oder The Weeknd springt, Sicherheitslinien ignoriert und sich gezielt in die Nähe von Stars drängt. Sein Online-Markenzeichen ist simpel und kalkuliert: Grenzen überschreiten, die Szene filmen, den Schreckmoment als Content verpacken und anschließend Klicks und Werbeeinnahmen einsammeln. Von harmlosen Späßen zu sprechen, wirkt vor diesem Hintergrund zunehmend weltfremd.
Genau diese Wiederholung macht viele Menschen wütend. In den Kommentaren ist von einem "Serienstörer" die Rede, der seit Jahren davonkommt, weil er zumeist nur vom Sicherheitspersonal abgeführt oder mit Symbolstrafen belegt wird. Werden die Konsequenzen nie spürbar, bleibt das Risiko für ihn minimal – vor allem, wenn man die nächste Geldbuße mit einem einzigen viralen Clip wieder reinholt. Für Künstlerinnen und Künstler sieht die Lage ganz anders aus: Jeder Auftritt im Rampenlicht ist mit der Frage verbunden, ob sich wieder jemand unkontrolliert nähert.
Zugleich gerät die Verhältnismäßigkeit der Strafen in die Kritik. Singapur ist für besonders strenge Drogengesetze bekannt, bis hin zur Todesstrafe in bestimmten Fällen. Viele Beobachter reiben sich daran, dass wiederholte, gezielte körperliche Grenzüberschreitungen dagegen mit einer vergleichsweise geringen Geldstrafe abgehandelt werden können. Die Botschaft, die bei vielen ankommt: Jemanden ohne Einverständnis anzufassen, selbst vor laufenden Kameras, wird immer noch zu sehr als peinliche Fan-Aktion und zu wenig als Übergriff bewertet.
Ein weiterer unangenehmer Punkt ist die Rolle der Aufmerksamkeit. Jeder neue Artikel, jedes Repost des Videos, jede Empörungswelle in den sozialen Netzwerken vergrößert gleichzeitig die Reichweite von Menschen wie Wen. Medien stehen damit in einem Dilemma: Ignorieren sie den Vorfall, obwohl eine der weltweit größten Popstars betroffen ist? Oder berichten sie – und liefern dem Störer genau das Publikum, auf das er es anlegt? Kritiker werfen den Plattformen vor, sie würden Trolle und Grenzgänger indirekt belohnen, während andere darauf pochen, dass Öffentlichkeit notwendig ist, um Veranstalter und Studios zu konsequenterem Handeln zu bewegen.
Im Hintergrund laufen derweil ganz praktische Überlegungen. Das Team von Wicked: For Good befindet sich mitten in einem intensiven Promotion-Marathon: Premieren, Pressejunkets, Fanevents in verschiedenen Ländern. Nach dem Singapur-Vorfall dürfte das Thema Sicherheit ganz oben auf der Agenda stehen. Wie nah dürfen Fans überhaupt an den Teppich heran? Welche Personen sollten auf Blacklists landen, die international geteilt werden? Wie schnell muss Security eingreifen, wenn jemand über eine Absperrung klettert – und welche rechtlichen Mittel gibt es bei Wiederholungstätern?
Schon in Kürze steht die große New-York-Premiere an, der letzte große Aufschlag, bevor der Film weltweit in die Kinos kommt. Eigentlich sollte es dann um die Chemie zwischen Ariana Grande und Cynthia Erivo gehen, um die neue Interpretation der Welt von Oz und um die Starpower von Michelle Yeoh und Jeff Goldblum. Stattdessen dominiert vorerst die Sicherheitsfrage. Gerade deswegen hoffen viele Beteiligte, dass der Fall Johnson Wen nicht als skurrile Randnotiz endet, sondern ein Beispiel dafür wird, dass Fan-Sein Grenzen hat.
Am Ende bleibt ein klarer Befund: Parasoziale Beziehungen – das Gefühl, einen Star durch Social Media fast persönlich zu kennen – dürfen nicht als Ausrede dienen, jemanden im realen Leben anzufassen oder zu bedrängen. Bewunderung rechtfertigt keinen Übergriff. Ob die aktuelle Anklage reicht, um Johnson Wen und mögliche Nachahmer auszubremsen, ist offen. Dass Respekt vor Körper und Distanz anderer Menschen keine Option, sondern Mindeststandard sein sollte, daran sollte dieser Abend in Singapur niemanden mehr zweifeln lassen.
1 kommentar
Wie kann der Typ nicht längst auf sämtlichen Event-Blacklists stehen? Der ist doch in der Szene bestens bekannt