
Grand Theft Employment? Proteste, Geheimnisverrat-Vorwürfe und die schwierige Grenze des Arbeitsaktivismus bei Rockstar
Am 6. November versammelten sich vor dem Take-Two House in London und dem Rockstar North-Büro in Edinburgh ehemalige Rockstar-Mitarbeiter, die kürzlich entlassen wurden. Gemeinsam mit der Independent Workers Union of Great Britain (IWGB) hielten sie Schilder hoch und forderten ihre Wiedereinstellung und Nachzahlung von Gehältern. Der Grund für ihre Entlassung: Sie wurden beschuldigt, vertrauliche Unternehmensinformationen öffentlich zugänglich gemacht zu haben. Die Situation wirft eine wichtige Frage auf, die nicht nur Rockstar betrifft: Wo endet legitime Gewerkschaftsarbeit und wo beginnt die Verletzung von Vertraulichkeit?
Was passierte und warum es wichtig ist
Berichten zufolge wurden zwischen 30 und 40 Mitarbeiter aus Großbritannien und Kanada entlassen, weil sie angeblich „vertrauliche Informationen in einem öffentlichen Forum verbreitet und diskutiert haben“. Viele der Entlassenen waren Mitglieder eines privaten Discord-Servers, der der Gewerkschaftsorganisation diente. Die Muttergesellschaft Take-Two bezeichnete die Entlassungen als „grobe Pflichtverletzung“ und betonte, dass dies nichts mit der Gewerkschaftsarbeit zu tun hatte. Der IWGB hingegen spricht von einem „offenen“ und „rücksichtslosen“ Versuch der Gewerkschaftsbekämpfung und betont, dass die einzigen Nicht-Rockstar-Teilnehmer des Servers Gewerkschaftsorganisatoren waren. Diese Unterscheidung ist der Dreh- und Angelpunkt des Konflikts: Für die Firma macht es den Chat öffentlich, für die Mitarbeiter war es ein privater Raum, um sich gegenseitig zu unterstützen.
Recht auf Gewerkschaftsarbeit vs. NDA: Die graue Zone
In Großbritannien und Kanada haben die Mitarbeiter grundsätzlich das Recht, über Löhne, Arbeitsbedingungen und Gewerkschaften zu sprechen. Gleichzeitig bestehen jedoch Vertraulichkeitsvereinbarungen (NDAs), die die Weitergabe von Unternehmensgeheimnissen verbieten. Der Konflikt entsteht nicht durch das Organisieren von Gewerkschaften, sondern durch die Art und Weise und mit wem dies geschieht. Wenn ein Gewerkschafts-Chat mit externen Personen in Bereiche vordringt, die als vertraulich gelten, kann das Unternehmen dies als Grund für eine Entlassung anführen. Umgekehrt wird der Gewerkschaft vorgeworfen, dass ihre Mitglieder lediglich über Arbeitsrechte und bessere Bedingungen gesprochen haben und nicht über vertrauliche Geschäftsinformationen.
Juristen werden auf Details schauen: War der Discord-Server wirklich privat? Wurden Informationen geteilt, die jeder als vertraulich erachten würde? Waren die Organisatoren an Vertraulichkeitsvereinbarungen gebunden? Wurden die Unternehmensrichtlinien konsequent angewendet oder zielte der Angriff auf Gewerkschaftsaktivisten? Diese Fragen werden nicht schnell beantwortet, sondern in juristischen Dokumenten und Protokollen geklärt.
Stimmen von der Straße und aus dem Vorstand
Bei den Protesten wurde von entlassenen Mitarbeitern berichtet, dass sie „ohne Vorwarnung“ und „ohne eine Möglichkeit zur Verteidigung“ entlassen wurden. Ihre Sichtweise: Der Server wurde genutzt, um sich gegenseitig zu unterstützen und zu verstehen, wie man das Arbeitsumfeld verbessern kann, ohne dem Unternehmen zu schaden. Der IWGB wirft dem Management vor, dass es lieber Gewerkschaften unterdrückt, als sich um Verzögerungen bei GTA 6 zu kümmern und das Vertrauen der Fans zu bewahren. Die Muttergesellschaft Take-Two bleibt jedoch bei der Argumentation, dass die Entlassungen aufgrund von „Verstößen gegen die Unternehmensrichtlinien“ erfolgt sind und nichts mit Gewerkschaftsaktivitäten zu tun hatten.
Die Sicherheitslage: Nach den GTA 6-Leaks
Rockstar hat in den letzten Jahren ein großes Interesse an Sicherheit gezeigt. 2022 gab es einen massiven Leak von GTA 6-Materialien, und im darauffolgenden Jahr wurde der erste Trailer von GTA 6 viel zu früh veröffentlicht. Die Unternehmensleitung bezeichnete diese Vorfälle als „äußerst bedauerlich“ und betonte, dass die Sicherheit nach diesen Vorfällen noch weiter verstärkt wurde. Letztes Jahr forderte Rockstar seine Mitarbeiter dazu auf, fünf Tage die Woche ins Büro zu kommen, um die Produktivität und Sicherheit zu erhöhen. Für viele Mitarbeiter fühlte sich dies wie ein gebrochenes Versprechen an; für das Management war es jedoch notwendig, um die Geheimhaltung zu wahren. In einem solchen Umfeld wird jede noch so kleine Verdächtigung, dass vertrauliche Informationen nach außen dringen, schnell und entschlossen behandelt.
Was ist ein „öffentlicher Raum“ im Jahr 2025?
Discord und ähnliche Plattformen wie Slack oder WhatsApp sind keine rechtlich geschützten „Privaträume“. Auch wenn ein Chat für die Teilnehmer privat erscheint, bedeutet das noch lange nicht, dass er auch im rechtlichen Sinne privat bleibt. Wenn Dritte an einem Gespräch teilnehmen, das sensible Themen berührt, kann das Unternehmen dies als „öffentlichen Raum“ betrachten. Gewerkschaften werden jedoch argumentieren, dass es für eine echte Gewerkschaftsbildung notwendig ist, dass auch externe Berater teilnehmen können und dass diese Kanäle moderiert und mit klaren Themen abgesichert werden müssen. Am Ende wird der Streit die rechtliche und organisatorische Frage aufwerfen, ob man einen privaten digitalen Raum für Gespräche nutzen kann, wenn auch Außenstehende (selbst Gewerkschaftsvertreter) daran teilnehmen.
Politik, Wahrnehmung und die öffentliche Meinung
Die Unterstützung der Proteste durch politische Persönlichkeiten, wie zum Beispiel die Schottischen Grünen, bringt zusätzliche Aufmerksamkeit auf den Fall. Für ein Unternehmen wie Rockstar, das mit jedem Schritt in den Medien steht, ist der Ruf von großer Bedeutung. Wenn die Öffentlichkeit das Unternehmen als „anti-Arbeiter“ wahrnimmt, kann das Vertrauen schnell schwinden. Auf der anderen Seite bevorzugen viele Spieler, dass die Entwicklung von GTA 6 geheim gehalten wird, um das Überraschungsmoment zu bewahren, und dass strenge Richtlinien notwendig sind, um diese Geheimhaltung zu wahren.
Wird GTA 6 dadurch verzögert?
Große Projekte wie GTA 6 überstehen in der Regel Turbulenzen. Teams werden umstrukturiert, Aufgaben neu verteilt, und Zeitpläne werden angepasst. Aber die Moral der Mitarbeiter ist ein wichtiger Faktor. Wenn Mitarbeiter in den Streik treten, sendet das ein Signal der Unzufriedenheit, das nicht ignoriert werden kann. Egal, wie die rechtlichen Verfahren ausgehen, Rockstar wird alles daran setzen, die Produktion wieder zu stabilisieren, um das geplante Veröffentlichungsfenster einzuhalten.
Was kommt als nächstes?
- Rechtliche Schritte und Verhandlungen: Einige der entlassenen Mitarbeiter könnten auf ungerechtfertigte Entlassung klagen. Auch wenn die Wiedereinstellung unwahrscheinlich ist, sind Abfindungen und Nachzahlungen möglich.
- Verschärfung der Unternehmensrichtlinien: Es ist zu erwarten, dass strengere Regeln für die Teilnahme von Dritten an internen Chats sowie verpflichtende Sicherheits- und Compliance-Schulungen eingeführt werden.
- Wachsendes Gewerkschaftsengagement: Der Fall könnte mehr Aufmerksamkeit auf Gewerkschaften lenken oder gleichzeitig mehr Mitarbeiter dazu bringen, sich aus Angst vor möglichen Repressalien zurückzuziehen.
- Öffentliche Kommunikation: Jede öffentliche Aussage hat nun doppelte Bedeutung – sowohl für die rechtliche Seite als auch für die Fans. Ein Fehltritt in einem dieser Bereiche könnte teuer werden.
Fazit
Dies ist nicht nur eine einfache Geschichte von „Verrätern vs. Gewerkschaften“. Es ist der Zusammenprall zweier Prinzipien: dem Recht der Arbeitnehmer, sich kollektiv zu organisieren, und der Verpflichtung von Unternehmen, ein Milliarden-Dollar-Produkt vor vorzeitigen Leaks zu schützen. Die endgültige Antwort wird nicht in Slogans auf Plakaten oder in einzeiligen Pressemitteilungen zu finden sein, sondern in Dokumenten, Protokollen, Zeugnissen und der Konsistenz in der Anwendung von Unternehmensrichtlinien. Wie auch immer der Fall ausgeht, eine Lektion ist bereits klar: Wenn man sich organisiert, sollte man sicherstellen, dass die digitalen Räume sicher und rechtlich abgesichert sind; wenn man Maßnahmen ergreift, muss man sie konsequent und transparent umsetzen, um genau das zu vermeiden, was man zu verhindern versucht.
Die Proteste in London und Edinburgh sind nur ein Vorgeschmack auf eine größere Frage, die der kreative Tech-Bereich noch beantworten muss: Wie schützt man Unternehmensgeheimnisse, ohne die Stimmen der Mitarbeiter zum Schweigen zu bringen? Die Antwort auf diese Frage wird nicht nur die Zukunft von Rockstar beeinflussen, sondern die gesamte Spielebranche.