Das Jahr geht auf die Zielgerade, die Release-Welle flacht langsam ab – und schon steht wieder die große Award-Saison vor der Tür. Im Gaming-Bereich bedeutet das vor allem eines: The Game Awards. 
2025 stiehlt jedoch kein bombastischer AAA-Shooter die Show, sondern eine stilisierte, rundenbasierte RPG mit Aquarell-Look: Clair Obscur: Expedition 33. Das Spiel schreibt Geschichte, weil es mit 12 Nominierungen so oft berücksichtigt wurde wie kein anderer Titel in der Historie der Show.
Rekordlauf bei den The Game Awards 2025
Die Nominierungsliste liest sich wie ein komplettes Häkchen-Bingo der wichtigsten Kategorien. Expedition 33 ist für Game of the Year, Best Game Direction, Best Narrative, Best Art Direction, Best Score and Music, Best Audio Design und Best RPG nominiert. Gleichzeitig taucht es sowohl als Best Independent Game als auch als Best Debut Indie Game auf, was verdeutlicht, wie stark dieses Debüt eingeschlagen ist. Obendrauf kommen drei Nominierungen in der Kategorie Best Performance, unter anderem für Charlie Cox sowie seine Kollegen Ben Starr und Jennifer English, die die Figuren emotional tragen.
Damit signalisiert die Jury: Clair Obscur ist kein Einsparten-Phänomen, das nur wegen Grafik oder Hype funktioniert. Hier greifen Regie, Erzählung, Audio, Schauspiel und Gameplay ineinander. Gerade in einem Jahr, in dem gefühlt jeden Monat ein großer Titel erschienen ist, wirkt es bemerkenswert, dass ausgerechnet eine rundenbasierte Indie-RPG das Feld anführt.
Warum Expedition 33 so viele Spielerinnen und Spieler packt
Schaut man in Foren, Kommentare und Social Media, taucht ein Motiv immer wieder auf: Für viele Fans ist Expedition 33 der intensivste Spieletrip seit Hits wie Red Dead Redemption 2 oder Elden Ring. Einige erzählen, sie hätten das Finale bewusst hinausgezögert, Nebenquests aufgespart und sich absichtlich Zeit gelassen, weil sie die Welt einfach noch ein bisschen länger erleben wollten. Andere sprechen von der besten Entertainment-Erfahrung seit Jahren, die noch Tage später nachhallt.
Ein großer Teil dieses Eindrucks geht auf die Musik zurück. Kaum fällt der Abspann, laden viele Fans den Soundtrack herunter und bauen die Stücke in ihren Alltag ein – von Kampfthemen auf dem Laufband bis zu leisen, melancholischen Motiven beim Lernen oder Arbeiten. Die Kombination aus orchestralen Arrangements, Chorpassagen und ruhigeren Momenten macht die Nominierung für Best Score and Music fast zwangsläufig. Zusammen mit dem handgemalten Look, der jedes Gebiet wie ein interaktives Gemälde wirken lässt, ist auch die Chance auf Best Art Direction alles andere als gering.
Rundenbasiert, angeblich tot – und doch ganz vorne
Besonders spannend ist, wie stark Expedition 33 einem lange gepflegten Narrativ widerspricht. Über Jahre hinweg hieß es von Publishern und Studios, niemand wolle noch rundenbasierte RPGs spielen, alles müsse schneller, actionreicher, spektakulärer werden. Clair Obscur hält dagegen: Das Kampfsystem ist bewusst taktisch, mit Timing, Status-Effekten und der typischen Menüstruktur, die manche schon abgeschrieben hatten. Die Reaktion des Publikums zeigt: Das Problem war nie der Modus rundenbasiert, sondern höchstens der Mangel an hochwertigen Vorzeigetiteln.
Gleichzeitig bleiben erfahrene Genre-Fans nüchtern genug, um die Einflüsse zu benennen. Wer mit Persona, Final Fantasy und Co. aufgewachsen ist, erkennt vieles wieder: die Art, wie Beziehungen zu Party-Mitgliedern wachsen, der große Story-Twist in der Mitte, der das bisherige Bild auf den Kopf stellt, und ein Finale, das die Community spaltet. Manche loben das Ende als konsequent und stimmig, andere hatten es früh kommen sehen oder hätten sich eine mutigere Richtung gewünscht. Dass man so leidenschaftlich darüber diskutiert, spricht aber dafür, dass das Spiel überhaupt etwas auslöst.
Eine der härtesten Game-of-the-Year-Rennen seit Langem
Der Rekordlauf bedeutet jedoch nicht, dass Expedition 33 kampflos zum Sieg spaziert. Death Stranding 2 bringt sieben Nominierungen mit und wird von vielen als das Werk beschrieben, das ihnen 2025 am tiefsten im Gedächtnis geblieben ist. Hades II und Hollow Knight: Silksong rücken mit extrem treuen Fanbases an, die jede Design-Entscheidung sezierend begleiten. Ghost of Yōtei beeindruckt technisch und atmosphärisch, auch wenn manche das Gesamtbild nicht ganz so stark finden wie seine Einzelteile.
Dazu kommt Kingdom Come Deliverance 2, das gefühlt von einer Armee leidenschaftlicher Open-World-Fans getragen wird, die seine historische Immersion über den grünen Klee loben. Puzzle-Fans schwärmen davon, dass Blue Prince eigentlich in mehr Kategorien auftauchen müsste und von einem einmaligen, nicht reproduzierbaren Rätsel-Erlebnis sprechen. Andere hätten wiederum Split Fiction lieber in der GOTY-Liste gesehen. Und mittendrin sorgt DK Bananza mit vergleichsweise wenig Nominierungen, aber einem Platz bei Game of the Year, für die altbekannte Diskussion, ob Nintendo-Spiele bei The Game Awards wirklich den Stellenwert bekommen, den sie verdienen.
Diskussionen über das Format – und der Blick auf die Show
Parallel zu all den inhaltlichen Debatten um Spiele, Genres und Enden kochen auch die typischen Meta-Themen wieder hoch. Einige Fans finden Kategorien wie Best Content Creator oder Auszeichnungen für Esport-Teams deplatziert und vergleichen es mit einer Oscar-Gala, die plötzlich Filmkritiker prämiert. Andere amüsieren sich (oder verzweifeln) an der offiziellen Voting-Website, die immer noch wirkt, als wäre sie vor über 20 Jahren entworfen worden: Seiten laden langsam, Formulare zicken, und der Weg zur eigenen Stimme für Expedition 33 oder einen Konkurrenten wird zur kleinen Geduldsprobe.
Am 11. Dezember 2025 kulminiert all das in der Liveshow, die weltweit gestreamt wird – inklusive der üblichen Mischung aus Weltpremieren, Musik-Acts und Überraschungsgästen. Ob Clair Obscur: Expedition 33 am Ende tatsächlich einen historischen Sweep hinlegt oder sich die wichtigsten Trophäen mit Death Stranding 2, Silksong, KCD2 und Co. teilt, ist fast zweitrangig. Entscheidend ist, dass eine stilvolle, rundenbasierte Indie-RPG zum Gesicht eines der stärksten Gaming-Jahre der jüngeren Vergangenheit geworden ist. Das sagt viel darüber aus, wohin sich der Geschmack der Community entwickelt – und welche Art von Spielen sie auch in Zukunft sehen möchte.
1 kommentar
E33 ist für mich das beste Game seit RDR2, hab das Ende ewig rausgezögert, weil ich nicht wollte, dass es vorbei ist