iPhone-Nutzerinnen und -Nutzer in der Europäischen Union könnten schon bald etwas tun, was im Apple-Kosmos bislang undenkbar war: Siri abschalten und stattdessen einen ganz anderen, deutlich schlaueren Sprach- oder KI-Assistenten auf die Seitentaste legen. 
Hinweise im Code der iOS-26.2-Beta deuten darauf hin, dass Apple in Europa erneut ein Stück seiner streng kontrollierten Plattform öffnen muss – diesmal genau an der Stelle, an der wir dem iPhone seit Jahren sagen, was es tun soll.
Aktuell ist die Situation klar: Hält man die Seitentaste gedrückt, startet Siri. Punkt. Es gibt keine offizielle Möglichkeit, dieses Verhalten zu ändern. Alternative Assistenten wie Google Gemini oder Apps auf Basis von ChatGPT, Claude oder DeepSeek laufen zwar auf dem iPhone, sind aber auf das normale App-Icon beschränkt. Systemweite Gesten und Tastenkombinationen bleiben Siri vorbehalten – ein Vorteil, der viel darüber erklärt, warum so viele Menschen Siri weiterhin benutzen, obwohl sie mit der Qualität oft unzufrieden sind.
Was der Code von iOS 26.2 verrät
In iOS 26.2 Beta 3 sind nun Textfragmente aufgetaucht, auf die zuerst MacRumors aufmerksam gemacht hat. Sie beschreiben eine neue Option, mit der sich eine „Standard-App für die Seitentaste“ festlegen lässt. Hinter dem nüchternen Begriff steckt eine große Veränderung: Das lange Drücken der Seitentaste wäre nicht länger zwangsläufig an Siri gebunden, sondern könnte einem anderen Assistenten oder einer KI-App überlassen werden, die der Nutzer selbst auswählt.
Damit würde ein Drittanbieter-Assistent erstmals wie ein echter Systemdienst wirken. Statt eines eher behäbigen „Wie kann ich helfen?“ von Siri könnte beim Halten der Seitentaste sofort Gemini erscheinen, das Kontext aus vorherigen Anfragen zieht, Informationen aus Kalender, Mails und Notizen kombiniert und intelligente Vorschläge macht. Oder eine App mit ChatGPT, Claude oder DeepSeek springt ein, um E-Mails zu formulieren, Texte zu übersetzen, Lernpläne zu bauen oder komplexe Fragen Schritt für Schritt zu analysieren – ohne dass man zuerst umständlich die passende App auf dem Homescreen suchen muss.
Allerdings deutet die Formulierung im Code darauf hin, dass dieses neue Freiheitslevel nicht weltweit verfügbar sein wird. Apple spricht davon, dass die Funktion nur in „bestimmten Regionen“ bereitgestellt werden soll. Wer die Entwicklung der letzten Jahre verfolgt hat, ahnt, was das bedeutet: In der Regel sind genau damit die EU-Mitgliedsstaaten gemeint, in denen neue Regeln für sogenannte Gatekeeper-Konzerne gelten.
Digital Markets Act: Brüssel dreht an Apples Stellschrauben
Der Hintergrund ist klar: Diese Öffnung ist kein freiwilliger Sinneswandel in Cupertino, sondern eine direkte Folge des Digital Markets Act (DMA). Das EU-Gesetz stuft Apple als Gatekeeper ein – als Unternehmen also, das die Kontrolle über einen zentralen Zugangskanal zum digitalen Markt hat – und verpflichtet den Konzern dazu, mehr Wettbewerb bei zentralen Systemfunktionen zuzulassen.
Die Auswirkungen sieht man bereits an mehreren Stellen: Apple musste beim iPhone von Lightning auf USB-C wechseln, alternative App-Stores im EU-Raum ermöglichen und es Nutzern erlauben, eine andere Wallet-App als Standard zu setzen, die sich per Doppelklick auf die Seitentaste öffnen lässt. Die Möglichkeit, auch den Sprachassistenten hinter der Seitentaste frei zu wählen, ist die logische Fortsetzung derselben Regulierungslinie.
Damit wird Siri im europäischen Markt vom unangreifbaren Standard zur wählbaren Option. Nutzerinnen und Nutzer können sich künftig bewusst entscheiden: Bleibe ich bei Siri, weil mir Sicherheit und tiefe Integration in iOS wichtig sind – oder gönne ich mir die Fähigkeiten eines moderneren KI-Assistenten, der oft deutlich mehr kann, aber möglicherweise mehr Daten in die Cloud schickt?
Gemini, ChatGPT, Claude: Siri bekommt ernsthafte Konkurrenz
Die Liste der Kandidaten, die sich um die Seitentaste bewerben könnten, ist lang. Google Gemini liegt auf der Hand, zumal seit Monaten darüber spekuliert wird, dass Apple für eine große Siri-Neuauflage mit Googles KI-Technologie kooperiert. Doch auch Apps mit ChatGPT oder Claude sind längst im Alltag vieler iPhone-Nutzer angekommen. Sie brillieren bei Aufgaben, bei denen Siri häufig ins Straucheln gerät: mehrstufige Recherchen, Zusammenfassungen langer Texte, Schreiben und Überarbeiten von Mails, Hilfestellung beim Programmieren oder kreatives Brainstorming.
Bislang ist diese Kompetenz in App-Icons eingeschlossen. Die Verknüpfung mit der Seitentaste würde das ändern: Der Schritt von „Ich starte mal kurz eine KI-App“ zu „Ich rede einfach mit meinem Assistenten“ ist klein, aber entscheidend. Wer sich einmal daran gewöhnt, dass Gemini oder ChatGPT auf Knopfdruck wie ein persönlicher Co-Pilot reagiert, wird sich genau überlegen, ob er zur alten Siri zurückwechselt.
Wie verletzlich Siri ohne Monopol plötzlich wirkt
Seit Jahren wird Siri dafür kritisiert, im Vergleich zu Alexa, Google Assistant oder modernen KI-Chatbots hinterherzuhinken. Die Assistentin patzt bei Dialekten, versteht mehrdeutige Fragen oft falsch, verliert schnell den Gesprächskontext und wirkt bei komplexeren Aufgaben eher wie eine Sprachfernbedienung für Apps als wie eine echte digitale Hilfe.
Bislang konnte Apple viele dieser Schwächen hinter der Bequemlichkeit eines monopolartigen Systemplatzes verstecken. Wenn es nur einen Assistenten gibt, der per Tastendruck startet, bleiben die meisten Menschen aus purer Bequemlichkeit dabei. Fällt dieses Monopol in Europa weg, stehen Siri und ihre Rivalen zum ersten Mal direkt nebeneinander – und die Unterschiede in Qualität und Intelligenz werden deutlich sichtbarer.
Privatsphäre, Daten und der neue Kompromiss
Eine zentrale Frage wird sein, wie Apple die Balance zwischen Offenheit und Datenschutz gestaltet. Das Unternehmen betont seit Jahren, dass möglichst viel Sprachverarbeitung lokal auf dem Gerät stattfinden soll und persönliche Daten nur in eng begrenztem Rahmen in die Cloud wandern. Viele KI-Modelle von Drittanbietern funktionieren genau andersherum: Sie sind extrem leistungsfähig, weil große Datenmengen auf leistungsstarken Servern verarbeitet werden.
Wenn Nutzer die Wahl haben, einen solchen Dienst auf die Seitentaste zu legen, müssen sie verstehen, was mit ihren Anfragen passiert. Apple wird klar kennzeichnen müssen, welche Assistenten Daten wohin schicken, wie lange sie gespeichert werden und ob sie zur weiteren Modellverbesserung genutzt werden. Am Ende entscheidet jede und jeder selbst: Ist mir maximale Intelligenz wichtiger, oder will ich möglichst viel Kontrolle über meine Daten behalten – selbst wenn ich dafür bei den Fähigkeiten Abstriche mache?
Was das für die Zukunft des iPhone bedeutet
Noch ist nichts offiziell angekündigt, und Beta-Funktionen können sich jederzeit ändern oder verschwinden. Aber die Richtung stimmt: Unter dem Druck der EU-Regeln bewegt sich Apple Schritt für Schritt weg vom komplett geschlossenen System hin zu einem iOS, in dem wichtige Standards tatsächlich veränderbar sind. Zuerst war es der Anschluss, dann die App-Stores und Wallet-Apps – jetzt geht es um die Stimme, die antwortet, wenn wir das iPhone in die Hand nehmen.
Für viele Menschen in Europa ist die Aussicht verlockend, Siri durch einen mächtigeren KI-Assistenten zu ersetzen, ohne gleich das Ökosystem zu wechseln. Und je selbstverständlicher dieser Freiraum in der EU wird, desto schwerer wird es für Apple zu erklären, warum Nutzer in anderen Regionen der Welt weiterhin mit einem einzigen Standardassistenten leben müssen.
Unterm Strich gewinnt vor allem ein Prinzip, das im Apple-Universum lange zweitrangig war: echte Wahlfreiheit. Wenn iOS 26.2 tatsächlich erlaubt, die Seitentaste mit einem alternativen Assistenten zu belegen, wird aus dem iPhone in der EU ein Stück weit weniger „mein iPhone, so wie Apple es will“ – und mehr „mein iPhone, so wie ich es brauche“.
1 kommentar
Wenn ich mir ChatGPT oder Gemini auf die Seitentaste legen kann, war’s das mit Siri bei mir 😂