
iPad Pro M5: Rasantes Tempo, gebremst von iPadOS
Nach einigen intensiven Tagen mit dem neuen iPad Pro samt M5-Chip blieb mir ein Wort immer wieder an der Tastatur hängen: Overkill. Nicht, weil die Leistung übertrieben beworben wäre – im Gegenteil, sie ist unbestreitbar – sondern weil der Rest des Erlebnisses nicht im gleichen Maß mitwächst. Apple steckt erneut Desktop-Power in einen federleichten Tablet-Körper, doch das System bleibt ein Tablet-System. Das Ergebnis fühlt sich an wie ein Supersportler, der mühelos 300 fahren könnte, aber im Stadtverkehr am Tempolimit festhängt, beschriftet mit „iPadOS“.
M5 in der Praxis: was wirklich schneller wird
Der M5 bringt deutliche Sprünge bei CPU und GPU gegenüber dem ohnehin sehr flotten M4. Große RAWs lassen sich ohne Zuckeln sichten, komplexe Filter in Bildbearbeitungen reagieren direkt, 3D-Workloads laufen kühl und leise – Lüfter gibt es schließlich nicht. Multitasking fühlt sich snappig an, die Akkulaufzeit bleibt robust, und das Gehäuse hält selbst bei längeren Sessions die Temperatur im Griff. Rein technisch ist das iPad Pro M5 eine Demonstration: extrem dünn, sehr leicht, brutal schnell.
Nur: Im Alltag berühren die meisten diese Leistungsdecke nie. Mail, Web, Notizen, Video-Calls und ein bisschen Editieren waren bereits auf älteren Modellen quasi augenblicklich. Der M5 verwandelt „sofort“ in „noch sofortiger“. Das ist beeindruckend und angenehm – verändert aber nicht automatisch, was man mit dem Gerät tun kann.
Das iPad-Pro-Paradox
Apple hat iPadOS Stück für Stück erwachsener gemacht: Stage Manager, frei schwebende Fenster, bessere Externmonitor-Unterstützung, ein zunehmend „desktopiger“ Safari. Mit Magic Keyboard und Maus kommt man einem Notebook-Workflow gefährlich nahe – nur eben nicht ganz heran. Dateiverwaltung wirkt weiterhin enger abgesteckt als auf macOS, Hintergrundprozesse schlafen öfter ein als man möchte, Automatisierungsmöglichkeiten sind begrenzt, und viele Profi-Tools existieren entweder gar nicht oder in abgespeckten Varianten.
Genau dort kneift der Schuh. Das Paket aus Tablet, Tastatur und Trackpad imitiert den Laptop überzeugend, bis es in anspruchsvolleren Szenarien um Batch-Operationen, tief verkettete Workflows, komplexe Fensterlandschaften oder Spezialsoftware geht. Dann treten die Leitplanken der Plattform sichtbar hervor – und zwar ausgerechnet bei einem Gerät, das sich an „Profi“-Ansprüche richtet.
Rechnen wir nach: teures Bündel, eingeschränkte Freiheit
Die Zahlen sind klar: Das 13-Zoll-iPad Pro (M5) mit 256 GB startet bei 1.300 US-Dollar. Die Magic Keyboard kostet 349 US-Dollar. Zusammen liegt man bei 1.649 US-Dollar – Apple Pencil noch nicht eingerechnet. Parallel bekommt man ein 14-Zoll-MacBook Pro mit M5-Chip derselben Klasse (plus einem zusätzlichen Effizienz-Kern), doppeltem Speicher (512 GB) und Tastatur inklusive für 1.599 US-Dollar. Unterm Strich: Das günstigere Paket bietet mehr Speicher, ein vollwertiges Desktop-System und in vielen Workflows deutlich größere Freiheit.
Der naheliegende Einwand: „Auf dem MacBook kann man nicht zeichnen.“ Stimmt. Wer mit Apple Pencil lebt, braucht die direkte, latenzarme Leinwand. Nur heißt das nicht, dass es das Pro sein muss: iPad Air und sogar das Basis-iPad unterstützen den Pencil und liefern ein hervorragendes Zeichengefühl für Skizzen, Mark-ups und Notizen. Der echte Mehrwert des Pro schrumpft somit auf eine kleinere Zielgruppe, als der Preis suggeriert.
Für wen das Pro wirklich Sinn ergibt
Diese Zielgruppe gibt es selbstverständlich. Concept-Artists, die eine helle, farbstabile Fläche mit minimaler Latenz brauchen. Fotografen auf Reisen, die unterwegs hart aussortieren und in Lightroom oder Pixelmator anpassen. Musiker, die auf Virtuell-Instrumente mit sehr niedriger Latenz angewiesen sind. Reporterinnen und Reporter, die Clips im Feld schneiden und sofort veröffentlichen – in Apps, die für Tablets optimiert sind. Wer bereits im iPadOS-Kosmos produktiv ist und beim M4 regelmäßig an die Grenzen stieß, bekommt mit dem M5 üppige Leistungs-Reserven auf Jahre.
Für Studierende, Office-Worker, Entwicklerinnen und Entwickler, Tabellen-Athleten oder Video-Pros mit langen Plug-in-Ketten ist das MacBook Pro jedoch weiterhin die vernünftigere Wahl. Es nutzt die gleiche Chip-Klasse, bietet ein reifes Desktop-Betriebssystem, treibt externe Monitore ohne Klimmzüge an und eröffnet das breite Ökosystem professioneller Tools, die auf iPadOS entweder fehlen oder stark vereinfacht sind. Wer Android bevorzugt oder primär ein Medien-Tablet zu fairen Preisen sucht, findet mit Samsungs Galaxy-Tab-S11-Serie ebenfalls starke Kandidaten mit sehr guten Displays und solider Multitasking-Umsetzung.
Was den iPad-Traum bremst
Am Hardware-Team liegt es nicht: Chassis, Display, Lautsprecher, Akkulaufzeit – alles auf Spitzen-Niveau. Der Engpass ist strategisch. iPadOS setzt konsequent auf Einfachheit, Sicherheit und Effizienz. Das ist großartig für Einsteiger und für lange Laufzeiten, aber es limitiert ambitionierte Pro-Workflows. Man stelle sich einen echten „Pro-Modus“ vor: mehr gleichzeitige Fenster ohne Nickerchen im Hintergrund, freierer Zugriff auf Netzlaufwerke und externe Speicher, vollwertige Versionen der Profi-Apps, tiefere Automatisierung mit System-Hooks sowie weniger Zwänge bei Dateizuordnungen und Standard-Apps. Leistung hat der M5 in Hülle und Fülle – die Software müsste sie nur freigeben.
Display, Klang, Verarbeitung: poliert bis zum Rand
Das Panel ist hell, gleichmäßig und wunderbar flüssig, Scrollen fühlt sich butterweich an. Der Klang ist für die Gehäusedicke erstaunlich körperhaft, Stimmen sitzen, Bässe sind sauber angedeutet. Die Verarbeitung vermittelt „aus einem Block gefräst“. All das ist nicht neu, aber so reif wie nie. Wer das Pro wegen Haptik und Optik kauft, wird begeistert sein – sollte allerdings wissen, dass die Fortschritte hier Veredelung sind, keine Revolution.
Kaufberatung in Kurzform
- Schon komplett im iPad-Workflow zuhause? Das iPad Pro M5 ist ein Traumgerät, insbesondere als Upgrade von alten Modellen – Display und Tempo machen Freude.
- Du willst den Laptop ersetzen? Greif zum MacBook Pro: als Gesamtpaket günstiger, vielseitiger und mit demselben Chip-Niveau.
- Zeichnen, lesen, Serien, leichte Edits? Das iPad Air passt hervorragend und lässt Budget für mehr Speicher oder Pencil-Spitzen übrig.
- Android-Fan oder preisbewusst? Schau dir das Galaxy Tab S11 an: stark für Streaming, Notizen und Web – und ein angenehmes Seitenverhältnis für Filme ohne Balken.
Fazit
Das iPad Pro M5 ist die pure Apple-Demonstration: unfassbar dünn, unverschämt schnell, exzellent verarbeitet. Für viele bleibt es dennoch zu viel Hardware für zu wenig zusätzliche Freiheit. Apple dreht Jahr für Jahr am Leistungsregler, während iPadOS die Geschwindigkeitsbegrenzung setzt. Sollte irgendwann ein wirklich professioneller Modus kommen – sei es ein radikal aufgewertetes iPadOS oder eine behutsam begrenzte macOS-Light-Erfahrung – könnte das iPad Pro endlich das All-in-One-Werkzeug werden, das die Hardware längst verspricht. Bis dahin ist es der eleganteste Überflieger unter den Tablets: brillant auf der Kurzstrecke, ausgebremst auf der Marathon-Distanz der Produktivität – und vor allem für jene geeignet, die seine Stärken heute schon ausspielen können.
2 kommentare
Bleibe beim Tab S11 für Serien + Notizen, spart Geld
Stage Manager ok, aber die Fenster fühlen sich immer noch eingeengt an