Mia Goth stand dem Marvel-Universum schon deutlich näher, als vielen bewusst ist. Es ging nicht nur um Telefonate, Zoom-Calls oder kryptische Casting-Gerüchte: Die Schauspielerin wurde nach Atlanta eingeflogen, betrat eine Marvel-Bühne, spielte Szenen mit Mahershala Ali, trug ein komplettes Kostüm – und bekam eine eigens vorbereitete Perücke im Stil der 1920er-Jahre aufgesetzt. Im Spiegel blickte sie auf eine Version von Blade, die es so nie geben wird: Jazz-Ära, Unterwelt-Flair, ein Daywalker, der sich durch Rauchschwaden und Flüsterkneipen schlägt. 
Für einen kurzen Moment schien dieser ungewöhnliche Reboot mehr als nur eine Idee.
Im Podcast von Josh Horowitz erzählte Goth, wie weit die Sache tatsächlich war. Sie sprach von einem Chemistry-Read mit Mahershala Ali, von Kostümproben, Wig-Fittings und der Aufregung, wenn ein Projekt plötzlich greifbar wird. Ali habe einen sehr eigenen, spannenden Zugang zur Figur gehabt – ruhiger, bedrohlicher, mit viel innerer Spannung – und genau das habe sie begeistert. Und dann, so beschreibt sie, habe sich alles „leider einfach wieder aufgelöst“. Keine große Skandal-Meldung, kein dramatisches Statement, sondern dieses typische Hollywood-Geräusch, wenn ein Projekt schleichend auseinanderfällt.
Gerade der verworfene 1920er-Ansatz lässt Fans bis heute nicht los. Vorgesehen war eine Geschichte mitten in der Prohibitionszeit, zwischen speakeasies, Gangstern, Big Bands und dekadenten Eliten. Man muss nicht viel Fantasie haben, um Blade in einem Hinterzimmer zu sehen, wie er Vampir-Bosse zwischen Zigarettenrauch und Jazz-Lines ausschaltet. Für einen Teil des Publikums klang das nach Traumprojekt, andere hätten sich lieber eine grobkörnige 1970er-Version im Stil der frühen Comics gewünscht – mit dreckiger Großstadt, Neonlichtern und Exploitation-Energie. Hinter den unterschiedlichen Wünschen steckt aber derselbe Frust: Eigentlich ist die Blade-Formel klar – starker Antiheld, dichter Vampir-Mythos, Action mit Horror-Kante – und trotzdem bekommt Hollywood sie nicht auf die Reihe.
Wie konkret dieser gescheiterte Anlauf war, zeigt auch der Umgang mit den Kostümen. Es wurden nicht nur zwei, drei Looks für die Hauptfiguren gebaut, sondern komplette Garderoben für Statistinnen und Statisten: Kleider, Anzüge, Mäntel, Hüte, alles auf die 1920er zugeschnitten und drehbereit. Als Marvel den Kurs änderte, verschwand dieses Material nicht einfach im Lager, sondern fand ausgerechnet in einem anderen Vampirfilm ein neues Zuhause: in Ryan Cooglers Sinners. Ausgerechnet die Klamotten eines nie realisierten Blade landeten also in einer ganz anderen Vampirgeschichte – fast wie ein kleines Spukdetail aus einem Meta-Film.
Die Episode reiht sich ein in eine inzwischen frustrierende Historie. Marvel kündigte den neuen Blade 2019 an und stellte Mahershala Ali als neuen Daywalker vor, als moderne Antwort auf die Kultfigur von Wesley Snipes. Auf dem Papier sah alles perfekt aus: ein zweifacher Oscarpreisträger, ein bekannter Name, die Chance, dem MCU eine dunklere, erwachsenere Ecke zu geben. In der Realität rutschte das Projekt in klassischen Development-Hell-Modus: Drehbücher wurden neu geschrieben, kreative Richtungen geändert, Regisseure kamen und gingen. 2024 verabschiedete sich Yann Demange leise aus dem Projekt, kurz darauf verschwand Blade ganz aus dem offiziellen Marvel-Releasekalender.
Studioboss Kevin Feige hat inzwischen offen eingeräumt, dass das Skript bereits mehrere Fassungen hinter sich hat, darunter gleich zwei Period Pieces, bevor man wieder in der Gegenwart landete. Früher verließ sich Marvel gerne darauf, ein „solides“ Drehbuch durch Dreharbeiten, Nachdrehs und Feinschliff im Schnitt zu einem „sehr guten“ Film zu machen. Im Fall von Blade hatte man offenbar das Gefühl, dass dieses Sicherheitsnetz nicht reicht: Die Figur sei zu wichtig, Mahershala Ali zu groß, um einfach mit einem „okayen“ Buch loszulegen und unterwegs zu improvisieren.
Auf dem Papier klingt das nach Qualitätsanspruch. In der Realität wirkt es auf viele Fans wie blanke Unsicherheit. Mia Goth selbst sagt, sie habe keinerlei Einblick in den aktuellen Stand und wisse nicht, warum alles so lange dauert. Sie habe den Eindruck, dass Marvel den Film machen wolle und seinen Stellenwert verstehe, aber konkrete Informationen bekomme sie nicht. Für Schauspielerinnen und Schauspieler ist so ein Schwebezustand Gift: Man investiert Zeit und Emotionen, baut sich innerlich eine Figur und eine Filmwelt, probiert Kostüme – und am Ende bleibt nur ein Gerücht zurück, das irgendwann wieder aus dem Newsfeed rutscht.
In der Community wird die Geschichte deshalb mit einer Mischung aus Sarkasmus und echter Verärgerung kommentiert. Die einen witzeln, dass nur die Perücke von Mia Goth schneller auseinandergefallen sei als Marvels Plan für die Zeit nach Endgame. Andere nennen das Ganze einen „Teppichzieher“: Kaum fangen Fans an, sich ernsthaft auf einen ungewöhnlichen Ansatz zu freuen, wird er ihnen unter den Füßen weggezogen. Hinter der Ironie steht aber eine klare Beobachtung: Blade braucht keine Multiversums-Akrobatik und keinen überkomplizierten Metaplot. Der Charakter funktioniert, wenn er klare visuelle Kante, kompromisslose Action und eine glaubwürdige, düstere Welt bekommt.
Verstärkt wird der Frust durch den Zustand des MCU insgesamt. Seit Avengers: Endgame hat Marvel dieses Gefühl eines „Masterplans“ nie wieder wirklich herstellen können. Die Multiverse-Phase brachte zwar Experimente, Tonwechsel und ein paar echte Highlights, aber eben auch viel Chaos und Ermüdung. Jetzt zieht sich das Studio merklich auf Sicherheit zurück: neue Avengers-Filme, mehr Spider-Man, endlich die X-Men. In diesem Tableau wirkt Blade wie eine Baustelle, die man auf Präsentationen immer wieder erwähnt, in der Praxis aber ständig nach hinten schiebt.
Dazu kommt das Thema Ton und Altersfreigabe. Deadpool & Wolverine hat gerade erst bewiesen, dass Disney sehr wohl einen knallharten R-Rated-Blockbuster tragen kann, wenn die Marke dafür bekannt ist. Bei Blade müsste man dieses Terrain aber neu definieren: Es geht um eine Welt aus Blut, Nächten, Körpern, die zu Asche zerfallen, und einen Protagonisten, der Vampire ohne Zögern niedermacht. Viele Fans sind überzeugt, dass genau hier die Blockade sitzt – irgendwo zwischen dem Wunsch nach mehr Härte und dem Reflex, weiterhin möglichst viele Altersgruppen gleichzeitig abholen zu wollen.
Über all dem schwebt der Geist von Wesley Snipes. Seine Blade-Trilogie entstand lange vor dem MCU und hat trotzdem den Boden dafür bereitet, dass Comicverfilmungen überhaupt erwachsen, stylisch und brutal sein konnten. Das jüngste Cameo von Snipes in Deadpool & Wolverine hat diesen Mythos nur weiter befeuert: Ein lautstarker Teil der Fans will gar keinen neuen Darsteller, sondern lieber einen letzten, würdevollen Abschied im Stil von Logan, bevor man das Kapitel endgültig schließt.
Gleichzeitig gilt Mahershala Ali für viele als Traum-Besetzung: ein Darsteller, der mit einer Augenbraue mehr Ausdruck erzeugt als andere mit einer ganzen Monolog-Sequenz. In einer idealen Welt wäre die Kombination aus ihm und Mia Goth – einem der prägenden Gesichter des modernen Horrorkinos – ein Selbstläufer. Stattdessen wird die Blade-Saga zunehmend zum Beispiel dafür, wie ein Studio sich in Optionen, Neufassungen und Absicherungen verliert, bis der berühmte „Mut zur klaren Entscheidung“ komplett fehlt.
Zurück bleibt das Bild aus Atlanta: Mia Goth vor dem Spiegel, in eine 1920er-Perücke gesteckt, kurz davor, eine Version von Blade zu spielen, die nie gedreht wurde. Irgendwo in einem Fundus stapeln sich Kostüme für eine Jazz-Ära-Vampirgeschichte, die am Ende in einem anderen Film gelandet ist. Offiziell plant Marvel jetzt eine moderne Blade-Story, die eines Tages all das Warten rechtfertigen soll. Aber solange kein Drehbuch final ist, keine Tonlage festgeschrieben und keine Kamera läuft, bleibt der Daywalker in einem grellen Entwicklungslicht hängen – ausgerechnet dort, wo er sich am unwohlsten fühlt. Denn eigentlich gehört Blade in die Schatten.