
Little Nightmares III im Test – ein vertrauter Albtraum ohne echten Schrecken
Die Little Nightmares-Reihe hat sich in den letzten Jahren als einer der interessantesten Indie-Horror-Erfolge etabliert. Mit über 20 Millionen verkauften Exemplaren überraschte sie Spieler und Kritiker gleichermaßen – eine düstere Mischung aus kindlicher Angst, groteskem Design und stiller Erzählkunst. Nun, da das ursprüngliche Studio Tarsier den Staffelstab weitergegeben hat, übernimmt Supermassive Games – bekannt für Until Dawn und The Quarry – das Ruder. Und die Frage steht im Raum: Können sie den magischen Schrecken dieser stillen Albträume wiederbeleben?
Little Nightmares III ist eine Fortsetzung, die sich zugleich wie ein Neuanfang anfühlt. Die Handschrift von Supermassive ist spürbar, doch sie versuchen, dem Stil der Vorgänger treu zu bleiben. Das gelingt ihnen technisch, atmosphärisch aber nur bedingt – und genau hier liegt das Problem: das Spiel fühlt sich vertraut an, aber selten furchteinflößend.
Neue Gesichter im Schatten
Im Mittelpunkt stehen diesmal zwei neue Figuren: Low und Alone. Gemeinsam durchstreifen sie eine verdrehte Welt, in der alles zu groß, zu fremd und zu bedrohlich wirkt. Die Serie war schon immer wortkarg – ihre Geschichte erzählte sie über Andeutungen, Symbolik und Albtraumbilder. Supermassive bleibt dieser Tradition treu, doch die Erzählweise wirkt direkter und weniger geheimnisvoll. Das Resultat: weniger Gänsehaut, mehr Klarheit – und damit weniger Faszination.
Low trägt einen Bogen, mit dem er aus der Ferne agieren kann, während Alone einen Schraubenschlüssel nutzt, um Hindernisse zu beseitigen. Diese Waffen passen perfekt zu ihrer Persönlichkeit, doch spielerisch bieten sie nur begrenzt Abwechslung. Der Ansatz ist interessant, aber nicht konsequent umgesetzt.
Gameplay: schön, aber behäbig
Auch spielerisch bleibt Little Nightmares III seiner Linie treu. Es handelt sich erneut um ein 2.5D-Plattformspiel mit Schwerpunkt auf Schleichen, Erkunden und vorsichtiger Bewegung. Die Steuerung ist bewusst schwerfällig, um Spannung zu erzeugen – allerdings kann das schnell in Frust umschlagen. Besonders die fixen Kameraperspektiven erschweren es, Sprünge richtig einzuschätzen. So verliert man öfter das Leben, nicht wegen des Horrors, sondern wegen der Perspektive.
Immerhin wurde das Kampfsystem verbessert. In Little Nightmares II war es klobig und unpräzise – hier funktioniert es deutlich besser. Low und Alone haben eigene Waffen, was das Spielgefühl runder macht. Es bleibt simpel, aber weniger frustrierend. Das Horror-Feeling wird dadurch zwar nicht stärker, aber das Gameplay ist angenehmer.
Albtraum zu zweit
Das wichtigste neue Feature ist der Online-Koop-Modus. Endlich kann man den Horror gemeinsam mit einem Freund erleben. Zusammen Rätsel lösen, schleichen und fliehen – das funktioniert gut und sorgt für emotionale Momente. Es fühlt sich organisch an, wenn beide Spieler aufeinander angewiesen sind, um zu überleben. Besonders, wenn Kommunikation und Timing stimmen, entsteht echtes Teamgefühl.
Allerdings ist das Fehlen eines lokalen Couch-Koops eine verpasste Chance. Gerade bei dieser Art Spiel – düster, still, atmosphärisch – hätte gemeinsames Spielen im Wohnzimmer perfekt gepasst. Stattdessen beschränkt sich der Koop-Modus auf Online-Partien mit Personen aus der Freundesliste. Immerhin gibt es ein „Friend Pass“-System, sodass ein Freund mitspielen kann, ohne das Spiel zu besitzen. Nett, aber nicht genug.
Im Einzelspielermodus übernimmt die KI die Kontrolle über den Partner – und das sorgt für gemischte Gefühle. Mal agiert sie perfekt, fast zu gut, wodurch Rätsel trivial wirken. Dann wieder bleibt sie hängen oder reagiert nicht rechtzeitig. Das Gleichgewicht fehlt, und so fühlt sich das Solo-Erlebnis unausgereift an.
Mehr Routine als Furcht
Der größte Kritikpunkt: Little Nightmares III ist zu vorhersehbar. Wer die Vorgänger kennt, erlebt ein Déjà-vu. Wieder klettert man durch Lüftungsschächte, schleicht unter riesigen Möbeln hindurch, trägt Batterien, versteckt sich vor deformierten Kreaturen. All das kennt man – und das Spiel fügt kaum Neues hinzu. Erst im letzten Kapitel zeigt Supermassive, dass sie kreativ sein können. Dort gibt es visuell starke Szenen, cleveres Leveldesign und endlich wieder echtes Unbehagen. Leider kommt das zu spät. Nach etwa vier Stunden ist alles vorbei – zu kurz, um bleibenden Eindruck zu hinterlassen.
Schön, aber seelenlos
Optisch überzeugt Little Nightmares III auf ganzer Linie. Die Texturen sind detailreich, die Beleuchtung stimmungsvoll, und technisch läuft das Spiel stabil. Doch was fehlt, ist der handgemachte, fast puppenhafte Charme der Originale. Die Kreaturen wirken generischer, weniger verstörend. Das Design ist poliert, aber zu sauber – und damit weniger gruselig. Der Horror liegt nicht mehr im Unbekannten, sondern im Erwartbaren.
Akustisch hingegen liefert das Spiel großartig ab. Jeder Schritt, jedes Knarren, jede unheimliche Melodie ist perfekt platziert. Der Sound schafft Spannung, wo das Bild manchmal versagt. Kopfhörer sind hier Pflicht – der Ton ist das wahre Herz dieses Albtraums.
Technik und Performance
Auf der PS5 läuft das Spiel solide. Es gibt gelegentliche Frameeinbrüche, aber nichts Gravierendes. Die Ladezeiten sind kurz, das Menü übersichtlich. Man merkt, dass Supermassive auf technische Stabilität setzt – auch wenn ein bisschen mehr Mut beim Design wünschenswert gewesen wäre.
Fazit: Ein schöner Albtraum, den man schnell vergisst
Little Nightmares III ist ein würdiger, aber vorsichtiger Nachfolger. Supermassive Games zeigt Respekt für das Erbe der Reihe, ohne sie wirklich weiterzuentwickeln. Die Koop-Idee funktioniert gut, aber die fehlende Originalität bremst den Grusel. Für Fans ist es ein vertrauter, angenehmer Trip durch dunkle Welten. Für Neulinge – ein solider Einstieg, aber kein Must-Play.
Nach dem Abspann bleibt ein Gefühl von „mehr vom Gleichen“ – schön anzusehen, atmosphärisch dicht, aber ohne das Herzklopfen der Vorgänger.
Wertung: 6/10 – technisch stark, atmosphärisch solide, emotional blass. Ein Traum, den man gerne träumt, aber schnell vergisst.
- Pro: gelungener Koop-Modus; dichte Soundkulisse; vertrautes Gameplay; stimmige Inszenierung.
- Contra: kurze Spielzeit; wiederholte Ideen; schwache KI; kein lokaler Koop; weniger originelle Monster.
2 kommentare
Monster wirken generisch, die alten waren viel creepiger
Story ist okay, aber zu klar erklärt, keine Geheimnisse mehr