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Desmond Miles und Assassin’s Creed: Eine Todesszene, die nie wie ein echtes Ende wirkte

von ytools
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Für viele Spieler war Assassin’s Creed jahrelang untrennbar mit einem Namen verbunden: Desmond Miles. Der gelangweilte Barkeeper, der plötzlich in einen uralten Konflikt zwischen Assassinen und Templern gezogen wird, war der rote Faden, der all die Zeitsprünge und historischen Kulissen zusammenhielt.
Desmond Miles und Assassin’s Creed: Eine Todesszene, die nie wie ein echtes Ende wirkte
Umso skurriler wirkt es rückblickend, wenn Nolan North – die englische Stimme von Desmond – erzählt, dass er beim Einsprechen von Assassin’s Creed 3 gar nicht gemerkt hat, dass er gerade die Todesszene seiner eigenen Figur aufnimmt. Erst nach Release, als sein Twitter-Feed explodierte, wurde ihm klar, was da eigentlich passiert war.

In seinen Erinnerungen gab es keinen pathetischen letzten Schrei, keine ausufernde Sterbemonolog-Szene wie in einem Hollywood-Film. In AC3 läuft Desmond am Ende in einen Erdapfel-Tempel, entscheidet sich für das Opfer, aktiviert den antiken Mechanismus, bricht zusammen – Cut. Die Welt ist gerettet, die Credits rollen. Aus Sicht eines Sprechers ist das eine von vielen dramatischen Passagen. Aus Sicht vieler Fans ist es eine seltsam unspektakuläre Verabschiedung der Figur, mit der sie seit Teil eins unterwegs waren. Dass North diesen Moment zunächst nicht als endgültigen Abschied wahrnahm, wirkt vor diesem Hintergrund fast logisch.

Die Folge: eine bis heute anhaltende Verunsicherung in der Community. Zahlreiche Spieler beendeten Assassin’s Creed 3 mit der festen Überzeugung, dass Ubisoft da später noch einen Twist nachschiebt. Theorien schossen ins Kraut – von “Desmond lebt im Untergrund weiter” bis zu “Abstergo hat den Tod nur vorgetäuscht”. Viele rechneten damit, dass Black Flag irgendwann im Hintergrund den großen Reveal bringt, oder dass ein späterer Teil den modernen Protagonisten als Strippenzieher im Schatten zurückholt. Stattdessen rückte jedes neue Assassin’s Creed die Vergangenheit stärker in den Mittelpunkt, während die Gegenwart in immer kleinere Häppchen zerlegt wurde.

Ironischerweise deuteten die frühen Pläne der Entwickler in eine ganz andere Richtung. Nolan North hat mehrfach erzählt, dass intern von acht oder neun Spielen mit Desmond die Rede war. Die Vision: Der Spieler soll Schritt für Schritt aus der Rolle des passiven Beobachters im Animus herauswachsen, bis am Ende ein vollwertiges modernes Assassin’s Creed steht – mit Parkour über reale Hochhausdächer, Versteckspiel zwischen Überwachungskameras und Attentaten im Hier und Jetzt. Diese Version der Serie existiert heute nur noch in Präsentationen von damals und in den Köpfen der Fans. Neue Teams übernahmen, kreative Leitungen wechselten, Roadmaps wurden angepasst – und mit ihnen die Rolle von Desmond.

Für einen Teil des Publikums war das sogar eine Erleichterung. Nicht alle hatten Lust auf sterile Laborflure, Büroetagen und kryptische Sci-Fi-Dialoge, bevor es endlich zurück in das bunte Chaos von Rom, Boston oder auf die Karibik ging. Viele sagen bis heute, dass die moderne Rahmenhandlung nur im ersten Assassin’s Creed so richtig funktioniert hat, als sie sich noch wie ein geheimer Unterbau unter einem historischen Actionspiel anfühlte. Je weiter Ubisoft diesen Strang auszubauen versuchte, desto mehr empfanden diese Spieler ihn als Tempo-Bremse, die sie von den eigentlichen Stars der Reihe fernhielt: Altaïr, Ezio, Connor, Edward und Co.

Doch auf der anderen Seite stehen jene, für die genau diese Metaebene den Unterschied machte. Die Erste Zivilisation, der drohende Sonnensturm, die seltsamen Botschaften in den Zwischensequenzen – all das verschmolz für sie mit Desmonds Entwicklung vom verpeilten Barkeeper zum ausgebildeten Assassinen. Ohne diesen übergreifenden Bogen fühlt sich Assassin’s Creed für diese Fans eher wie eine Sammlung schicker Geschichtsausflüge an, die nur locker miteinander verknüpft sind. Dass Desmonds Geschichte dann in einer kurzen, ungelenken Szene abgeschnitten wurde, wirkt in ihren Augen wie verschwendetes Potenzial, ja beinahe wie ein Verrat an der Ursprungsidee.

Ubisofts Antwort darauf war pragmatisch: Die Gegenwart wurde radikal zusammengestutzt. Die jüngeren Teile werfen den Spieler fast ohne Umschweife in die jeweilige Epoche und liefern den modernen Kontext hauptsächlich in Form von E-Mails, Audiologs und kleineren First-Person-Segmenten. Berichte über das geplante Remake von Assassin’s Creed IV: Black Flag deuten sogar darauf hin, dass die Gegenwartsabschnitte dort ganz wegfallen und die frei werdende Zeit in zusätzliche historische Inhalte fließt. Für all jene, die mit Desmond nie warm geworden sind, klingt das nach einem fairen Tausch – vorausgesetzt, die Piratenabenteuer werden entsprechend ausgebaut. Für Fans der ursprünglichen Rahmenhandlung ist es hingegen ein weiteres Zeichen, dass der große rote Faden der Saga immer weiter ausfranst.

Und dann kam Assassin’s Creed Valhalla und riss den Deckel des Sargs noch einmal auf. Im Finale trifft der Spieler auf eine rätselhafte Figur, den sogenannten Reader – eine Art Bewusstsein, das im Animus selbst verankert ist und durch Zeitlinien und Erinnerungsströme navigiert. Gesprochen wird diese Gestalt von… Nolan North. Valhalla macht relativ deutlich, dass es sich um Desmonds Bewusstsein handelt, das beim Ereignis in AC3 nicht einfach verschwunden, sondern in Datenform weiterexistiert. Laut North haben die Entwickler ihm persönlich bestätigt, dass der Reader tatsächlich Desmond ist. Daher seine Formulierung, der Held sei “technisch” immer noch am Leben.

In gewisser Weise ist das die wohl “assassin’s-creedigste” Lösung, die man sich vorstellen kann. Der Körper ist tot, aber die Erinnerung läuft weiter in einer Maschine, die genau dafür geschaffen wurde. Für viele Fans, die mit der originalen Todesszene nie so recht warm geworden sind, wirkt dieses digitale Nachleben wie eine späte Reparatur – eine Art Retcon, das zumindest erklärt, warum der Abschied damals so seltsam unvollendet wirkte. Plötzlich ergibt es Sinn, dass Desmond nie den großen, dramatischen Heldenabgang bekommen hat, den man nach fünf Spielen erwartet hätte: Er sollte gar nicht vollständig verschwinden.

Das ändert nichts daran, dass der Frust über den verpassten “modernen” Höhepunkt weiterlebt. Die Vorstellung eines letzten, kompromisslos auf die Gegenwart fokussierten Assassin’s Creed – mit einem Desmond, der all die Techniken seiner Ahnen im echten Leben einsetzt – ist zu einem der beliebtesten Was-wäre-wenn-Szenarien der Spieleszene geworden. Kaum wird ein neuer Serienteil angekündigt, flammt die Diskussion aufs Neue auf: Braucht es doch noch diesen einen großen Abschluss im 21. Jahrhundert, vielleicht mit Desmond als eine Art Geist in der Maschine? Oder ist es klüger, die Reihe endgültig dort zu belassen, wo sie aktuell am stärksten ist – in detailverliebten, historischen Sandkästen?

Zwischen diesen Lagern steht eine stille dritte Gruppe, die sich mit beiden Welten anfreunden kann. Sie rollen zwar mit den Augen, wenn die Lore der Ersten Zivilisation zu sehr in pseudophilosophische Monologe abgleitet, erinnern sich aber gerne an kleinere, menschliche Momente: etwa die komplizierte Beziehung zwischen Desmond und seinem Vater William Miles, gespielt von Star-Trek-Ikone John de Lancie. Sie brauchen keine stundenlangen Büro-Passagen, schätzen aber das Gefühl, dass der Animus und die moderne Ebene mehr sind als nur ein austauschbares Menü vor der eigentlichen Action. Für sie ist Desmonds Rückkehr als Reader in Valhalla ein durchaus eleganter Kompromiss: Der Charakter bleibt präsent, ohne dass sich jede neue Geschichte zwanghaft um ihn drehen muss.

Im Zentrum dieses ganzen Durcheinanders steht am Ende immer noch Nolan North. Ein Schauspieler, der erst aus Versehen die Todesszene seiner Figur einsprach und Jahre später als digitales Echo eben dieser Figur zurückkehrte. In Interviews betont er, Assassin’s Creed gehöre zu seinen Lieblingsgeschichten in der eigenen Karriere – und man glaubt es ihm, wenn er mit spürbarer Zuneigung über Desmonds merkwürdiges Schicksal spricht. Ob der Ex-Barkeeper irgendwann noch einmal in Fleisch und Blut zurückkehrt oder für immer als Stimme im Animus gefangen bleibt, weiß niemand. Aber sein halb totes, halb lebendiges Dasein spiegelt ziemlich genau wider, wo die Serie heute steht: Assassin’s Creed steckt zwischen Vergangenheit und Gegenwart fest und probiert unterschiedliche Zukünfte aus – je nachdem, wer gerade das narrative versteckte Messer in der Hand hält.

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2 kommentare

SunnySide December 6, 2025 - 7:44 am

Hab die alten Teile neulich nachgeholt, und je mehr ich über die Erste Zivilisation und den Weltuntergang erfahre, desto weniger verstehe ich, warum man den Kerl aus der Story geschrieben hat

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Guru January 20, 2026 - 5:50 pm

Ganz ehrlich, ich erwarte nicht, dass irgendein Sprecher jede Szene im Detail erinnert, vor allem bei so einer Sci-Fi-Salatstory wie AC

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