Die nächste Generation von Intel-CPUs für Workstations nimmt langsam Gestalt an, und ein frischer Leak rückt dabei vor allem einen Chip ins Rampenlicht: den Intel Xeon 654 aus der Granite-Rapids-WS-Familie. Hinter diesem Namen steckt mehr als nur eine weitere Server-CPU. 
Granite Rapids-WS ist Intels Versuch, im High-End-Desktop- und Workstation-Segment wieder sichtbarer zu werden – in einem Markt, den viele Profis inzwischen ganz selbstverständlich mit AMDs Threadripper-Reihe verbinden.
Laut den bisher kursierenden Informationen wird Granite Rapids-WS in zwei große Segmente aufgeteilt. Die Mainstream-Modelle sollen vierkanaligen DDR5-Speicher und bis zu 80 PCIe-5.0-Lanes bieten, also deutlich mehr I/O-Spielraum als klassische Desktop-Plattformen. Darüber positioniert sich die Expert-Schiene mit acht Speicherkanälen und bis zu 128 PCIe-5.0-Lanes. Diese Klasse zielt klar auf Studios und Unternehmen, die mehrere GPUs, schnelle NVMe-Arrays, Capture-Karten und dedizierte Beschleuniger für KI, Simulation oder Rendering kombinieren wollen.
Der nun geleakte Xeon 654 ordnet sich eher im unteren bis mittleren Bereich dieser Familie ein, wirkt aus Consumer-Sicht aber alles andere als klein. Der Chip bringt 18 Kerne und 36 Threads mit, dazu 72 MB L3-Cache und 36 MB L2-Cache. Im Eintrag der Geekbench-6-Datenbank wird ein Takt von 4,6 GHz genannt, in der Praxis scheinen die Boost-Taktraten jedoch näher an 4,8 GHz zu liegen
. Getestet wurde das Ganze auf einem Referenzsystem mit GNR-WS-Plattform und 32 GB DDR5 – also klar ein Engineering-Setup, bei dem BIOS, Mikrocode, Leistungsgrenzen und Speicherprofile noch lange nicht final sein dürften.
Die rohen Benchmarks wirken daher eher wie eine Momentaufnahme als wie ein Urteil. In Geekbench 6 erreicht der Xeon 654 rund 2634 Punkte im Single-Core und etwa 14.743 Punkte im Multi-Core-Test. Im ersten Vergleich mit der Konkurrenz fällt auf, dass selbst 12-Kern-Modelle aus der Threadripper-9000-Reihe in diesem frühen Zustand vorne liegen. Wer nur auf die Balken schaut, ist schnell enttäuscht. Wer schon länger mit Engineering Samples zu tun hat, weiß aber: Ohne ausgereifte Plattform, optimierte Power-Profile und finale Steppings sind solche Zahlen bestenfalls eine grobe Richtung.
Spannend wird es, wenn man den Blick von diesem einen Chip löst und auf die kolportierte Gesamtaufstellung von Granite Rapids-WS schaut. Die geleakte Liste führt eine Reihe von SKUs auf – vom Xeon 634 bis hinauf zum mutmaßlichen Flaggschiff Xeon 698X. Gerade dieser 698X sorgt für hochgezogene Augenbrauen: Ihm werden bis zu 86 Kerne und 336 MB Cache nachgesagt, womit Intel wieder in Regionen unterwegs wäre, in denen bisher vor allem Threadripper Pro das Sagen hatte. Dazwischen reihen sich Modelle wie 696X, 678X, 676X, 674X und 658X sowie mehrere Varianten ohne X-Suffix ein, darunter 656, 654, 638, 636 und 634.
Schaut man sich die wenigen bekannten Eckdaten genauer an, erkennt man eine recht feine Staffelung. An der Spitze stehen 698X und 696X mit jeweils 336 MB Cache, aber unterschiedlichen Basistakten von 2,0 beziehungsweise 2,4 GHz. Im Mittelfeld taucht der 678X mit 192 MB Cache bei 2,4 GHz auf, gefolgt von 676X und 674X, die mit 144 MB Cache und Basistakten von 2,8 beziehungsweise 3,0 GHz angreifen. Weiter unten findet man 658X und 656, und in diesem Bereich sitzt auch der Xeon 654 mit 72 MB Cache und 3,1 GHz Basistakt. Die kleineren 638, 636 und 634 reduzieren den Cache auf 72 oder 48 MB, dafür steigen sie mit Basistakten bis 3,5 GHz ein. So versucht Intel, vom frequenzstarken Workstation-Chip bis hin zum massiv parallelen Rendering-Monster möglichst viele Szenarien abzudecken.
Auffällig ist die große Zahl an Modellen mit X-Suffix. Im HEDT-Umfeld steht dieses X bei Intel seit Jahren für freie Multiplikatoren und deutlich mehr Spielraum beim Overclocking. Granite Rapids-WS scheint diese Tradition fortzusetzen. Die X-SKUs sollen nicht nur klassische Workstations in Studios und Agenturen bedienen, sondern auch Enthusiasten ansprechen, die ihre Maschine daheim selbst zusammenstellen, in die Spannungs- und Power-Limits eintauchen und noch das letzte Prozent Leistung aus Takt, Timings und Kühlung herauskitzeln wollen.
Auf Plattformseite löst Granite Rapids-WS die bisherigen Sapphire-Rapids-Workstations und deren Refresh ab. Erwartet werden Mainboards mit einem W890-ähnlichen Chipsatz und einem neuen Sockel, der die zusätzlichen Speicherkanäle und die vielen PCIe-5.0-Lanes aufnehmen kann. Für Anwenderinnen und Anwender, die noch auf X299, X99 oder andere ältere Quad-Channel-DDR4-Plattformen setzen, bedeutet das einen deutlichen Generationssprung: DDR5 mit höherer Bandbreite, PCIe 5.0 für moderne GPUs und Storage und insgesamt wesentlich mehr I/O-Reserven für komplexe Setups.
In einen größeren Kontext gestellt, ist Granite Rapids-WS das nächste Kapitel einer langen HEDT-Historie, die bei Intel mit Sandy Bridge-E, Ivy Bridge-E und Plattformen wie X58 und Gulftown begann. Damals galten sechs oder acht Kerne als exotisch und 40 PCIe-Lanes als purer Luxus. Heute spricht man in diesem Segment von mehreren Dutzend Kernen, Cache-Größen im dreistelligen Megabyte-Bereich und TDPs, die bis an die Marke von 350 Watt heranreichen. Von Granite Rapids-WS erwartet die Community daher nicht nur höhere Balken in Benchmarks, sondern auch Verbesserungen bei Effizienz, Turboverhalten unter Dauerlast und Langzeitstabilität.
All das passiert vor dem Hintergrund eines sehr starken Gegners. AMD hat es in den vergangenen Jahren geschafft, Threadripper als Standardlösung für viele Workstations zu etablieren – egal ob in 3D-Studios, Renderfarmen oder bei Content-Creators. Entsprechend bissig fallen die ersten Reaktionen auf den Xeon-654-Leak in Foren und Kommentarspalten aus. Viele Nutzer witzeln, dass selbst mehrere Jahre alte Threadripper diesen 18-Kerner ohne Mühe abhängen würden. Andere sprechen von zu wenig Leistung für 2025 und versehen die Plattform vorschnell mit dem DOA-Stempel, also dem Etikett der Totgeburt, falls Intel bei Preisen, Taktraten und Plattformkosten nicht überzeugend nachlegt.
Ein weiterer Diskussionspunkt ist die Kernanzahl. Auf dem Papier sind 18 Kerne immer noch beeindruckend, aber in einer Zeit, in der Consumer-CPUs mit 16 Kernen im gehobenen Desktop-Segment angekommen sind, wirkt ein 18-Kerner als Workstation-Herzstück auf manche eher sparsam. Viele Stimmen sehen 32 Kerne inzwischen als sinnvollen Einstieg für wirklich schwere Workloads, insbesondere für Rendering, Simulation, Software-Builds und aufwendige Container- oder VM-Setups. Auf der anderen Seite verweisen Xeon-Verteidiger darauf, dass eine Workstation mehr ist als nur die CPU: zusätzliche Speicherkanäle, massive PCIe-Ressourcen, Validierung für Dauerbetrieb und lange Support-Zyklen sind Argumente, die man in einem bloßen Kernvergleich schnell übersieht.
Parallel dazu richtet sich der Blick bereits auf die fernere Zukunft. In der Gerüchteküche tauchen immer wieder Hinweise auf Threadripper-Generationen auf Basis von Zen 6 auf, denen breitere AVX-512-Unterstützung und noch drastischere Konfigurationen bei Kernen und Cache in den Jahren 2026 und 2027 nachgesagt werden. In diesem Umfeld muss Granite Rapids-WS mehr liefern als nur eine beeindruckende Tabelle mit technischen Daten. Entscheidend werden am Ende die Leistung in realen Anwendungen wie Blender, Unreal Engine, CAD-Paketen, Virtualisierung und Data Science sein – und eine Preisgestaltung, die Unternehmen nicht reflexartig wieder zu AMD greifen lässt.
Fest steht: Der geleakte Xeon 654 ist nur ein früher Schnappschuss einer Plattform im Aufbau. Als wahrscheinliches Zeitfenster für den Marktstart werden derzeit das späte vierte Quartal oder eine Vorstellung rund um die CES 2026 gehandelt. Bis Intel die finalen Taktraten, TDP-Werte, Mainboardpreise und das genaue SKU-Stacking kommuniziert, bleibt Granite Rapids-WS eine Mischung aus spannendem Versprechen, berechtigtem Zweifel und reichlich Foren-Humor. Erst wenn unabhängige Tests in echten Workflows vorliegen, wird sich zeigen, ob Intel tatsächlich ein glaubwürdiges Comeback im Workstation-Segment gelingt – oder ob Granite Rapids-WS nur noch eine weitere Generation ist, die hinter Threadripper herläuft.
1 kommentar
die Geekbench-Werte sehen eher nach gähn als nach wow aus, alter Threadripper lacht sich da doch schlapp, wenn Intel beim Preis nicht liefert, ist das Ding tot bei Launch