Innerhalb weniger Tage ist das Indie-Spiel Horses von einem schrägen Geheimtipp der Horrorszene zu einem Symbolfall für Zensur, Plattformmacht und Doppelmoral geworden. Der neue Titel des italienischen Studios Santa Ragione wurde erst von Steam abgelehnt und kurz darauf auch von der Epic Games Store gebannt – und das buchstäblich in letzter Minute vor dem geplanten Release. 
Für ein Spiel, das absichtlich verstörend sein will, kommt der heftigste Schock nicht von den Inhalten auf dem Bildschirm, sondern von den Reaktionen der großen PC-Stores.
Wie der Steam-Bann die Lawine losgetreten hat
Nach Darstellung von Santa Ragione begann alles mit einem ungewöhnlichen Wunsch von Steam: Um überhaupt eine Store-Seite anlegen zu dürfen, sollte das Studio eine bereits spielbare, wenn auch unfertige Version von Horses einreichen. Für ein kleines Team ist das ein enormer Mehraufwand, trotzdem lieferte man eine durchspielbare Beta ab. Kurze Zeit später kam das Nein. Valve verwies allgemein auf seine Onboarding-Dokumentation und besonders auf die Klausel, nach der kein Inhalt vertrieben wird, der in Valves Einschätzung sexuelle Handlungen mit Minderjährigen darstellt oder auch nur so wirkt.
Konkreter wurde das Unternehmen laut Studio nie. Es gab keinen Hinweis, welche Szene oder welcher Dialog angeblich das Problem sei, keine To-do-Liste mit Änderungen, keine Einladung zur erneuten Prüfung. Die Entwickler selbst vermuten, dass sich alles an einem Abschnitt aus einer frühen Version von Horses entzündet hat: Darin sitzt ein Kind auf den Schultern einer der sogenannten Pferde – Menschen, die nackt sind, Masken tragen und auf einem abgelegenen Hof wie Vieh gehalten und ausgebeutet werden.
In einem Spiel, das sich um Machtmissbrauch, Entmenschlichung und latent sexuelle Gewalt dreht, ist diese Szene schwer auszuhalten. Es ist nicht schwer vorstellbar, dass Teile der Review-Teams hier eine sexualisierte Konnotation gesehen haben, auch wenn es weder explizite Nacktheit noch einen tatsächlichen Akt gibt. Santa Ragione reagierte und ersetzte das Kind durch eine erwachsene Figur; nach eigenen Angaben sind in der finalen Fassung alle Charaktere deutlich als Erwachsene in den Zwanzigern oder älter erkennbar.
Trotzdem blieb Steam bei seiner Haltung. Das Studio behauptet, es habe keine Möglichkeit bekommen, eine überarbeitete Fassung erneut einzureichen. Statt eines strukturierten Dialogs über problematische Inhalte gab es nur das pauschale Urteil: Horses kommt nicht auf die Plattform.
M-Rating statt Adults Only – und Epics plötzliche Kehrtwende
Besonders seltsam wirkt diese Härte im Licht der offiziellen Altersfreigabe. Horses durchlief den IARC-Fragebogen, auf dessen Grundlage viele Online-Stores ihre Ratings beziehen, und erhielt das Prädikat M für Mature – also klar nur für Erwachsene, aber eben nicht die strengste Stufe Adults Only. Auf dem Papier steht Horses damit in derselben Schublade wie zahllose Splatter-Shooter, brutale Survival-Horror-Spiele und explizite Psychothriller, die problemlos über Steam und Co. verkauft werden.
Gleichzeitig lief alles auf den ersten Blick reibungslos bei der Epic Games Store. Santa Ragione berichtet, dass der Build des Spiels geprüft und freigegeben wurde, Horses im Store als „Coming Soon“ auftauchte und Marketing-Maßnahmen bereits liefen. Wochenlang sah es so aus, als würde Epic die Rolle übernehmen, die Steam verweigert hatte.
Dann der Rückzieher: Nur 24 Stunden vor dem geplanten Release erhielt das Studio eine Mail, in der Epic mitteilte, dass Horses nicht auf der Plattform erscheinen werde. Als Begründung wurden Verstöße gegen Content-Richtlinien genannt – allerdings ohne auch nur ein einziges Beispiel zu nennen. Die vom Studio eingereichte Beschwerde wurde rund zwölf Stunden später abgelehnt, ebenfalls ohne nähere Erläuterung. Nach außen erklärte ein Epic-Sprecher lediglich, man habe „klare Richtlinien“ und im Rahmen einer „umfangreichen Prüfung“ Verstöße festgestellt.
Dass dieselbe Version des Spiels ein M-Rating erhalten hat, die problematische Kinderszene laut Entwickler gar nicht mehr enthält und dennoch von zwei der wichtigsten Stores geblockt wird, lässt viele Beobachter ratlos zurück. Auf der Store-Seite der Epic Games Store stand Horses zu diesem Zeitpunkt teilweise noch als „Bald erhältlich“ – ein weiterer Hinweis darauf, wie kurzfristig der Kurswechsel ausfiel.
Mehr Fetisch-Spiele als Antworten: Inkonsequente Plattform-Politik
Für Spielerinnen und Spieler, die das alles aus der Distanz verfolgen, ist weniger der Tabubruch im Spiel als vielmehr die offensichtliche Inkonsistenz der Stores das Problem. Auf Steam finden sich haufenweise billig produzierte Sex- und Fetischspiele, VR-Erfahrungen mit explizitem Fokus auf Pornografie und Visual Novels, die nur sehr dünn als Story getarnte Adult-Inhalte bieten. Gleichzeitig werden Sammlung um Sammlung von „Gacha“-Titeln geduldet, deren Geschäftsmodell fast ausschließlich darauf basiert, Spieler zum Geldausgeben zu drängen.
Dass ausgerechnet ein düsteres, unangenehmes, aber klar als Kunstprojekt erkennbares Horrorspiel wie Horses nicht akzeptabel sein soll, während daneben „Dusch mit deinem Pixel-Dad“-Gags, Fetisch-Simulatoren und Scam-Games weiterlaufen, wirkt auf viele wie blanke Heuchelei. Nicht wenige sprechen von einem Klima, in dem Plattformen vor allem eines fürchten: schlechte Schlagzeilen und juristische Grauzonen rund um Minderjährige – egal, ob ein konkreter Verstoß tatsächlich vorliegt oder nicht.
Gleichzeitig gibt es durchaus Stimmen, die sagen: Das Studio wusste, dass es an der äußersten Grenze kratzt. Eine Szene, in der ein Kind auf einem erwachsenen, nackten Körper sitzt, der in der Logik des Spiels zusätzlich sexualisierte Bedeutung hat, ist nun einmal extremer Sprengstoff. In dieser Sichtweise sind Valve und Epic keine bösen Zensoren, sondern Konzerne, die entscheiden, welchem Grad an Provokation sie auf ihrer Infrastruktur eine Bühne geben wollen – und welchem nicht.
Horror als Kunstform: Wie weit darf es gehen?
Damit landet die Diskussion bei einer grundsätzlichen Frage: Welche Rolle soll Horror als Kunstform einnehmen? Literatur und Film erzählen seit Jahrzehnten Geschichten über Kindesmissbrauch, Folter, totalitäre Regime und religiösen Fanatismus. Viele dieser Werke sind schwer verdaulich, gelten aber gerade deshalb als wichtig, weil sie den Blick auf reale Abgründe richten. Sie werden nicht aus Kinos, Bibliotheken oder Blu-ray-Regalen verbannt, nur weil sie unangenehm sind.
Bei Games wirkt diese Haltung oft noch brüchig. Solange es „nur“ um extreme Gewalt, Blutfontänen und explodierende Köpfe geht, zucken die meisten Plattformen nicht einmal. Sobald aber Themen wie Sexualität, Machtfantasien oder Minderjährige ins Spiel kommen – selbst in stark abstrahierter Form – kippt die Debatte schlagartig. Was für die einen verantwortungsvoller Jugendschutz ist, sehen andere als schleichende Infantilisierung eines Mediums, das längst erwachsen sein will.
Viele Kritiker des Banns betonen, dass sie persönlich Horses weder spielen wollen noch mögen. Sie finden die Bilder ekelhaft, das Thema belastend, die Atmosphäre schwer auszuhalten. Aber genau darum, argumentieren sie, gehe es: Kunst muss auch das Recht haben, abstoßend zu sein, Grenzen zu testen und moralische Grauzonen auszuloten. Altersfreigaben existieren, damit Erwachsene selbst entscheiden können, was sie konsumieren – nicht, damit Plattformen heikle Inhalte komplett aus dem Sichtfeld räumen.
Folgenreiche Angst vor Banken und Zahlungsdienstleistern
Hinter den Kulissen sieht man das Ganze in der Branche noch pragmatischer. Seit Jahren verschärfen große Kreditkartenunternehmen und Zahlungsdienstleister ihre Richtlinien gegenüber Pornoplattformen und dubiosen Inhalten. Alles, was auch nur entfernt nach „sexualisiert“ und „minderjährig“ riecht, ist für sie toxisch. Für Steam, Epic und andere Stores bedeutet das: Wer in diesem Bereich Fehler macht, riskiert nicht nur einen Shitstorm, sondern im schlimmsten Fall Probleme mit den Zahlungswegen für die gesamte Plattform.
Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, warum ein kleiner, europäischer Horror-Titel zum idealen Blitzableiter wird. Horses ist kein Blockbuster, der Millionen einspielt, aber brisant genug, um Risiko-Analysten nervös zu machen. Die naheliegende Lösung: lieber zu streng sein und einen Grenzfall opfern, als auch nur in die Nähe der nächsten „Game-Store verkauft Kinderpornografie“-Schlagzeile zu kommen, selbst wenn der Vorwurf sachlich nicht trägt.
Zensur hat in Games Tradition
Der Fall Horses ist zudem kein völliger Ausreißer, sondern reiht sich in eine lange Liste von Fällen ein, in denen Spiele zurechtgestutzt oder verschwinden mussten. Ältere Gamer erinnern sich an Survival-Horror-Titel, in denen „kindliche“ Monster für bestimmte Regionen durch generische Dämonen ersetzt wurden, oder an Versionen, aus denen komplette Schullevels gestrichen wurden. Noch frischer sind Beispiele von asiatischen Horror- oder Satire-Spielen, die aus Stores entfernt wurden, weil sie autoritäre Regierungen oder Staatsoberhäupter auf den Arm nahmen.
Jedes Mal hieß es offiziell: Richtlinien, lokale Gesetze, Sensibilitäten. Inoffiziell wussten alle, dass Konzerne nicht Regierungen oder religiöse Gruppen provozieren wollen. Der Unterschied in der Wahrnehmung: Wenn es um Politik oder Religion geht, akzeptieren viele Spieler diese Vorsicht zähneknirschend. Wenn aber ein Horror-Spiel mit klarer Altersfreigabe unter diffuse Zensurverdacht fällt, ist die Empörung größer.
Der Preis für Indie-Studios: Wenn ein „Nein“ Existenzen kostet
Für Santa Ragione ist das alles kein abstrakter Kulturkampf, sondern eine existenzielle Bedrohung. Das Studio sagt offen, dass es ohne die Reichweite von Steam möglicherweise nicht lange überleben kann. Im Indie-Bereich laufen große Teile des PC-Markts über genau diese eine Plattform. Wird ein Spiel dort abgelehnt, halbiert sich das Publikum nicht – es bricht weg. Und genau hier bekommen Stimmen, die von einem faktischen Steam-Monopol sprechen, neuen Auftrieb: Es geht nicht um juristische Spitzfindigkeiten, sondern um die reale Kontrolle über Sichtbarkeit und Verkauf.
Horses ist zwar nicht völlig obdachlos: Das Spiel ist etwa auf itch.io, GOG und Humble verfügbar, und vor allem GOG hat das Projekt öffentlich unterstützt. In Foren wird die Plattform als „letzte erwachsene Bastion“ gelobt, die sich nicht vor jeder Kontroverse duckt. Dennoch sind sich die meisten einig: Keine dieser Alternativen kann die Kombination aus Nutzerzahlen, Komfort und Gewohnheit ersetzen, die Steam – und zunehmend auch die Epic Games Store – aufgebaut haben.
Warum Horses mehr ist als nur ein Nischen-Horror
Wird der Bann von Horses morgen eine Welle massiver Löschungen auslösen? Wahrscheinlich nicht. Viel eher wird weiterhin leise im Hintergrund aussortiert: Spiele, die nie durch die Tür kommen, tauchen auch nie in den Wunschlisten auf und verursachen somit auch keine öffentliche Debatte. Der Unterschied ist: An Horses konnte die Branche beobachten, wie fragil die Situation für riskante Projekte tatsächlich ist – und wie schnell jahrelange Arbeit an der Entscheidung einiger weniger Menschen scheitern kann.
Für Entwickler, die mit Horror, Sexualität oder gesellschaftlichen Tabus arbeiten, ist die Botschaft klar: Es reicht nicht, ein M-Rating zu bekommen oder problematische Szenen anzupassen. Wenn das Thema an sich als radioaktiv wahrgenommen wird, kann die Plattform trotzdem im letzten Moment den Stecker ziehen – ohne klare Begründung und ohne Möglichkeit, auf Augenhöhe zu diskutieren.
Genau das macht den Fall Horses so wichtig. Ob man das Spiel persönlich spannend findet oder abscheulich: Es legt offen, wie wenig transparent die größten PC-Stores mit heiklen Themen umgehen und wie einseitig sie über das künstlerische Risiko von Indie-Teams entscheiden. Die Spielebranche rühmt sich gern damit, erwachsen geworden zu sein – mit komplexen Geschichten, moralisch grauen Figuren und knallharter Gewalt. Doch solange Plattformen beim ersten wirklich unangenehmen Thema zurückschrecken, bleibt diese Reife mehr Werbeslogan als Realität.
2 kommentare
Ich hab mir ein paar Szenen angeschaut, und ja, das ist richtig widerlich. Aber genau das ist doch der Punkt von Horror: nicht kuschlig, sondern unbequem
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