
Epic hat Google einen spürbaren Treffer verpasst – und für Android-Nutzende in den USA wird der Play Store in den nächsten Jahren weniger zur Einbahnstraße und mehr zu einem Marktplatz mit echter Wahlfreiheit.
Der Rechtsstreit zieht sich seit Jahren. Auslöser war 2020 der bewusste Regelbruch von Epic: In Fortnite tauchte plötzlich eine direkte Bezahloption auf, vorbei an den Gebühren der App-Stores. Google (und Apple) warfen das Spiel daraufhin aus ihren Shops – der Rest ist Gerichtsprosa. Im Dezember 2023 kam die Jury in einem zentralen Punkt zu Epics Gunsten: Bestimmte Play-Store-Regeln wirkten wettbewerbswidrig. Im Oktober 2024 goss eine Richterin das in eine dauerhafte Verfügung, und im Juli 2025 bestätigte das Berufungsgericht des Ninth Circuit diese Linie. Die praktische Folge: In den USA muss Google bis mindestens 1. November 2027 einen spürbar offeneren Play-Store-Betrieb ermöglichen.
Was sich für dich konkret ändert
1) Schluss mit dem Schweigegebot. Entwicklerinnen und Entwickler dürfen in ihren Apps offen darauf hinweisen, wenn ein Abo oder In-App-Kauf außerhalb des Play Store günstiger ist – inklusive klarer Links zu dieser Alternative.
2) Play Billing ist nicht mehr Pflicht. Apps, die über den Play Store in den USA verteilt werden, müssen nicht länger ausschließlich Googles Kasse nutzen. Erlaubt sind auch direkte Kartenzahlungen, PayPal und andere etablierte Zahlungsdienste.
3) Drittanbieter-Stores bekommen Rückenwind. Sideloading gab es unter Android schon immer. Neu ist, dass Googles Regeln diese Wege nicht mehr systematisch ausbremsen dürfen. Alternative App-Shops und Download-Quellen werden damit sichtbarer und legitimierter.
Wichtig ist der geografische Rahmen: Die Öffnung gilt vorerst nur in den USA. Außerhalb kann alles erst einmal beim Alten bleiben. Erfahrungsgemäß strahlen solche Änderungen jedoch aus – durch Regulierung, Marktdruck oder schlichte Gewöhnung.
Die Kurzchronik der Auseinandersetzung
• 2020: Epic aktiviert in Fortnite einen direkten Zahlungsweg; das Spiel fliegt aus den Stores. • 2023: Eine Jury sieht wettbewerbswidrige Anteile in Googles Play-Store-Regeln. • Oktober 2024: Eine permanente Verfügung untersagt Anti-Steering-Taktiken (also das Unterbinden von Preis-/Link-Hinweisen) und macht den Weg frei für alternative Zahlmethoden und Stores. • Juli 2025: Das Ninth Circuit bestätigt die Kernpunkte. • Bis 1.11.2027: Die Vorgaben gelten, sofern kein höheres Gericht sie kippt.
Chancen: Preis, Bequemlichkeit, neue Modelle
Mehr Wettbewerb erzeugt fast immer Preis- und Service-Druck. Können Anbieter Gebühren umgehen oder reduzieren, lässt sich die Ersparnis als Rabatt, Zusatzmonat, Paketpreis oder besserer Support zurückgeben. Außerdem sinkt Reibung: Wer ohnehin PayPal nutzt oder eine Firmenkarte bei einem bestimmten Provider hinterlegt hat, muss nicht mehr zwingend ein weiteres Konto in Play Billing pflegen. Für Abo-Geschäftsmodelle werden Jahrespläne, Familienoptionen und Treueprogramme attraktiver, die bislang an starren Store-Regeln oder Prozenten scheiterten.
Auch qualitativ kann etwas passieren: Wenn weniger Marge in Store-Gebühren fließt, bleibt mehr für Performance-Arbeit, Lokalisierung, Barrierefreiheit oder für Nischenfeatures, die sich vorher »nicht rechneten«. Das Resultat spürt am Ende auch, wer weiterhin ausschließlich im Play Store bleibt.
Risiken: Sicherheit, Rückgaben, Zuständigkeiten
Mehr Türen bedeuten mehr Eigenverantwortung. Sideloading und Dritt-Stores sind nicht per se riskant, aber sie verlangen gesunden Menschenverstand: Quelle prüfen, Berechtigungen lesen, keine zufälligen APKs aus Chat-Links installieren. Android hilft mit Play Protect, Signaturprüfungen und Warnhinweisen – das ist nützlich, ersetzt aber keine Vorsicht.
Dazu kommt: Wer bezahlt, betreut. Kaufst du außerhalb des Play Store, laufen Rückgabe, Chargeback und Support über den jeweiligen Zahlungsdienst oder direkt über das Studio. Das ist weder schlechter noch besser, nur anders. Kläre im Zweifel vor dem Kauf, an wen du dich bei Problemen wendest und wie Rückerstattungen ablaufen.
Die 30-Prozent-Frage neu gestellt
Die berühmten »30 %« waren jahrelang Branchen-Konstante – begründet mit Hosting, Reichweite, Moderation, Betrugsprävention, Rückgabesystemen und Entwickler-Tools. All das kostet. Die Debatte drehte sich nie um die Existenz einer Gebühr, sondern um deren Höhe und das Fehlen realistischer Alternativen. Genau hier setzt die Öffnung an: Liefert der Play Store klaren Mehrwert, bleiben viele Anbieter freiwillig; liefert er ihn nicht, gibt es jetzt eine tragfähige Ausweichroute. Der Markt entscheidet, nicht das Kleingedruckte.
Alltagserwartung: Evolution, keine Revolution
Dein Homescreen wird morgen nicht chaotisch. Die Mehrheit bleibt aus Gewohnheit und wegen der gebündelten Sicherheit beim Play Store. Sichtbar werden eher kleine Dinge: Hinweise auf günstigere Website-Preise, sauber gekennzeichnete externe Checkouts, vielleicht eine Auswahl deines bevorzugten Zahlungsdienstes. Power-User und Firmenkunden mit großen Volumina werden experimentieren; die breite Masse profitiert indirekt über Preise und Servicequalität.
Für Entwicklerinnen und Entwickler
Zurück kommt vor allem die Stimmfreiheit: Preise erklären, Links setzen, Zahlungsmethoden wählen, ohne dafür algorithmisch abgestraft zu werden. Damit wächst aber auch die Verantwortung: Steuern und Compliance im Griff, Betrugsprävention ernst nehmen, klare Rückgabeprozesse aufsetzen, mehrere Provider ohne UX-Chaos einbinden, Datenschutz transparent kommunizieren. Wer diese Hausaufgaben macht, baut Vertrauen auf, das länger hält als jede gerichtliche Frist.
Ein persönlicher Blick
Ich installiere wie viele weiterhin fast alles über den Play Store – Bequemlichkeit gewinnt oft. Aber eine offene Plattform zwingt den Standard, Standard zu bleiben, weil er gut ist, nicht weil er allein dasteht. Genau dorthin schiebt dieses Bündel an Urteilen Android: zu mehr Transparenz, echten Alternativen und faireren Preisen. Bis zum 1. November 2027 hat das Ökosystem Zeit, zu beweisen, dass Offenheit nicht Chaos bedeutet, sondern erwachsene Verantwortung – auf Seiten von Google, von Studios und von uns Nutzenden.
Unterm Strich: Mehr Wahl, mehr Information, mehr Eigenverantwortung. Wer sie klug nutzt, bekommt ein besseres, ehrlicheres App-Ökosystem – ganz gleich, ob er im Play Store bleibt oder gelegentlich links und rechts schaut.
3 kommentare
Schon komisch, dass alle jahrelang denselben Satz hatten. Mal sehen, ob Konkurrenz wirklich an den Preisen dreht
Für Devs ist Freiheit super, aber dann bitte auch Support, Steuern und PCI richtig machen – nicht halbgar
Dritt-Stores gab’s unter Android schon immer. Jetzt redet man endlich offen über Preise. Trotzdem: APKs nicht blind antippen 😅