Die KI-Geschichte von Intel war in den vergangenen Jahren ein ziemliches Auf und Ab: große Ankündigungen, verschobene Produkte, ständig umgeschriebene Roadmaps. Jetzt hängt der Konzern sein KI-Schicksal sichtbar an eine Person: CEO Lip-Bu Tan. Nachdem der bisherige KI-Chef Sachin Katti überraschend zu OpenAI gewechselt ist und im Hintergrund mehrere Umbauten stattgefunden haben, übernimmt Tan die Verantwortung für Strategie und Umsetzung der KI-Roadmap persönlich. 
Für ein Unternehmen, das sich im Netz den Ruf eines PowerPoint-Giganten mit wenig greifbarem Silizium eingehandelt hat, ist das ein deutliches Signal: Ausreden werden knapper, die Verantwortung liegt ganz oben.
In einem internen Memo, auf das sich Branchenmedien berufen, räumt Tan ein, dass die KI-Teams in den letzten Monaten massive Umbrüche erlebt haben. Er kündigt an, direkt mit den Führungskräften zusammenzuarbeiten, um die KI-Strategie zu schärfen und eine verlässliche Umsetzung des technologischen Fahrplans sicherzustellen. Genau diese Verlässlichkeit fehlte Intel zuletzt immer wieder. Produktnamen wurden im laufenden Betrieb geändert, Launches mehrfach verschoben, Roadmaps neu gezeichnet, bevor die alte auch nur ansatzweise abgearbeitet war. In einem Markt, in dem Konkurrenten alle paar Monate neue KI-Bausteine liefern, ist das eine gefährliche Schwäche.
Parallel dazu hat Intel die Führungsstruktur in der KI-Sparte deutlich gestrafft. Nach dem Abgang von Katti und weiteren Topmanagern gibt es weniger Managementebenen zwischen Entwicklerteams und Vorstandsetage. Tan positioniert sich damit als zentrale Instanz, an der alle strategisch wichtigen KI-Entscheidungen zusammenlaufen. Optimisten sehen darin die Chance, interne Politik und endlose Abstimmungsschleifen zu reduzieren. Kritische Stimmen warnen dagegen vor einem Flaschenhals, an dem Projekte hängen bleiben, während sich die Organisation auf neue Folien und Strategiedokumente vorbereitet, statt messbare Fortschritte bei Chips, Software und Ökosystem zu liefern.
Die Skepsis in der Community kommt nicht von ungefähr. Seit Jahren wird Intel für seine fast schon legendären Präsentationen verspottet: Folien in S-plus-plus-Qualität, Roadmaps für jede erdenkliche Nische, aber am Ende doch wieder Verzögerungen, gestrichene Produkte oder technisch solide, aber zu spät kommende Lösungen. Begriffe wie Roadmap der Roadmap sind längst zum Meme geworden. Lip-Bu Tan tritt also nicht nur als Organisator, sondern auch als Reputationssanierer an. Wenn er es schafft, den Abstand zwischen Folie und Fertigung spürbar zu verkleinern, kann Intel den Spieß kommunikativ wieder umdrehen.
Technisch ist die Lage nicht so düster, wie manche Spötter behaupten. Unter Sachin Katti hat Intel angefangen, eine konsistentere KI-Erzählung aufzubauen: mit dedizierten Beschleunigern wie dem Projekt Crescent Island sowie dem Versuch, einen klaren jährlichen Produkt-Takt über Rechenzentrum, Edge und Client hinweg zu etablieren. Auf der Client-Seite tauchen mit den ersten AI-PC-Konzepten bereits konkrete Produkte auf. Chips wie der Intel Core Ultra X7 358H werden in frühen Benchmarks als neue Basis für KI-Features im Notebook positioniert, bei denen CPU, GPU und NPU zusammenarbeiten sollen, statt nur lose nebeneinander zu existieren. Die zentrale Frage ist nicht, ob Intel innovative Bausteine entwerfen kann, sondern ob Zeitplan, Stückzahlen, Energieeffizienz und Software-Stack am Ende zusammenpassen.
Dass viele Beobachter Tan dennoch eine echte Chance geben, liegt an seinem Lebenslauf. Seine Zeit bei Cadence gilt als Beispiel dafür, wie man ein hoch technisches, komplexes Geschäft wieder stabilisieren kann. Tan denkt in Ökosystemen: Design-Tools, Entwicklerbetreuung, Kooperationen mit großen Cloud-Anbietern, verlässliche Roadmaps und Plattformen, auf die Kunden langfristig bauen können. Übertragen auf Intel könnte das bedeuten, dass Insellösungen verschwinden und die KI-Geschichte von der Hardware über Software und Packaging bis hin zu Netzwerklösungen deutlich besser verzahnt wird.
Der Druck von außen ist dabei enorm. Nvidia dominiert mit seinen GPUs und dem CUDA-Ökosystem die aktuelle KI-Generation, während AMD unter Lisa Su sich als effiziente, zunehmend schlagkräftige Alternative positioniert. Viele Beobachter rahmen die kommenden Jahre bereits als Duell Lip-Bu Tan gegen Lisa Su, mit Jensen Huang als Titelverteidiger. Intel startet nicht mehr von Platz eins, sondern aus der Rolle des Herausforderers, der verlorenes Vertrauen zurückgewinnen muss. In dieser Position reicht Mittelmaß nicht aus: Entweder die KI-Strategie liefert sichtbare Erfolge, oder Intel bleibt Statist in einer Show, die andere bestimmen.
Mit der Fokussierung der KI-Agenda im Büro des CEO geht Intel auch ein hohes Risiko ein. Scheitert die Umsetzung, lassen sich die Probleme nicht mehr nach unten delegieren. Viele Ingenieurinnen und Ingenieure sind müde von ständigen Neuaufstellungen; große Kunden haben wenig Geduld für Roadmaps, die jedes Quartal neu gestrichen werden. Damit Tans Kurs funktioniert, muss er harte Prioritäten setzen, Zombie-Projekte beenden, den Produktkatalog ausdünnen und dafür sorgen, dass Treiber, Frameworks und Tools zum Launch bereitstehen. KI auf Intel-Basis darf aus Sicht der Nutzer nicht komplizierter wirken als die Konkurrenz, sondern mindestens genauso unkompliziert.
Die nächsten zwölf bis vierundzwanzig Monate werden zeigen, ob dieser Schritt der Beginn eines echten Comebacks oder nur das nächste Kapitel in einer langen Serie verpasster Chancen ist. Entscheidend sind am Ende nicht Memos und Townhall-Meetings, sondern Silizium im Feld: Beschleuniger der Crescent-Island-Klasse in produktiven Rechenzentren, AI-Notebooks mit Core Ultra X7 358H im Alltag von Endkunden und eine Roadmap, die lange genug stabil bleibt, damit Partner ihre eigenen Lösungen darauf aufbauen. Gelingt das, könnte aus dem PowerPoint-Meme wieder ein ernstzunehmender KI-Anbieter werden. Wenn nicht, werden die Witze über Folien und Roadmaps wohl noch lauter.