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Marathon, KI-Panik und Bungies Zukunft: Warum ein Trailer zum Streitfall wurde

von ytools
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Als Bungie endlich den achtminütigen Reveal-Film zu Marathon veröffentlichte, sollte das eigentlich der Startschuss für Diskussionen über das neue Sci-Fi-Universum, die Stimmung und den mutigen Schritt Richtung Extraction Shooter sein. Stattdessen drehte sich ein großer Teil der Debatte um etwas völlig anderes: War dieser Film von einer KI generiert? Die Vorwürfe wurden so laut, dass Regisseur Alberto Mielgo etwas tun musste, das für einen Oscarpreisträger im Jahr 2025 absurd wirkt – öffentlich klarstellen, dass sein eigener Kurzfilm von Menschen gemacht ist.

Die Marathon-Cinematic ist mehr als ein schicker Werbespot.
Marathon, KI-Panik und Bungies Zukunft: Warum ein Trailer zum Streitfall wurde
Sie funktioniert wie ein eigenständiger Kurzfilm mit klarer Bildsprache und straffem Rhythmus. In acht Minuten skizziert sie eine Welt aus Konzernen, Söldner-Läufern und lebensgefährlichen Einsätzen, getragen von der markanten Optik, die Fans bereits aus Mielgos Episode „The Witness“ in Love, Death & Robots kennen. Mit Sprecherinnen und Sprechern wie Elias Toufexis und Ben Starr setzt Bungie bewusst auf starke Stimmen – und auf einen Regisseur, der 2022 für „The Windshield Wiper“ einen Oscar gewonnen hat. Das ist kein zufälliger Agentur-Clip, sondern ein Projekt mit deutlich erkennbarem Autorenstempel.

In einem ausführlichen Instagram-Post reagierte Mielgo auf die KI-Vorwürfe und legte die Karten auf den Tisch. Alles, was man im Film sieht – digitale Gemälde, Animationsphasen, 2D-Layouts, 3D-Modelle, Compositing, finale Render –, sei von einer großen Crew erarbeitet worden. Insgesamt, so der Regisseur, stecken 155 sogenannte Staff-Months in der Produktion, also die gebündelte Arbeitszeit von weit über 150 Artists, Animatorinnen, Technical Directors und Compositing-Spezialisten. Der wahre „Endgegner“ des Projekts war nicht eine fehlende KI-Pipeline, sondern der Klassiker in der Kreativbranche: Zeitdruck.

Mielgo machte dabei keinen Hehl daraus, dass er selbst kein KI-Guru ist. Er gibt zu, dass niemand genau weiß, wohin sich generative Systeme entwickeln. Trotzdem zieht er eine klare Grenze: Was eine Maschine nie ersetzen könne, sei der menschliche Drang, Kunst zu machen. Der Wunsch zu zeichnen, zu malen, Bewegungen zu choreografieren und Welten zu bauen, sei tief in den Menschen verankert. KI könne Werkzeuge liefern oder Abläufe beschleunigen, aber nicht das Bedürfnis ersetzen, sich kreativ auszudrücken – weder bei ihm noch bei seinem Team.

Auf der anderen Seite steht ein Publikum, das sich in den letzten Jahren daran gewöhnt hat, überall KI zu vermuten. Jede Animation, die zu clean, zu surreal oder einfach „zu gut produziert“ wirkt, wird reflexartig als KI-Schund abgestempelt. Unter fast jedem Trailer finden sich Kommentare, die nach wenigen Sekunden Sichtung „KI“ schreien. Einige Fans von Marathon halten genau dagegen und argumentieren, dass aktuelle Modelle noch massive Probleme haben, einen konsistenten Stil über Minuten hinweg zu halten. Andere hingegen trauen großen Studios grundsätzlich zu, heimlich auf KI-Tools zu setzen – gerade dann, wenn Budget, Deadlines und Rendite im Nacken sitzen.

Diese Skepsis fällt nicht von Himmel. Generative Bild- und Video-Tools haben in kurzer Zeit enorm zugelegt. Hände, Ohren, Schmuck, Lichtstimmungen – all die klassischen Schwachpunkte – werden immer besser getroffen. Gleichzeitig fehlen klare Regeln, die Studios zwingen würden, KI-Anteile transparent zu kennzeichnen. Viele Nutzerinnen und Nutzer sind deshalb in einen Detektivmodus gerutscht: Sie zoomen in jede auffällig perfekte Szene, zählen Finger und checken Ohrringe. Prominente wie Keanu Reeves sollen Berichten zufolge monatlich viel Geld ausgeben, um Deepfake-Accounts auf TikTok und in Meta-Diensten löschen zu lassen. Die Grenze zwischen gefilmtem Material, klassischer Animation und generiertem Content verschwimmt von Tag zu Tag stärker.

Im Fall Bungie kommt noch eine eigene Vorgeschichte hinzu. Frühere Plagiatsvorwürfe rund um Konzeptgrafiken zu Marathon haben bereits Vertrauen gekostet. Für manche Community-Mitglieder ist deshalb jeder neue Trailer mit einem Fragezeichen versehen. Wenn ein Studio in den Augen vieler schon zu stark von fremden Stilen „inspiriert“ war, ist die Hemmschwelle gering, den nächsten Schritt – KI – zu unterstellen, selbst wenn der Regisseur das Gegenteil beteuert. Für diese Kritikerinnen und Kritiker ist die eigentliche Frage weniger „KI oder nicht KI?“, sondern „Wie ernst nimmt Bungie künstlerische Integrität überhaupt noch?“.

Parallel dazu steht Marathon als Spiel unter Druck. Der Titel setzt auf das Extraction-Shooter-Genre, das etliche Spielerinnen und Spieler mittlerweile als übersättigt empfinden. Ein nicht kleiner Teil der Bungie-Fans sehnt sich nach einer fokussierten Singleplayer-Kampagne ohne Loot-Spirale und Live-Service-Struktur. In diesem Lager überdeckt der Frust über die Achterbahnfahrt von Destiny 2 und interne Umbrüche bei Bungie den Wow-Faktor der Cinematic. Dass der Release von ursprünglich September 2025 auf 2026 verschoben wurde, nachdem Feedback aus Playtests eingearbeitet werden soll, wirkt aus dieser Perspektive wie ein weiteres Warnsignal.

Die wirtschaftliche Lage macht die Situation noch sensibler. Sony hat bereits bestätigt, dass Bungie mit Destiny 2 wichtige Ziele bei Umsatz und User Engagement verfehlt hat, was in einen Abschreibungsbetrag von rund 200 Millionen US-Dollar mündete. Vor diesem Hintergrund ist Marathon nicht einfach ein neues Projekt, sondern ein Gradmesser dafür, wie tragfähig Bungies Zukunft jenseits von Destiny ist. Wenn ausgerechnet der zentrale, aufwendig produzierte Reveal-Film von Teilen der Community als seelenloser KI-Müll verunglimpft wird, trifft das nicht nur die Laune des Art-Teams, sondern das gesamte Narrativ um die kreative Stärke des Studios.

Auffällig an der Debatte ist vor allem der Abstand zwischen Aufwand und Wahrnehmung. Ein Acht-Minuten-Film, an dem über hundert Leute monatelang gearbeitet haben, kann heute mit einem einzigen zynischen Kommentar auf „KI slop“ reduziert werden. Kritik an Designentscheidungen, der Wunsch nach anderem Gameplay oder Abneigung gegen den Service-Charakter – all das sind legitime Diskussionen. Aber die pauschale Unterstellung, alles Ungewohnte oder Unbequeme sei automatisiert, erstickt differenzierte Gespräche über Stil, Referenzen, Ethik und Urheberrechte im Keim. Und sie trifft ausgerechnet die Menschen, die viele eigentlich vor Automatisierung schützen wollen.

Die Marathon-Cinematic markiert damit einen sehr modernen Konfliktpunkt: Zwischen handwerklichem Stolz und digitaler Paranoia, zwischen wirtschaftlichem Druck und künstlerischem Anspruch. Für Bungie ist sie eine Prüfung, ob das Studio dem eigenen Ruf als Kreativschmiede noch gerecht werden kann. Für Alberto Mielgo ist es ein weiteres Statement, dass aufwändige, handgemachte Animation im AAA-Bereich noch existiert. Und für Spielerinnen und Spieler ist es ein Spiegel, der zeigt, wie sie inzwischen auf große Produktionen schauen: Sehen sie darin noch menschliche Arbeit – oder nur potenzielles Output eines Prompts? Marathon muss sich deshalb nicht nur als Extraction Shooter und neue Marke beweisen, sondern auch als Erinnerung daran, dass hinter Neonlichtern, Metall und digitalem Blut immer noch Menschen sitzen, nicht nur Code.

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