Ein Video des US-Heimatschutzministeriums (DHS) sorgt derzeit für Aufsehen: Unterlegt mit dem ikonischen Pokémon-Titelsong zeigt es Szenen von Festnahmen und Menschen in Handschellen, geschnitten mit Ausschnitten aus der Anime-Serie, darunter Ash Ketchum. Der Clip trägt provokant den Titel „Gotta Catch ’Em All“ – eine Anspielung auf den berühmten Slogan der Reihe. 
Die Kombination aus Kindheitsnostalgie und harter Realität der Einwanderungskontrollen wirkt gleichermaßen befremdlich wie verstörend.
Im Netz war die Reaktion heftig. Viele Fans markierten Nintendo und The Pokémon Company, forderten eine Klage wegen der unerlaubten Nutzung der Marke und warfen dem Ministerium Geschmacklosigkeit vor. Andere wiederum sahen in dem Meme nur eine Form politischer Provokation. Der ehemalige Chefjurist der Pokémon Company, der jahrelang für die rechtliche Absicherung der Marke zuständig war, bremste jedoch die Erwartungen: Eine Klage gegen eine US-Behörde sei höchst unwahrscheinlich – und womöglich auch nicht klug.
Rechtlich betrachtet ist die Lage kompliziert. Während private Urheberrechtsverstöße in der Regel einfach verfolgt werden können, gilt für staatliche Stellen in den USA der Schutz der sogenannten „sovereign immunity“. Das erschwert oder verhindert Klagen gegen Bundesbehörden. Selbst wenn rechtliche Grundlagen vorhanden wären, könnte ein Prozess politisch und diplomatisch erhebliche Risiken bergen. Hinzu kommt, dass The Pokémon Company in der Vergangenheit sehr zurückhaltend auf öffentliche Kontroversen reagierte und Streitigkeiten eher im Hintergrund austrug.
Ein pragmatischer Weg wäre daher eine Beschwerde beim Plattformbetreiber, um das Video löschen zu lassen – ein Ansatz, der in ähnlichen Fällen bereits erfolgreich war. So musste ein Regierungsclip, der Musik von Jay-Z nutzte, nach einer Urheberrechtsbeschwerde entfernt werden. Doch bislang gibt es keine Hinweise, dass The Pokémon Company diesen Schritt geht.
Viel schwerer wiegt für viele Beobachter jedoch die moralische Dimension. Kritiker sehen in dem Clip eine Verhöhnung von Menschen, deren Schicksal nicht zum Stoff für einen Gag werden sollte. Indem staatliche Behörden Symbole aus der Popkultur verwenden, um heikle Maßnahmen wie Massenfestnahmen in ein „lustiges Meme“ zu verpacken, wird die Grenze zwischen Unterhaltung und politischer Botschaft gefährlich verwischt. Das Ergebnis: ein potenzieller Normalisierungseffekt, der Empathie verdrängt.
Gleichzeitig gibt es Stimmen, die das Ganze als kreative Satire verteidigen. Für manche ist es schlicht eine absurde Form von „Trolling“ durch die Regierung, nicht mehr und nicht weniger. Doch selbst wenn man den Clip humorvoll liest, bleibt die Frage: Darf Popkultur so eingesetzt werden, um staatliches Handeln zu legitimieren?
Wie es weitergeht, ist offen. Möglich ist, dass die Unternehmen den Vorfall aussitzen, bis der Sturm in den sozialen Medien abebbt. Möglich ist auch, dass sie im Hintergrund aktiv werden, um das Video verschwinden zu lassen. Beide Wege haben Konsequenzen: Untätigkeit könnte als stillschweigende Duldung ausgelegt werden, während eine juristische Auseinandersetzung neue Konflikte heraufbeschwören würde. Klar ist nur: In Zeiten, in denen Memes zu politischem Werkzeug werden, sind selbst Kindheitshelden wie Pikachu oder Ash Ketchum nicht mehr vor Instrumentalisierung sicher.
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Nintendo wird wohl nichts machen – gegen die US-Regierung zu klagen bringt nur Ärger