
Nothing erklärt die umstrittene Funktion Lock Glimpse: Keine Werbung, sondern ein Experiment
In den letzten Tagen sorgte das Startup Nothing für heftige Diskussionen: Nutzer der Beta-Version von Nothing OS 4.0 auf dem Phone (3a) entdeckten plötzlich etwas, das nach Werbung auf ihrem Sperrbildschirm aussah. Für eine Marke, die sich mit einem klaren, werbefreien Design positioniert hat, war das ein kleiner Schock. Doch Nothing stellte schnell klar – das ist keine Werbung, sondern ein Testlauf einer neuen Funktion namens Lock Glimpse. Und: Sie ist komplett freiwillig.
Nachdem Screenshots in Foren und auf Reddit die Runde machten, brach ein Sturm los. Die Community fühlte sich verraten. Daraufhin meldete sich das Unternehmen mit einer ausführlichen Erklärung: Lock Glimpse sei ein optionales Feature, das „visuelle Inhalte und hochwertige Hintergrundbilder“ anzeigen könne, aber keine Anzeigen. Trotzdem blieb die Skepsis groß. Warum experimentiert ein Unternehmen, das sich Transparenz und Minimalismus auf die Fahnen geschrieben hat, ausgerechnet mit etwas, das so leicht mit Werbung verwechselt werden kann?
Warum Lock Glimpse überhaupt existiert: Die ehrliche Wahrheit über Kosten und Einnahmen
Nothing sprach in einer ungewöhnlichen Offenheit. Das Unternehmen gab zu: Smartphones zu entwickeln und herzustellen ist teuer – besonders für eine neue Marke ohne riesige Absatzmengen oder Software-Einnahmen. Anders als Samsung, Apple oder Xiaomi hat Nothing keine zusätzlichen Einnahmequellen durch App-Stores, Cloud-Dienste oder Werbung. Ihre Materialkosten sind höher, die Margen winzig. Um weiterhin faire Preise anzubieten, sucht Nothing nach „nachhaltigen Einnahmequellen“.
Diese sollen in zwei Richtungen gehen. Erstens: einige wenige vorausinstallierte Apps auf günstigeren Geräten – beispielsweise Instagram oder Spotify –, die sich jederzeit deinstallieren lassen. Zweitens: die neue Lock-Glimpse-Funktion. Sie soll den Sperrbildschirm lebendiger machen, indem sie wechselnde Bilder und „nützliche Inhalte“ anzeigt, ohne Nutzerdaten zu sammeln oder Werbung einzublenden. Ein Balanceakt zwischen Ästhetik und Geschäftsrealität.
Was Lock Glimpse kann – und was nicht
Nothing betont, dass Lock Glimpse standardmäßig deaktiviert ist. Nur wer es selbst aktiv einschaltet, bekommt den neuen Look. Der Dienst bietet neun Kategorien mit hochwertigen Hintergründen und kleinen Informationskarten. Nutzer können alles selbst anpassen: Themen wechseln, aktualisieren oder komplett abschalten. Persönliche Daten werden laut Nothing weder erfasst noch weitergegeben. In Zukunft soll es sogar möglich sein, eigene Fotos zu integrieren.
Im Kern ist Lock Glimpse also eher eine Art „visueller Inspirationsfeed“ als eine Werbefläche. Trotzdem bleibt der Beigeschmack: Sobald etwas auf dem Sperrbildschirm auftaucht, denken viele automatisch an Werbung – und das Vertrauen ist schnell dahin.
Zwischen Innovation und Vertrauensbruch
Man muss Nothing zugutehalten, dass sie offen kommunizieren. Sie sagen ehrlich, dass Hardware ohne zusätzliche Einnahmen kaum rentabel ist. Aber genau das ist der Punkt, an dem viele Nutzer nervös werden. Denn es gab schon Negativbeispiele: Amazon versuchte, mit „Prime Exclusive Phones“ Rabatte zu bieten, indem sie Werbung auf dem Sperrbildschirm anzeigten – der Plan scheiterte grandios. Auch Samsung kassierte jahrelang Kritik für Werbung in eigenen Apps und Benachrichtigungen. Beide Fälle zeigen: Sobald Werbung das Nutzererlebnis stört, geht Vertrauen verloren.
Bei Nothing ist der entscheidende Faktor die Freiwilligkeit. Solange Lock Glimpse ausgeschaltet bleibt, niemand getäuscht wird und alles transparent erklärt wird, dürfte das Experiment ohne größeren Schaden verlaufen. Doch das Risiko bleibt: Schon kleine Änderungen könnten aus einer „Option“ schnell einen Standard machen – und genau davor fürchten sich die Fans.
Transparenz als Kern der Marke
Nothing hat sich durch Offenheit und minimalistisches Design eine treue Fangemeinde aufgebaut. Der transparente Look der Geräte steht sinnbildlich für die Philosophie des Unternehmens. Mit Lock Glimpse testet Nothing, wie weit Innovation gehen darf, ohne die Grundwerte zu verraten. Sollte das Feature langfristig wirklich frei von Werbung bleiben, könnte es sogar als positives Beispiel gelten, wie man Nachhaltigkeit und Nutzerkontrolle verbindet. Doch wenn die Funktion irgendwann zur Einnahmequelle wird, droht der größte Vertrauensverlust in der jungen Unternehmensgeschichte. In einer Welt, in der alles monetarisiert wird, ist Ehrlichkeit vielleicht das letzte echte Alleinstellungsmerkmal.
1 kommentar
bitte bloß keine Samsung-mäßige Werbung überall 😬