In einem Spielejahr, in dem gefühlt jede Woche ein neuer Blockbuster erscheint, rechnet kaum jemand damit, dass ausgerechnet das Debüt einer unbekannten französischen Studio-Crew die Schlagzeilen dominiert. Genau das ist aber mit Clair Obscur: Expedition 33 passiert. Die stilvolle, düstere Runden-RPG erschien zeitgleich für PC, PlayStation 5 und Xbox Series X/S – und war vom ersten Tag an im Xbox Game Pass verfügbar. Obendrauf musste sich der Titel eine Release-Woche mit einem echten Giganten teilen: The Elder Scrolls IV: Oblivion Remastered, dem Comeback eines der bekanntesten Rollenspiele überhaupt. 
Auf dem Papier sah das nach einem Termin aus, den man eher meidet. In der Realität wurde es zur Bühne für einen der größten Überraschungserfolge des Jahres 2025.
Anstatt vom Nostalgie-Bonus des Oblivion-Remasters erdrückt zu werden, schob sich Clair Obscur Schritt für Schritt in den Mittelpunkt der Diskussionen. Social Media, Foren, Streaming – plötzlich tauchte Expedition 33 überall auf. Wie groß das Ganze wirklich war, bestätigte schließlich Xbox selbst: Laut einem Beitrag auf Xbox Wire wurde der Titel von Sandfall Interactive zum größten neuen Third-Party-Launch im Xbox Game Pass des Jahres 2025 – und konnte diese Spitzenposition auch halten. Für ein Erstlingswerk ist das kein netter Nebeneffekt, sondern ein Statement: Dieses Studio ist ab sofort auf dem Radar der gesamten Branche.
Wichtig ist, was sich hinter dieser Auszeichnung verbirgt. Xbox misst nicht einfach „Buzz“, sondern eine harte Kennzahl: Wie viele eindeutige Accounts haben das Spiel innerhalb der ersten 30 Tage nach Release gestartet? Dieser Wert bildet die Grundlage für den Rekord. Es geht also nicht darum, wie viele Keys irgendwo liegen, wie laut die Trailer waren oder wie oft ein Hashtag trendete – es geht darum, dass echte Spielerinnen und Spieler den Download-Button gedrückt und Expedition 33 tatsächlich ausprobiert haben. Das Framework für diese Auswertung ist übrigens noch relativ jung: Es entstand im Vorjahr, als Palworld mit seinem explosiven Start den bisherigen Third-Party-Rekord auf Game Pass sprengte und Microsoft dazu brachte, diese Dimension öffentlich zu kommunizieren.
Als nun Clair Obscur diesen Titel für das Jahr 2025 einstrich, war die Reaktion der Community zweigeteilt. Die einen freuten sich über den Erfolg eines neuen IP, die anderen witzelten über mögliche „Xbox-Agenda“, man habe diese Statistik doch nur erfunden, um den Hype rund um Expedition 33 kurz vor der Awards-Saison noch weiter anzuheizen. Schließlich war das Spiel da schon längst als heißer Anwärter auf den Titel Spiel des Jahres im Gespräch – nicht zuletzt, nachdem es bei den Golden Joystick Awards gleich mehrfach abgeräumt hatte. Schaut man genauer hin, merkt man aber schnell: Die Partnerschaft zwischen Xbox und Sandfall Interactive wurde nicht ad hoc aus dem Boden gestampft, sondern über Monate aufgebaut.
Schon im Sommer 2024 wurde Clair Obscur prominent vorgestellt und weckte mit seinem eigenwilligen Artstyle, der melancholischen Stadt Lumière und dem Mix aus rundenbasierten Kämpfen mit Timing-Elementen viel Aufmerksamkeit. Im Januar folgte dann der Auftritt im Developer_Direct, inklusive Studiobesuch durch das Xbox-Team. Microsoft positionierte den Titel früh als Vorzeigeprojekt für das, was Game Pass für neue Marken leisten kann: Sichtbarkeit, Reichweite und eine Bühne direkt neben etablierten Reihen. Dass dieser Plan aufging, zeigen die Zahlen eindrucksvoll.
Im Kern bedeutet der Rekord: Kein anderer neuer Third-Party-Titel, der 2025 in den Game Pass kam, konnte in seinen ersten 30 Tagen so viele unterschiedliche Spielerinnen und Spieler anlocken wie Clair Obscur. Diese Zahl passt perfekt zum Gefühl, das viele in dieser Phase hatten – nämlich dass sich „alle“ irgendwie mit Expedition 33 beschäftigten, sei es mit ersten Eindrücken, ausführlichen Analysen oder stundenlangen Streams. Der Hype blieb nicht in der Filterblase stecken, sondern schlug sich direkt in Spielzeit nieder.
Für Sandfall Interactive ist dieser Erfolg natürlich ein kleines Wunder. Creative Director Guillaume Broche sprach auf Xbox Wire offen darüber, wie nervenaufreibend es gewesen sei, als neues Studio mit seinem ersten Spiel auf die große Bühne zu treten. Das Jahr 2025 habe alles übertroffen, was sich das Team ausgemalt hatte, und er betonte, wie sehr die Leidenschaft und Unterstützung der Fans den Traum Realität werden ließen. Solche Aussagen sind keine PR-Phrasen: Ein globaler Hit gleich beim Debüt verändert die Zukunft eines Studios fundamental – vom Budget über die Freiheit beim nächsten Projekt bis hin zur Attraktivität für neue Talente.
Broche hob außerdem den Einfluss des Game Pass hervor. Ohne den prominenten Platz im Abo-Service wäre Clair Obscur vermutlich ein Geheimtipp für Genre-Fans geblieben. Denn Runden-RPGs haben zwar eine treue Fanbasis, schrecken aber viele ab, die eher mit Echtzeit-Action groß geworden sind. Game Pass senkte diese Einstiegshürde dramatisch. Wer nur vage neugierig war, konnte Expedition 33 ohne zusätzliches Risiko herunterladen, die ersten Stunden in Lumière verbringen, mit dem timingbasierten Kampfsystem experimentieren und dann entscheiden, ob die Reise weitergeht. Für unzählige Spieler war es das erste Mal seit Langem, dass ein rundenbasiertes Rollenspiel sich so direkt, dynamisch und modern anfühlte.
Auf der anderen Seite liefert der Titel Xbox genau das, was der Konzern seit Jahren als Versprechen für den Service formuliert: dass Game Pass nicht nur die bekannten Marken stärkt, sondern auch völlig neue Projekte groß machen kann. In Clair Obscur bekam der Dienst einen markanten Release, der Abonnenten fesselte und gleichzeitig das Image eines Katalogs pflegte, den man am besten im Blick behält, um nichts zu verpassen. Expedition 33 profitierte vom Game Pass – aber Game Pass profitierte ebenso deutlich von Expedition 33.
Der kritische Rückhalt untermauerte diesen Kreislauf. Francesco De Meo von Wccftech verlieh dem Spiel eine Wertung von 9,5 von 10 Punkten und bezeichnete es als klaren Kandidaten für den Titel Game of the Year. Besonders hervorgehoben wurden das durchdachte Kampfsystem, die emotionale Geschichte und die auffällige visuelle Identität. Das war nur der Auftakt: Bei den Golden Joystick Awards räumte Clair Obscur sieben Preise ab, darunter den prestigeträchtigen Ultimate Game of the Year. Für eine neue Marke und ein frisches Studio ist eine solche Trophäensammlung ein historischer Moment.
Der Blick richtet sich nun auf The Game Awards, wo Expedition 33 mit zwölf Nominierungen ins Rennen geht. Ob das Spiel dort erneut einen großen Durchmarsch hinlegt oder „nur“ ein paar Kategorien für sich entscheidet, ist fast zweitrangig: Schon jetzt ist klar, dass es sich als eine feste Größe im modernen RPG-Kanon etabliert hat. Die Kombination aus Rekordstart im Game Pass, starker Kritik und leidenschaftlicher Community macht aus Clair Obscur keinen kurzlebigen Trend, sondern einen Referenzpunkt, an dem sich kommende Genrevertreter messen lassen müssen.
Für Xbox wiederum ist dieser Fall ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie man Third-Party-Titel innerhalb eines Ökosystems fördert, ohne sie unter dem Gewicht der eigenen Exklusives zu begraben. Trotz der gleichzeitigen Rückkehr von Oblivion Remastered durfte Clair Obscur nicht nur mitspielen, sondern die Bühne dominieren, wenn es um neue Third-Party-Releases im Game Pass ging. Das sendet ein deutliches Signal an andere Studios: Ein Day-One-Start im Abo muss keine Notlösung sein, sondern kann ein strategischer Hebel sein, um Reichweite und Relevanz massiv zu steigern.
Für Spielerinnen und Spieler schließlich ist Clair Obscur: Expedition 33 ein erfrischendes Gegenargument zu der oft gehörten Behauptung, der Markt bestehe nur noch aus Fortsetzungen und sicheren Marken. Hier hat ein junges Team den Mut gehabt, eine neue Welt, eigene Figuren und ein klares künstlerisches Profil zu entwickeln – und wurde nicht nur mit einem Achtungserfolg, sondern mit einem internationalen Hit belohnt. Von außen sieht das wie ein Glückstreffer aus, doch hinter den Kulissen steckt eine Mischung aus konsequenter Kreativvision, richtig gewählter Plattformstrategie und einer Community, die bereit war, sich auf etwas Neues einzulassen.
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