Künstliche Intelligenz ist längst im Alltag angekommen – und Browser gehören inzwischen zu den spannendsten Spielwiesen. 
Mit einem großen Update für Opera auf Android will der Hersteller sein Mobilangebot näher an den KI-fokussierten Desktop-Browser Opera One heranführen. Ziel ist, dass der Browser auf dem Smartphone nicht mehr nur Seiten anzeigt, sondern sich wie ein kleiner Assistent verhält, der Inhalte versteht, zusammenfasst, übersetzt und erklärt, während man ganz normal im Netz unterwegs ist.
Im Mittelpunkt steht eine überarbeitete Funktion namens Ask AI, die direkt in die kombinierte Adress- und Suchleiste eingebaut wurde. Tippt man oben in die Leiste, kann man jetzt wählen, ob man eine klassische Websuche starten oder eine Frage an die KI schicken möchte. Dadurch entfällt der Umweg über separate Chatbots oder zusätzliche Apps. Wer einfach nur Links sehen will, bleibt bei der Standardsuche, wer eine ausformulierte Antwort bevorzugt, wechselt per Antippen zu Ask AI. Das wirkt unscheinbar, verändert aber den Ablauf beim Recherchieren sehr deutlich.
Gleichzeitig verwandelt Opera das Eingabefeld für Ask AI in einen Sammelpunkt für Dateien. Über das Plus-Symbol können Dokumente angehängt werden, die auf dem Android-Smartphone gespeichert sind. Unterstützt werden unter anderem PDF-Dateien, Office-Dokumente und Bilder. Diese werden an die KI geschickt, die den Inhalt dann übersetzen, zusammenfassen oder verständlicher erklären kann. Praktische Beispiele sind etwa ein Vertrag, den man als kurze Stichpunkte aufbereitet haben möchte, ein englischer Fachartikel, der in klaren, deutschsprachigen Sätzen erklärt werden soll, oder eine fotografierte Speisekarte aus dem Urlaub, die spontan übersetzt werden muss.
Wer gar nicht erst in Ordnern suchen will, kann ein Foto direkt aus dem Browser heraus aufnehmen und sofort an Ask AI senden. Der komplette Workflow – vom Abfotografieren bis zur Erklärung oder Übersetzung – spielt sich im gleichen Fenster ab. Es ist nicht mehr nötig, zwischen Kamera, Dateimanager, Übersetzer und Browser hin und her zu springen. Gerade auf einem kleinen Smartphone-Display ist diese Reduktion auf einen zentralen Einstiegspunkt ein spürbarer Komfortgewinn.
Spannend ist auch, dass die KI nun versteht, was gerade im aktuellen Tab zu sehen ist. Öffnet man das Drei-Punkte-Menü oben rechts und wählt Ask AI, hängt Opera den Inhalt der aktiven Seite automatisch an die Anfrage an. So kann der Assistent zum Beispiel Fachbegriffe aus einem langen Blogpost erklären, die Kernaussagen eines Testberichts als Pro-und-Contra-Liste destillieren oder eine ganze Seite in eine andere Sprache übertragen. Da der Kontext in der laufenden Unterhaltung erhalten bleibt, sind Nachfragen möglich, ohne ständig wieder die gleiche URL teilen zu müssen.
Im Alltag fühlt sich das wie eine moderne Neuauflage der alten Frageseiten aus den frühen 2000ern an – nur dass der digitale Helfer heute nicht mehr im luftleeren Raum antwortet, sondern exakt den Text kennt, den man gerade liest. Für viele Nutzerinnen und Nutzer, die unterwegs in der Bahn oder zwischen zwei Terminen nur wenig Konzentration übrig haben, kann diese zusätzliche Erklärschicht den Unterschied zwischen oberflächlichem Überfliegen und echtem Verständnis ausmachen.
Bei so viel Komfort rückt zwangsläufig die Frage nach Datenschutz und Kontrolle in den Vordergrund. Opera betont, dass die KI nur auf den Inhalt des aktiven Tabs zugreifen kann und nur dann, wenn Ask AI ausdrücklich verwendet wird. Der restliche Browserverlauf und andere offene Seiten sollen unangetastet bleiben. Laut Anbieter werden Eingaben und Seitenausschnitte verschlüsselt an eigene Server übermittelt und von dort an das jeweils passende KI-Modell weitergereicht – je nachdem, ob es eher um Übersetzung, Zusammenfassung oder freiere Antworten geht.
Die gespeicherten Informationen bleiben nach Angaben des Unternehmens maximal 30 Tage auf den Servern. In dieser Zeit dient der Verlauf dazu, längere Unterhaltungen fortzuführen und Antworten bei wiederkehrenden Themen zu beschleunigen. Anschließend sollen die Daten automatisch gelöscht werden. Opera versichert außerdem, dass diese Inhalte weder zum Training von Modellen noch für Werbeprofile oder andere Marketingzwecke eingesetzt werden. Am Ende bleibt jedoch wie immer die Frage, wie sehr man diesen Zusicherungen vertraut – ein Punkt, an dem sich die Community deutlich spaltet.
Auf der einen Seite stehen langjährige Opera-Fans, die den Browser auf mehreren Geräten einsetzen und längst akzeptiert haben, dass irgendein Dienst im Hintergrund immer mitliest. Für sie zählt in erster Linie der praktische Nutzen: ein schnelles Interface, ein integrierter Werbeblocker, eine Startseite, die sich mit Kacheln und Ordnern flexibel anpassen lässt, und viele kleine Komfortfunktionen, die andere Browser so nicht bieten. Wenn der Browser den Alltag merklich erleichtert, tritt die Frage, welcher Konzern im Detail welche Daten auswertet, in den Hintergrund.
Auf der anderen Seite gibt es Nutzerinnen und Nutzer, die zuerst auf Eigentümerstruktur und technische Basis achten. Dass Opera mittlerweile zu einem chinesischen Investorenschwarm gehört und auf der Chromium-Plattform aufbaut, ist für diesen Teil der Community ein klares Warnsignal. In ihren Augen unterscheidet sich ein Großteil der modernen Browser nur noch darin, wer genau die Telemetrie auswertet und wie aggressiv sie monetarisiert wird. Sie schwören weiterhin auf Firefox mit eigener Engine und einem klaren Fokus auf Tracking-Schutz. Für diese Gruppe klingt die Idee, noch mehr KI-Funktionen direkt im Browser mitlaufen zu lassen, eher nach zusätzlichem Risiko als nach Gewinn.
Dazwischen liegt eine wachsende Menge von Menschen, die Opera eher als liebenswerten Außenseiter des Browsermarktes wahrnehmen. Mal gilt der Browser als fragwürdiges Nischenprodukt, mal wird er als Geheimtipp für Power-User gefeiert. In den sozialen Netzwerken pflegt Opera dazu ein bewusst chaotisches Meme-Image mit viel Selbstironie. Die neuen KI-Funktionen passen genau in dieses Bild: ein bisschen experimentell, ein bisschen polarisierend, aber definitiv anders als der Standard.
Gerade im Android-Bereich spielt auch die Erfahrung mit Opera Mini in diese Wahrnehmung hinein. Viele loben die Schnellwahlseite mit ihren Ordnern, die Möglichkeit, komplette Seiten für den Offline-Modus zu speichern, und die unten platzierte Tableiste, bei der man Tabs selten versehentlich schließt. Gleichzeitig häufen sich Beschwerden über eingebaute Werbeflächen, merkwürdige Wettanbieter-Links in der Schnellwahl und Downloads, die nur zuverlässig laufen, solange die App im Vordergrund bleibt. Das Ergebnis ist eine typische Love-Hate-Beziehung: Man regt sich regelmäßig auf, findet aber keinen anderen Browser, der alle Lieblingsdetails gleich gut abbildet.
Vor diesem Hintergrund wirkt der stärkere Fokus auf KI im Opera-Browser für Android wie der logische nächste Schritt. Opera spielt damit seine traditionelle Stärke aus, nämlich ein Funktionspaket zu bieten, das über das Minimum von Chrome und Co. hinausgeht. Wenn sich die Datenschutzversprechen im Alltag bewähren und Ask AI schnell, stabil und unaufdringlich bleibt, könnte genau diese Funktion zum Argument werden, den vorinstallierten Standardbrowser gegen Opera auszutauschen.
Das Update wird derzeit über den Google Play Store verteilt; wer die aktuelle Version von Opera für Android installiert, bekommt die neuen Ask-AI-Funktionen, den Datei-Upload und die Nutzung des Seitenkontextes automatisch dazu. Ob man das als sinnvolle Weiterentwicklung oder als verspätetes Comeback im Stil eines modernen Ask Jeeves empfindet, ist Geschmackssache. Klar ist nur: Der Browsermarkt ist endgültig in seiner KI-Phase angekommen – und Opera hat keine Lust, dabei nur Zuschauer zu sein.
1 kommentar
Ich bin echt gespannt, ob dieses Ask AI im Alltag besser ist als einfach ein separater KI-Chat im Browser-Tab. Wenn es flott reagiert und den Akku nicht frisst, könnte das für mich ein Argument Richtung Opera sein