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Karlachs neues Schicksal: Wie D&D den Kanon von Baldur’s Gate 3 verändert

von ytools
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Karlachs neues Schicksal: Wie D&D den Kanon von Baldur’s Gate 3 verändert

Achtung: In diesem Artikel gibt es massive Spoiler zu Baldur’s Gate 3, inklusive der möglichen Enden von Karlach und Details aus dem Epilog.

Seit dem Release von Baldur’s Gate 3 hat sich Karlach für viele Spielerinnen und Spieler zum heimlichen Star der Gruppe entwickelt. Die tieflingische Barbarin mit dem riesigen Herz, der lauten Lache und dem höllischen Motor im Brustkorb ist gleichzeitig Frontkämpferin und tickende Zeitbombe. Der gleiche infernale Antrieb aus Avernus, der sie am Leben hält, droht sie irgendwann zu verbrennen – und genau aus diesem Konflikt entsteht eine der emotional stärksten Geschichten des ganzen Spiels.

Im Spiel selbst ist das Schicksal von Karlach eine Sammlung harter Entscheidungen. Lässt man alles laufen, wie es ist, überhitzt ihr Motor und sie geht buchstäblich in Flammen auf – eine grausame Szene, die vielen im Gedächtnis bleibt. Eine andere Route sieht vor, dass sie sich opfert und zum Gedankenschinder wird, ihre Persönlichkeit aufgibt, um die Welt zu retten. Und dann gibt es die »hoffnungsvollste« Variante: Man überredet Karlach, nach Avernus zurückzukehren, in die Hölle, aus der sie geflohen ist, in der vagen Hoffnung, dort einen Weg zu finden, ihren Motor endgültig zu reparieren.

Warum Karlach so viele Herzen erobert hat

Gerade diese Ausweglosigkeit hat die Figur für viele so besonders gemacht. In einem Spiel, in dem man fast alles mit cleveren Builds, magischen Items oder einem glücklichen Würfelwurf irgendwie geradebiegen kann, bleibt Karlachs Grundproblem erstaunlich stur. Man kann sie lieben, sie unterstützen, jede gute Entscheidung für sie treffen – und trotzdem gibt es im Spiel keinen klaren, sauberen »Alles wird gut«-Ausgang. Für manche Fans ist das der Grund, warum ihre Romanze als die stärkste und ehrlichste im ganzen Spiel gilt: eine Beziehung, die weiß, dass ihr die Zeit davonläuft.

Umso größer war die Überraschung, als neues Dungeons-&-Dragons-Material plötzlich ein anderes Bild zeichnet. Im Erweiterungsband Astarion’s Book of Hungers, der den offiziellen Hintergrund der Vergessenen Reiche am Spieltisch weiterführt, wird eine chronologische Übersicht zu Astarions Leben gezeigt. Dort werden die Ereignisse von Baldur’s Gate 3 um das Jahr 1492 der Dalereckoning-Zeitrechnung eingeordnet. Mehrere spätere Abenteuerbände wie Forgotten Realms: Heroes of Faerûn und Forgotten Realms: Adventures in Faerûn, die im Jahr 1501 DR spielen, lassen dann eine bekannte Gestalt wieder auftauchen: Karlach, zurück in Faerûn und offenbar bester Dinge.

Von Avernus zurück nach Baldur’s Gate

Die Fans mussten die Linien nur noch verbinden. Wenn Karlach in Abenteuern vorkommt, die fast ein Jahrzehnt nach den Ereignissen des Spiels spielen, heißt das: In mindestens einer offiziellen Zeitlinie überlebt sie ihren Sprung zurück nach Avernus. Irgendwann zwischen dem Epilog von Baldur’s Gate 3 und den Geschichten von 1501 DR findet sie einen Weg, ihren Höllenmotor zu stabilisieren oder auszutauschen und nach Baldur’s Gate zurückzukehren, ohne in Flammen aufzugehen. Die Bücher beschreiben keine technischen Details der Reparatur, aber die Implikation ist eindeutig: Im aktuellen D&D-Kanon lebt Karlach weiter.

Interessanterweise passt das genau zu dem, was Larian im Epilog der Spiele-Kampagne andeutet. Das Finale spielt rund sechs Monate nach dem Endkampf. Wenn man Karlach nach Avernus geschickt hat, erzählt sie dort von einem jüngsten Höllenabenteuer, bei dem sie Baupläne aufgetrieben hat, die eine Lösung für ihren Motor sein könnten. Das Spiel lässt die Frage offen, ob dieser Plan jemals funktioniert. Das neue D&D-Material wirkt nun wie die nachgereichte Antwort: Ja, irgendwo in der offiziellen Lore hat sie es geschafft.

Wie viele Kanons verträgt ein Rollenspiel

Damit taucht sofort die klassische Fan-Frage auf: Wenn die D&D-Bücher festhalten, dass Karlach in 1501 DR noch lebt, sind dann die anderen Enden »falsch«. Die ehrliche Antwort: nein. Baldur’s Gate 3 ist von Anfang an als Spiel mit verzweigten Pfaden angelegt. Eure Version von Tav, eure Gruppe und euer Ende bilden ohnehin eine eigene Realität. Die D&D-Autoren müssen aber für ihre Welt einen klaren Ausgang festnageln, damit sie in zukünftigen Abenteuern einen gemeinsamen Stand haben. Und für diese »Hauptlinie« wird offensichtlich der Weg gewählt, in dem Karlach zurück nach Avernus geht, ihren Motor repariert und später wieder in Baldur’s Gate auftaucht.

Dazu kommt: Karlach war vor Baldur’s Gate 3 keine große Figur im jahrzehntelangen D&D-Hintergrund. Sie ist eine vergleichsweise neue, von Larian geprägte Figur, die jetzt nachträglich in die breitere Welt der Vergessenen Reiche eingewoben wird. Das fühlt sich weniger wie eine Retcon eines alten Kanons an, sondern eher wie eine Beförderung: Die Fanlieblinge aus dem Spiel bekommen einen festen Platz im offiziellen Tischrollenspiel.

Zwischen brutaler Tragödie und tröstlichem Nachtrag

Dass Karlach im neuen Material überlebt, kommt aber nicht bei allen gut an. Viele Spieler lobten den ursprünglichen, tragischen Ton ihrer Geschichte gerade deshalb, weil sie nicht zu retten war. Für sie ist diese Unerbittlichkeit das, was ihre Romanze so intensiv macht. Nachträglich zu bestätigen, dass es irgendwo einen Zeitstrahl gibt, in dem sie einfach weiterlebt und Abenteuer erlebt, wirkt für diese Gruppe fast wie ein Weichzeichnen eines perfekt bitteren Endes.

Andere hängen weniger an der Tragik als an der Ungewissheit. Sie mochten genau das offene Ende, bei dem Karlach mit flammender Entschlossenheit nach Avernus rennt und man nie erfährt, ob der Plan wirklich aufgeht. Dieses »Vielleicht« ließ viel Raum für eigene Fantasie und Fan-Fiction. Ein klar definierter Kanon mit Jahreszahlen und Buchtiteln macht aus dieser Frage nun eine feste Antwort – und das fühlt sich für manche kleiner an als das große Fragezeichen, das das Spiel hinterlässt.

Am Ende landen wir bei so etwas wie Schrödingers Karlach. In der offiziellen D&D-Historie lebt sie, ihr Motor ist repariert, und sie kann in zukünftigen Kampagnen jederzeit als NSC wieder die Bühne betreten. In euren Spielständen dagegen kann sie weiterhin auf der Mauer der Stadt verbrennen, sich in einen Gedankenschinder verwandeln oder irgendwo in der ewigen Schlacht von Avernus verschwinden, ohne je zurückzukehren. Beides existiert parallel – und das eine macht das andere nicht ungültig.

Wie es mit Baldur’s Gate und seinen Helden weitergeht

Larian Studios hat bereits recht deutlich gemacht, dass Baldur’s Gate 3 kein ewiger Live-Service werden soll. Abgesehen von gelegentlichen Hotfixes arbeitet das Team an neuen Projekten, und falls es eines Tages ein Baldur’s Gate 4 gibt, wird es vermutlich bei einem anderen Studio liegen. Umso wichtiger werden dann Medien wie Romane, Lore-Bände und D&D-Erweiterungen, wenn es darum geht, Figuren wie Karlach, Astarion oder Shadowheart weiterzuentwickeln.

Fürs Erste bleibt die Erkenntnis: Wer an Karlach hängt, kann sich nun zumindest auf eine offizielle Version stützen, in der sie nicht als reine Tragödie endet. In einem Strang der Reiche überlebt sie Avernus, findet eine Lösung für ihren infernalen Motor und kehrt nach Baldur’s Gate zurück. Ob ihr persönlich den gnadenlosen Schmerz des ursprünglichen Endes bevorzugt, die tröstliche Wende des neuen Kanons oder beides gleichzeitig im Kopf behaltet – Karlach erfüllt weiterhin dieselbe Funktion wie im Spiel: Sie zeigt, dass gute Fantasy-Geschichten uns zuerst das Herz brechen und uns dann doch noch einen Funken Hoffnung übrig lassen.

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