Die Dubai Watch Week ist längst kein normaler Branchentermin mehr, sondern so etwas wie das Paralleluniversum der Haute Horlogerie. Während Messen wie Watches & Wonders noch versuchen, Uhren zu zeigen, die theoretisch auch am Handgelenk eines Normalmenschen landen könnten, ist Dubai der Ort, an dem die Industrie alle Sicherungen rausdreht. 
Preise verschwinden hinter dem Satz „auf Anfrage“, Stückzahlen sind zweistellig oder einstellig und viele Designs wirken, als wären sie in einem Brainstorming zwischen Ingenieuren, Künstlern und Science-Fiction-Fans entstanden.
Unser Flyback-Roundup zur Dubai Watch Week nimmt genau diese Stücke ins Visier: Uhren, die für 99 Prozent von uns nie in Reichweite kommen, aber genau deshalb faszinieren. Man kann sie bestaunen, kritisch beäugen, darüber lachen oder heimlich ins Wunschdenken einsortieren
. Von der überraschend zurückhaltenden Hommage von Roger Dubuis über das architektonische Skelett von Armin Strom, das Frosch-Gesicht von Louis Erard x Konstantin Chaykin, den stacheligen Oursin aus dem Hause Gérald Genta, das poetische Kunstobjekt von Raúl Tena bis zu den Stein-Giganten von Louis Vuitton: Dubai zeigt, wie weit man die Idee „Armbanduhr“ treiben kann.
Roger Dubuis Hommage „Sukoon Al-Layl“: Wenn der Lauteste im Raum plötzlich flüstert
Roger Dubuis steht normalerweise für Design auf Maximal-Lautstärke: riesige Gehäuse, aggressive Skelettierungen, viel Schrift, viel Glanz, viel Drama. Die Hommage „Sukoon Al-Layl“ ist deshalb fast ein kleiner Schock – im positiven Sinne. Platin, 38 Millimeter, klassische Proportionen: Auf dem Papier klingt das fast wie eine Uhr einer anderen Marke. Und doch ist sie unverkennbar Dubuis, nur mit heruntergedimmter Bühnenbeleuchtung.
Die Uhr ist ein Unikat und soll die Ruhe der Wüstennacht einfangen. Auf dem Zifferblatt liegen mehrere Ebenen übereinander: Die Skalen und Hilfszifferblätter bestehen aus schwarzem Perlmutt, das je nach Lichteinfall von tiefem Schwarz bis violett schimmern kann. Der zentrale Star ist der bi-retrograde ewige Kalender, eine Komplikation, die man untrennbar mit Roger Dubuis verbindet. 
Der Mond zeigt sich auf einer Aventurin-Scheibe, die wie ein Ausschnitt sternklaren Nachthimmels wirkt. Darüber laufen guillochierte Wellen, unterbrochen von vier arabischen Ziffern, die dem Ganzen eine regionale Note geben. Die Uhr wirkt wie ein sehr teures, sehr persönliches Nachtgedicht – Preis natürlich nicht angegeben.
Armin Strom One Week Skeleton Rose Gold: Sieben Tage Mechanik im Schaufenster
Bei skelettierten Uhren besteht immer die Gefahr, dass sie aussehen wie eine explodierte Explosionszeichnung: viel los, wenig Struktur. Armin Strom gehört zu den wenigen Herstellern, die diesen Stil wirklich beherrschen. Der One Week Skeleton war schon vorher ein Liebling von Technik-Nerds, die neue Rose-Gold-Variante mit schwarzen Akzenten hat allerdings Potenzial zum Posterstar.
Das 41-Millimeter-Gehäuse aus 18-karätigem Roségold wirkt am Handgelenk präsent, aber nicht protzig
. Durch das offene Zifferblatt blickt man direkt auf das Handaufzugswerk ARM21-S mit seinen zwei Federhäusern, die zusammen sieben Tage Gangreserve liefern. Brücken, Räder und Sperrklinken sind so platziert, dass sie fast wie eine kleine Maschinenhalle wirken – alles sauber angesenkt, satiniert, poliert. Die Frequenz von 25.200 Halbschwingungen pro Stunde ist eine kleine Reminiszenz an klassische Kaliber. Ein textiler Armband mit Gold-Dornschließe nimmt etwas Förmlichkeit heraus, sodass der One Week Skeleton irgendwo zwischen Statement-Piece und ernsthafter Alltagsuhr landet. 50 Stück, rund 47.000 CHF – kein Schnäppchen, aber eben auch kein bloßer Showeffekt.
Louis Erard x Konstantin Chaykin Unfrogettable: Der Frosch, der zurückstarrt
Wer das Gefühl hat, dass die Uhrenwelt manchmal zu verkniffen wirkt, sollte sich Konstantin Chaykins Wristmons anschauen. Die Kooperation mit Louis Erard treibt dieses Konzept auf die Spitze: Ein klassischer Regulator wird zur stilisierten Froschfratze. Klingt albern? Ist es auch – aber eben auf sehr charmante Weise.
Die Augen des Froschs sind in Wahrheit zwei separate Anzeigen: Links die Stunden, rechts die Sekunden. Die Minuten zeigt ein zentraler Regulatorzeiger mit Pfeilspitze. Je nachdem, wie die beiden „Augen“ stehen, schaut einen der Frosch überrascht, gelangweilt oder etwas irre an. Technisch steckt dahinter ein automatisches Sellita SW266-1, robust und servicefreundlich. Das Titan-Gehäuse (Grade 5) mit 40 Millimetern trägt sich angenehm leicht, die lackierte Kalbsleder-Schließe in tiefem Schwarz wirkt fast wie Keramik. Farblich hat man die Wahl zwischen einer knalligen Violett-Version und einer grün-goldenen Variante, die näher am klassischen Froschbild bleibt. 1.787 Exemplare pro Farbe, etwa 4.500 CHF – eine Uhr, mit der man garantiert Gesprächsstoff ans Handgelenk schnallt.
Gérald Genta Gentissima Oursin 41: Seeigel, aber make it Luxus
Der Name Gérald Genta ist normalerweise mit Royal Oak und Nautilus verknüpft – Linien, die heute als Blaupause für sportliche Luxusstahluhren gelten. Der Gentissima Oursin zeigt eine andere Seite: Hier wurde der Gehäusekonstruktion jegliche Zurückhaltung ausgetrieben. Kleine Metallspitzen bedecken die Oberfläche und lassen die Uhr wie einen Seeigel wirken, der sich in die Haute Horlogerie verirrt hat. Für manche Augen ist das schlicht zu viel, andere fühlen sich magisch angezogen.
Die neue 41-Millimeter-Version adressiert alle, die das Design faszinierend fanden, aber mit der kleineren Größe haderten. Das Titangehäuse nimmt etwas optische Schwere, die Stacheln bleiben aber natürlich – sonst wäre es nicht Oursin. Das Zifferblatt besteht aus Meteoriten, wahlweise in Grün oder Blau, und bringt seinen eigenen, nicht reproduzierbaren Schliff mit. Im Innern arbeitet ein automatischer Zenith-Elite-Kaliber, das bei Genta als GG-005 firmiert und rund 50 Stunden Gangreserve bietet. Das Kautschukband trägt dieselbe „stachelige“ Struktur wie das Gehäuse, was dem Gesamtbild fast etwas futuristisch-Fetischistisches verleiht. Um die 25.000 CHF kosten diese Seeigel – ein Preis, der garantiert nicht auf Zurückhaltung abzielt.
Raúl Tena The Pearl Diver: Eine kleine Geschichte auf 44 Millimetern
Zwischen all den großen Konzernen fühlt sich The Pearl Diver von Raúl Tena an wie ein leises, sehr persönliches Gegenstück. Die 44-Millimeter-Konstruktion wird von Voutilainen-Cattin gefertigt und ist in Stahl, Titan, Gold oder Platin erhältlich. Doch sobald man das Zifferblatt sieht, geraten Materialdiskussionen in den Hintergrund.
Dort taucht ein Goldrelief eines Perlentauchers in eine emaillierte Unterwasserlandschaft ein, in die eine echte Perle aus dem Persischen Golf integriert ist. Das erinnert eher an ein Miniaturgemälde als an eine klassische Zifferblattgestaltung. Im Inneren schlägt der Handaufzugskaliber RT01, entwickelt von Tèlôs in Kooperation mit Tena und feinbearbeitet von Comblémine. Stunden werden als Sprungstunde angezeigt, die Minuten wandern retrograd über eine Skala und springen dann zurück, zwei Federhäuser sorgen für über 60 Stunden Gangreserve. Jedes Zurückspringen des Minutenzeigers wirkt wie eine kleine Szenewechsel im Bühnenstück auf dem Zifferblatt. Auf fünf Exemplare limitiert, bewegt sich The Pearl Diver irgendwo zwischen Uhr, Skulptur und Hommage an die maritime Geschichte der Golfregion.
Louis Vuitton Escale Malachite & Escale Turquoise: Stein als Bauteil, nicht nur als Dekor
Steinzifferblätter haben in den letzten Jahren eine Renaissance erlebt, vom dezenten Onyx über Marmor bis hin zu wilderen Sorten. Oft bleibt es allerdings bei einer dünnen Scheibe auf dem Zifferblatt – ein hübscher Effekt, aber selten wirklich mutig. Louis Vuitton geht mit den neuen Escale Malachite und Escale Turquoise einen Schritt weiter und macht den Stein zum tragenden Teil der Architektur.
Die Uhren sitzen in 39-Millimeter-Gehäusen aus Platin, doch der Blick bleibt unweigerlich an der Mittelpartie hängen: Hier besteht der Gehäusemittelteil aus einem einzigen Ring Malachit oder Türkis, aus einem Block herausgearbeitet. Die Maserung verläuft kontinuierlich um das Gehäuse herum, was den Eindruck erweckt, als sei die Uhr aus einem Mineral herausgeschnitzt worden. Der Rest des Designs bleibt bewusst zurückhaltend im Escale-Stil, mit schlanken Bandanstößen und einem übersichtlich gestalteten Zifferblatt, das der Steinstruktur den Vortritt lässt. 30 Stück pro Variante, rund 65.500 Euro – gedacht für Menschen, denen ein „normales“ Steinzifferblatt längst zu langweilig geworden ist.
Warum Dubai Watch Week heute so wichtig ist
Setzt man all diese Uhren nebeneinander, versteht man schnell, warum Dubai Watch Week in wenigen Jahren vom Newcomer zur Pflichtstation im Kalender geworden ist. Hier geht es weniger um Stückzahlen und mehr um Positionierung. Marken zeigen, wozu sie fähig sind, wenn Budgetgrenzen kein Thema sind und wenn sie Sammler ansprechen wollen, die die zehnte Stahl-Sportuhr schlicht nicht mehr interessiert.
Roger Dubuis beweist, dass die Marke auch poetisch und leise sein kann. Armin Strom zeigt, dass Skelettierung mehr sein kann als bloßes „Wir schneiden mal alles weg“. Louis Erard und Konstantin Chaykin bringen Humor an den Arm, ohne die Uhrmacher-Ehre zu verraten. Gérald Genta erinnert daran, dass Provokation ihren Platz in der Geschichte der Uhr hat. Raúl Tena zeigt, wie viel Seele in einem Einzelstück stecken kann. Und Louis Vuitton unterstreicht, dass aus einer Mode-Brand längst ein ernstzunehmender Uhrenakteur geworden ist. Für den Großteil von uns bleibt das alles Traumstoff – aber genau deshalb macht es so viel Spaß, aus sicherer Distanz mitzustaunen, zu schmunzeln und sich zu fragen, wo die Grenze zwischen Uhr und tragbarer Kunst eigentlich verläuft.
3 kommentare
Der Escale aus Malachit sieht aus, als hätte man ein Stück Luxus-Lobby vom Fünf-Sterne-Hotel ans Handgelenk geschraubt, völlig over the top, aber geil
Der Armin Strom mit 7 Tagen Gangreserve lässt meinen Daily Beater aussehen wie ein Wegwerfteil, der nach einem Wochenende schon um Gnade bittet 🙈
Zum ersten Mal denke ich ernsthaft: Diesen Roger Dubuis könnte ich wirklich tragen – das ist definitiv ein schlechtes Zeichen für meinen Kontostand