Smart Rings galten lange als nette Beigabe: ein bisschen Schritte zählen, Schlaf tracken, Puls messen – fertig. Mit dem Galaxy Ring macht Samsung aber klar, dass dieses kleine Stück Technik eine deutlich größere Rolle spielen soll. Hinweise im Code der Galaxy-Ring-Manager-App deuten darauf hin, dass der Ring nicht nur Gesundheitsdaten liefern, sondern zum zentralen Controller für Galaxy XR und künftige smarte Brillen werden könnte. 
Wenn dieser Plan aufgeht, wäre das Galaxy Ring weniger Fitness-Gadget und mehr Fernbedienung für eine ganze XR-Welt.
Entwickler haben im App-Code eine vielsagende Textstelle entdeckt: „ring gesture for glasses“. So etwas schreibt man nicht aus Versehen in ein Produktiv-Repository. Die Formulierung legt nahe, dass Samsung aktiv daran arbeitet, Ringgesten direkt mit Funktionen auf einer Smart-Brille zu verknüpfen – intern oft als Galaxy Glasses gehandelt – und vermutlich auch mit dem Galaxy-XR-Headset. Da Samsung bereits bestätigt hat, dass seine XR-Plattform auf Android XR basiert, ist die Software-Grundlage für solche Experimente bereits vorhanden. Es fehlte bislang nur eine wirklich überzeugende Antwort auf die Frage: Wie steuert man das alles, ohne ständig wild in der Luft herumzufuchteln?
Genau hier wird es spannend. Während Headsets wie Galaxy XR über mehrere Kameras verfügen, die Hände und Gesten im Raum verfolgen können, soll die erste Generation von Samsungs smarter Brille Gerüchten zufolge auf solch aufwendiges Hand-Tracking verzichten. Der Fokus liegt eher auf einem leichten, alltagstauglichen Formfaktor, der deutlich näher an einer normalen Brille ist als an einem klobigen VR-Helm. Praktisch für Komfort und Style – aber wie navigiert man durch Menüs und Overlays, ohne permanent an der Bügel-Touchfläche herumzustreichen? Ein Ring, der feinste Bewegungen von Finger und Hand erkennt, könnte genau dieses Bedienproblem elegant lösen.
Samsung testet die Grundlagen bereits heute. Schon jetzt kann das Galaxy Ring einfache Aktionen auslösen, etwa einen Alarm stumm schalten oder den Kameraauslöser eines Galaxy-Smartphones per Geste betätigen. Diese eher simplen Use Cases sind der perfekte Einstieg, um später ein komplexeres Gestensystem für XR aufzubauen. Man stelle sich vor: Ein leichtes Zusammendrücken von Daumen und Zeigefinger markiert eine Auswahl im schwebenden Interface der Brille, eine Drehbewegung der Hand scrollt durch Listen oder zoomt hinein und hinaus. Ein doppeltes Tippen könnte Inhalte pausieren, ein anderes Muster den XR-Modus wechseln. Je nach Gerät – Headset, Brille, Smartphone – werden dieselben Grundgesten unterschiedlich interpretiert, bleiben für den Nutzer aber vertraut und konsistent.
Noch interessanter wird es, wenn man über XR hinausdenkt. In Patenten taucht das Galaxy Ring bereits als universeller Controller auf, der mit Smartphones, Tablets, Laptops und womöglich auch TV-Geräten und Smart-Home-Produkten interagiert. In einem typischen Haushalt mit mehreren Galaxy-Geräten könnte der Ring damit zur persönlichen Fernbedienung werden, die man nie verlegt. Präsentation starten, Folien weiterblättern, Lautstärke am Fernseher anpassen, Lichteinstellungen im Wohnzimmer ändern, Timer auf dem Tablet setzen – vieles davon ließe sich über unauffällige Ringgesten steuern, ohne dass man das nächstbeste Gerät in die Hand nehmen muss.
Parallel dazu verdichten sich die Hinweise auf Samsungs Zeitplan. Für 2026 ist ein erstes Modell smarter Brillen im Gespräch, vermutlich eher als „Companion-Brille“ zum Smartphone mit eingeblendeten Benachrichtigungen, einfachen Infos und ein paar praktischen Extras. Rund 2027 könnte dann eine zweite Generation folgen, diesmal mit vollwertigen AR-Displays, die digitale Inhalte direkt ins Sichtfeld einblenden. In beiden Phasen spielt das Galaxy Ring eine interessante Rolle: zunächst als bequemer, niedriger Einstieg in die Bedienung – perfekt für einfache Gesten statt komplizierter Controller –, später als präzises Interface für anspruchsvollere AR-Szenarien, in denen jede Bewegung zählt.
All das passiert in einem Markt, der noch weit davon entfernt ist, im Mainstream angekommen zu sein. XR steckt trotz großer Namen wie Apple Vision Pro und Buzzwords wie „Spatial Computing“ noch immer in einer Art Suchphase. Headsets sind teuer, schwer und gesellschaftlich noch nicht wirklich „normalisiert“. Smarte Brillen sind dezenter, bleiben aber häufig funktional eingeschränkt. Ein Smart Ring allein wird diese strukturellen Probleme nicht lösen, kann aber eine der nervigsten Hürden deutlich absenken: die Bedienung. Je natürlicher sich Interaktion anfühlt, desto weniger wirkt XR wie ein Tech-Demo, die man nur seinen Freunden zeigt, sondern wie ein Werkzeug, das man tatsächlich im Alltag verwendet.
Dazu kommt ein emotionaler Aspekt, den man nicht unterschätzen sollte. Ringe sind kulturell aufgeladen: Sie stehen für Beziehung, Status, Zugehörigkeit, persönliche Geschichte. Wenn ein Ring plötzlich auch der Schlüssel zu deinem digitalen Leben wird, fühlt sich Technologie weniger wie ein Fremdkörper an. Statt auffälliger Controller oder großer Gesten im Raum nutzt man kleine, fast intime Bewegungen, die nur man selbst und das Ring-Sensoriksystem wahrnehmen. Das ist eine völlig andere Anmutung als das klassische Bild des VR-Nutzers, der mit Plastik-Controllern fuchtelt und abgeschottet von seiner Umwelt wirkt.
Auch wer XR bislang skeptisch gegenübersteht, kann erkennen, warum Samsungs Ansatz Sinn ergibt. Der Konzern baut seit Jahren an einem eng verwobenen Ökosystem: Galaxy-Smartphone, -Watch, -Buds, Tablets, Laptops, TV, jetzt XR-Headset und smarte Brille – und mittendrin ein Ring, der alles miteinander verbindet. Gelingt es Samsung, aus der unscheinbaren Codezeile „ring gesture for glasses“ ein stabiles, intuitives Feature zu machen, könnte das Galaxy Ring in ein paar Jahren als eines der einflussreichsten Eingabegeräte der nächsten Tech-Generation gelten.
Ob XR am Ende wirklich „das neue Smartphone“ wird oder eher eine Premium-Nische für Enthusiasten bleibt, ist offen. Aber selbst im zweiten Fall hat die Idee eines kleinen Rings, der still und leise Displays, Menüs und virtuelle Fenster orchestriert, einen großen Reiz. Je weniger sichtbar die Technologie ist und je besser sie sich an unseren Alltag anpasst, desto mächtiger wird sie. Das Galaxy Ring könnte genau in diese Kategorie fallen: ein Gadget, das sich nicht in den Vordergrund drängt, aber im Hintergrund die Art verändert, wie wir mit unserem digitalen Universum interagieren.
1 kommentar
Je kleiner das Gadget und je größer die Kontrolle, desto futuristischer – ich feier die Richtung echt