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Jolla Phone ist zurück: Sailfish OS 5, echtes Linux und ein Schalter für echte Privatsphäre

von ytools
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Nach Jahren fast völliger Funkstille meldet sich die finnische Firma Jolla mit etwas zurück, das man 2025 kaum noch erwartet: einem wirklich unabhängigen Linux-Smartphone, das Privatsphäre und Kontrolle höher bewertet als Rekordwerte in Benchmarks. Das Gerät heißt schlicht Jolla Phone und wird von Jolla selbst als „unabhängiges europäisches Do-It-Together-Linux-Phone“ beworben.
Jolla Phone ist zurück: Sailfish OS 5, echtes Linux und ein Schalter für echte Privatsphäre
Statt des nächsten Android-Klons mit bunter Oberfläche will Jolla ein Smartphone bauen, das sich wie eine echte Alternative zu Google und Apple anfühlt – ohne dass man sich dafür wie ein dauerhafter Beta-Tester fühlen muss.

Im Zentrum steht Sailfish OS 5, die neueste Version von Jollas eigenem mobilen Betriebssystem. Die Finnen betonen, dass darunter ein „echtes“ Linux läuft, kein halb offener Fork mit schwer durchschaubaren Zusatzschichten. Nach eigener Aussage kommt Sailfish ohne versteckte Tracking-Bibliotheken, ohne stille Telemetrie und ohne „nach Hause telefonierende“ Dienste aus. Für alle, die das Gefühl haben, ihr aktuelles Smartphone arbeite heimlich mehr für Werbenetzwerke als für sie selbst, trifft dieser Ansatz einen empfindlichen Nerv.

Gleichzeitig weiß Jolla, dass kaum jemand komplett auf Android-Apps verzichten kann. Daher kann Sailfish OS 5 weiterhin Android-Anwendungen ausführen. Der entscheidende Unterschied: Man kann das System Schritt für Schritt entgooglen, alternative App-Stores verwenden, europäische oder selbst gehostete Dienste einbinden und Google-Dienste nach und nach aus dem Alltag verbannen. Wie radikal dieser Schnitt ausfällt, entscheidet der Nutzer – nicht der Hersteller.

Für langjährige Fans hat dieser Launch auch eine emotionale Komponente. Jolla wurde 2013 aus dem Erbe von Nokia MeeGo heraus gegründet, von Ingenieurinnen und Ingenieuren, die die Idee eines offenen, europäischen Systems nicht einfach begraben wollten. Damals galten sie als naiv: „Gegen Android und iOS habt ihr keine Chance.“ Mehr als ein Jahrzehnt später taucht Jolla mit einem neuen eigenen Gerät wieder auf – und sendet damit ein klares Signal: Ganz tot ist die Vision einer dritten Plattform nie gewesen.

Hardware für Langläufer statt Ein-Tages-Beifall

Beim Datenblatt versucht das Jolla Phone weniger, die Speerspitze der Android-Flaggschiffe zu übertrumpfen, sondern eher, einen robusten, lang nutzbaren Alltagsbegleiter zu liefern. Im Inneren arbeitet ein „high performant“ MediaTek-SoC, flankiert von 12 GB RAM und 256 GB internem Speicher. Statt wie viele Hersteller den microSD-Slot sang- und klanglos zu streichen, lässt Jolla die Speichererweiterung an Bord. Wer seine Fotos, Videos, Musik und Dokumente lieber lokal statt ausschließlich in der Cloud hält, wird das zu schätzen wissen.

Auf der Frontseite sitzt ein 6,36 Zoll großes AMOLED-Display mit Full-HD-Auflösung, rund 390 ppi Pixeldichte und Gorilla-Glass-Schutz. Ultrafeine Ränder sucht man hier vergeblich; es gibt einen deutlich sichtbaren Notch und etwas kräftigere Rahmen. Genau das spaltet die Community: Die einen finden das ehrlicher und im Zweifel robuster, andere bemängeln, dass die Front im Vergleich zu aktuellen Design-Trends altbacken wirkt. Klar ist: Jolla will hier keinen Schaufenster-Star bauen, sondern ein Arbeitsgerät, das sich auch nach Jahren noch reparieren und benutzen lässt.

Die Kameraausstattung ist bewusst bodenständig gehalten: Hinten sitzt eine 50-Megapixel-Hauptkamera, unterstützt von einer 13-Megapixel-Ultraweitwinkelkamera. Zur Selfie-Kamera macht Jolla bisher keine genauen Angaben, und auch sonst fehlen die üblichen Superlative à la „beste Kamera ihrer Klasse“. Das Ziel ist eher solide, alltagstaugliche Fotoqualität, ohne den Preis in schwindelerregende Höhen zu treiben. Viele Sailfish-Veteranen formulieren es so: Die Kamera muss nicht mit jedem High-End-Boliden mithalten, aber sie darf auf keinen Fall wie eine hastig angeflanschte Nebenfunktion wirken.

Wechselakku, bunte Rückseiten und das Recht auf Reparatur

Fast schon spektakulär wirkt 2025 die Nachricht, dass im Jolla Phone eine wechselbare 5.500-mAh-Batterie steckt. Während der Rest des Marktes auf verklebte Unibody-Gehäuse setzt, in denen der Akku als Verschleißteil quasi unsichtbar verschwindet, geht Jolla den umgekehrten Weg: Rückseite abnehmen, Akku tauschen, weiter nutzen. In einer Zeit, in der EU-weit über das Recht auf Reparatur diskutiert und reguliert wird, passt dieser Ansatz perfekt ins Bild.

Auch die Rückschale selbst ist austauschbar. Zum Start sind die Farben Snow White, Kaamos Black und The Orange geplant, dazu eine spezielle Edition für frühe Unterstützerinnen und Unterstützer der Vorbestellaktion. Das weckt fast nostalgische Erinnerungen an die Tage, in denen man seinem Handy durch andere Covers einen neuen Look verpasste – nur dass der Gestaltungswille hier Hand in Hand mit Nachhaltigkeit geht.

Physischer Privatschalter und der Nerd-Check

Ein echtes Alleinstellungsmerkmal ist der physische Privacy-Switch. Über diesen Schiebeschalter lassen sich sensible Komponenten wie Mikrofone, Kameras, Bluetooth und weitere Module hardwareseitig stromlos schalten. Anders als bei Software-Schaltern, deren Status man letztlich glauben muss, gilt hier: Kein Strom, kein Signal. Für Journalistinnen und Journalisten, Aktivisten, Personen mit sensiblen Kontakten oder einfach misstrauische Nutzer ist das ein massives Vertrauensplus.

Abseits davon bietet das Jolla Phone, was man 2025 erwarten darf: 5G, Dual-SIM, NFC und einen seitlich integrierten Fingerabdrucksensor. In den Foren taucht bereits die übliche Wunschliste auf: Bitte eine 3,5-mm-Klinke, bitte USB-OTG, bitte keine Alibi-Makrokamera, dafür ein dedizierter microSD-Slot und gern auch UKW-Radio. An der Front entzündet sich die Design-Debatte: Die einen wünschen sich symmetrische Ränder und vielleicht eine höhere Bildwiederholrate, die anderen sind froh, wenn die Akkulaufzeit nicht der Optik geopfert wird.

Leistung, Laufzeit und fünf Jahre Updates

Der vage Begriff „high performant“ sorgt momentan für die meiste Spekulation. Welche MediaTek-Plattform am Ende wirklich im Jolla Phone steckt, hat die Firma noch nicht verraten. Power-User argumentieren, dass ein Gerät mit mindestens fünf Jahren geplanter Nutzungsdauer auch einen entsprechend kräftigen SoC braucht – grob gesagt eher in der Liga eines Dimensity der 8000er-Reihe als irgendwo im oberen Einsteigersegment. Niemand möchte 2026 schon das Gefühl haben, einen lahmen Exoten durchfüttern zu müssen.

Auf der anderen Seite ist Sailfish OS in vielerlei Hinsicht schlanker als typisches Android mit vorinstallierten Diensten, Frameworks und Werbe-SDKs. Die Messlatte, um sich „flüssig“ anzufühlen, liegt daher etwas niedriger. Wichtiger als der reine Benchmark-Wert ist, dass der Browser mit komplexen Web-Apps klarkommt, dass Multitasking nicht sofort ins Stocken gerät und dass der Chip nicht dauerhaft am Temperaturlimit kocht. Ein starkes Gegenargument zu allen Zweifeln ist Jollas Zusage von mindestens fünf Jahren Betriebssystem-Updates – eine Marke, an der viele klassische Mittelklasse-Androiden nach wie vor scheitern.

Vorbestellung, Preis und Verfügbarkeit

Statt eines klassischen Massenlaunches setzt Jolla auf ein klar kommuniziertes Vorbestellmodell. Das Jolla Phone wird nur dann produziert, wenn bis zum 4. Januar 2026 mindestens 2.000 Vorbestellungen zusammenkommen. Um sich ein Gerät zu sichern, zahlt man zunächst eine Anzahlung von 99 Euro. Für diese frühen Unterstützer ist der Gesamtpreis auf 499 Euro festgelegt. Sollte das Projekt in die reguläre Serienfertigung übergehen, rechnet Jolla mit einem späteren Verkaufspreis in einer Spanne zwischen 599 und 699 Euro. Wird das Ziel nicht erreicht, soll die Anzahlung vollständig zurückerstattet werden.

Zum Start peilt Jolla den europäischen Heimatmarkt an: Die ersten Geräte sollen in die EU, nach Großbritannien, Norwegen und in die Schweiz geliefert werden. Die Auslieferung ist grob für das Ende des ersten Halbjahres 2026 terminiert. Technisch soll das Smartphone auch außerhalb Europas funktionieren; weitere Länder könnten folgen, wenn das Interesse groß genug ist. In den Kommentaren wird schon gewitzelt, dass ein Telefon ohne Tracker, ohne Google und mit Kill-Switch für Mikrofon und Kamera genau die Art Gerät ist, die manche Behörden nicht gerade begeistert – was im Grunde nur unterstreicht, wie konsequent Jolla das Thema Privatsphäre angeht.

Ob das Jolla Phone am Ende zum Kultgerät für eine kleine, treue Community wird oder als seltene Kuriosität in die Annalen eingeht, ist offen. Klar ist aber: In einem Smartphone-Markt, in dem sich vieles anfühlt wie „mehr vom Gleichen“, setzt Jolla ein Ausrufezeichen. Ein Gerät, das Reparierbarkeit, Datenhoheit und offene Software in den Mittelpunkt stellt, mag nie zum Massenprodukt werden – aber für Linux-Fans, Open-Source-Freunde und frustrierte Datenschutz-Enthusiasten wirkt die Rückkehr von Jolla mit Sailfish OS 5 und physischem Privatschalter tatsächlich ein bisschen wie ein kleines Weihnachtswunder.

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1 kommentar

oleg January 15, 2026 - 12:50 pm

499 Euro für ein europäisches Linux-Smartphone ohne Bloat und Werbemist finde ich ehrlich okay, für denselben Preis gibt es genug Android-Kisten voller vorinstallierter Apps

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