Jahrelang drehte sich der Technik-Hype um das Smartphone in der Hosentasche. Doch langsam verschiebt sich die Action ein paar Zentimeter nach oben – direkt auf unsere Nase. Immer mehr Hinweise sprechen dafür, dass die nächste große Plattform nicht mehr ein Rechteck aus Glas ist, sondern eine Brille: schlank, immer online und tief mit KI verknüpft. 
Genau hier setzt eine neue Welle von Gerüchten an: Samsung soll gleich zwei Generationen von KI-Smartbrillen planen, Apple feilt angeblich an eigenen Modellen, und Meta verkauft mit seinen Ray-Ban-Brillen schon heute, woran andere noch im Labor schrauben. Kein Wunder, dass viele sich fragen, wer hier eigentlich wem hinterherläuft.
Wie glaubwürdig sind die Samsung-Gerüchte?
Die Informationen rund um Samsungs Brillenpläne stammen vor allem aus einem koreanischen Gerüchteblog, der seit Jahren Fetzen aus der Lieferkette einsammelt. Solche Quellen liegen manchmal erstaunlich richtig, manchmal aber auch krachend daneben. Bevor man also über Codenamen und Spezifikationen diskutiert, lohnt ein kurzer Realitätscheck.
- Gesamtbewertung: ungefähr 50 Prozent plausibel. Es gibt Rauch, aber das Feuer ist noch nicht bewiesen.
- Quellenlage: etwa 2 von 5 Punkten. Wir reden über indirekte Hinweise, keine offiziellen Roadmaps oder Ankündigungen.
- Bestätigung: ebenfalls rund 2 von 5. Es gibt mehrere Echos, aber noch kein klares Bild aus unabhängigen Richtungen.
- Technische Machbarkeit: solide 3 von 5 Punkten. Alles, was beschrieben wird, ist mit heutiger Hardware machbar – die Schwierigkeit liegt im Miniaturisieren.
- Zeitplan-Vertrauen: etwa 3 von 5. Die Jahre 2026 und 2027 klingen vernünftig, doch gerade bei AR- und VR-Produkten sind Verzögerungen eher Regel als Ausnahme.
Unterm Strich: Das Szenario wirkt nicht aus der Luft gegriffen, aber noch lange nicht in Stein gemeißelt. Wer hier schon jetzt mit absoluter Sicherheit argumentiert, übertreibt.
Zwei Stufen zum Brillen-Ökosystem: erst KI, dann AR
Spannend ist vor allem die angebliche Strategie dahinter. Samsung soll nicht direkt mit einer vollwertigen AR-Brille starten, sondern in zwei Schritten vorgehen. Schritt eins: ein Modell mit dem Codenamen SM-O200P, angepeilt für 2026. Diese Brille wäre eher ein «AI-First»-Gerät als eine klassische AR-Plattform. Sie soll laut Berichten automatisch abdunkelnde Gläser für Sonnenlicht besitzen, Mikrofone, Sensoren und Funk – aber keinen dedizierten AR-Bildschirm, der das komplette Sichtfeld überlagert.
Die Bedienung würde sich stark um Sprache und KI drehen. Statt ständig das Smartphone aus der Tasche zu ziehen, spricht man einfach mit dem Assistenten: Antworten diktieren, Nachrichten zusammenfassen lassen, schnell ein Foto oder ein kurzes Video aufnehmen, sich eine Route erklären lassen, Infos zu einem Ort abrufen – ohne je ein Display anzustarren. Im Kern wäre das eine logische Verlängerung von dem, was heutige In-Ear-Kopfhörer und Sprachassistenten schon können, nur eben direkt im Gestell.
Die zweite Stufe, für 2027 gehandelt, soll dann deutlich ambitionierter sein. Diese Version würde laut Gerüchten einen integrierten AR-Display bekommen, der Inhalte direkt ins Sichtfeld einblendet – vom einfachen Text über Mini-Apps bis hin zu Kameravorschau und smarter Fotofunktion. Musik hören, telefonieren, Benachrichtigungen sehen und gleichzeitig von generativer KI unterstützt werden: Die Brille würde damit vom reinen Assistenten zur vollwertigen Computer-Plattform auf dem Gesicht. Gelingt dieser Schritt, wäre die erste Generation im Rückblick vor allem ein großangelegter Feldtest.
Apple zwischen Vision Pro und leichten KI-Brillen
Wo Samsung ist, ist Apple in der öffentlichen Wahrnehmung nie weit. Tatsächlich hat Apple mit dem Vision Pro schon einen starken Aufschlag im Bereich Mixed Reality gemacht – allerdings mit einem Preis von rund 3.499 US-Dollar, einem komplexen Headset und einem klaren Fokus auf Entwickler und Early Adopter. Lange Zeit kursierte die Idee eines günstigeren und leichteren Vision Pro Air. Doch genau hier soll ein Teil der Pläne ins Stocken geraten sein, unter anderem weil ein speziell geplanter Mikrodisplay von Samsung (Projekt G-VR) angeblich nie marktreif wurde.
Statt sich weiter ausschließlich auf Headsets zu konzentrieren, soll Apple nun verstärkt an schlanken KI-Brillen arbeiten. Diese würden – so die Berichte – ebenfalls um 2026 herum anpeilen, Kameras, Mikrofone und Lautsprecher in einem vergleichsweise unauffälligen Gestell vereinen und tief mit einer weiterentwickelten Version von Siri verzahnt sein. Szenarien reichen von freihändigen Benachrichtigungen über Live-Übersetzungen bis hin zu einem Assistenten, der Kontext versteht, statt nur auf Stichworte zu reagieren.
Ganz entscheidend: Auch bei Apple wird für die erste Generation nicht mit einem vollwertigen AR-Display gerechnet. Genau wie Samsungs angebliche 2026-Brille wären das eher «smarte KI-Brillen» als Sci-Fi-Hologrammgeräte. Erst später, wenn Technik, Energieeffizienz und Design soweit sind, könnte daraus ein echtes AR-Headset im Brillenformat werden.
Meta Ray-Ban Display: die Zukunft, die es schon zu kaufen gibt
Während Samsung und Apple noch an ihren ersten Generationen feilen, spielt Meta bereits in einer anderen Liga: im Handel. Die aktuellen Ray-Ban-Smartbrillen der Facebook-Mutter kombinieren ein relativ klassisches Sonnenbrillen-Design mit viel Technik im Inneren. Bis zu acht Stunden gemischte Nutzung, ungefähr zwei Stunden intensiver KI-Einsatz, Videoaufnahme in 3K und ein Noise-Cancelling-Modus namens Conversation Focus, der Gespräche besser herausfiltern soll – all das steckt in Modellen, die auf den ersten Blick aussehen wie normale Ray-Ban.
Mit den Ray-Ban Display legt Meta eine Schippe drauf. Hier sitzt ein Display direkt in der Brille, groß genug, um Text zu lesen, kurze Clips anzusehen, Navigationspfeile zu verfolgen oder Live-Übersetzungen einzublenden. Laut Angaben erreicht das System 42 Pixel pro Grad Gesichtsfeld – mehr als die üblichen Consumer-VR-Headsets von Meta – und bis zu 5.000 Nits Helligkeit durch eine Kombination aus speziellem Lichtmotor und Waveguide-Optik. Ergebnis: Inhalte bleiben sowohl im Büro als auch in der prallen Sonne erkennbar.
Als besonderes Bedienelement kommt der Meta Neural Band ins Spiel, ein Armband, das über Elektromyografie Nervensignale im Unterarm misst. So lassen sich Menüs mit kaum sichtbaren Fingerbewegungen steuern, statt mit ausladenden Gesten herumzufuchteln. Das Ganze startet bei rund 799 US-Dollar – also teuer, aber nicht völlig außerhalb dessen, was viele heute schon für Smartphone plus Smartwatch ausgeben.
Wer bestimmt die Richtung – Samsung, Apple oder Meta?
Genau an dieser Stelle wirkt die einfache Formel «Samsung folgt Apple» ziemlich kurz gegriffen. Fakt ist: Apple hat bislang keine Smartbrille für Endkunden im Regal, während Meta schon bei der zweiten Generation mit Display ist. In Wirklichkeit scheinen Samsung und Apple eher auf denselben Druck von außen zu reagieren: die Angst, dass Meta ihnen den nächsten großen Interface-Wechsel vor der Nase wegschnappt.
Nimmt man die kolportierten Zeitpläne ernst, dann wird ein echter AR-Konkurrent zu Metas Ray-Ban Display von Samsung oder Apple frühestens 2027 aufschlagen. Das gibt Meta ungefähr zwei Jahre Luft, um Hardware und KI weiter zu schleifen, Alltagsszenarien zu testen und das Produkt schrittweise vom Nerd-Gadget Richtung Mainstream zu schieben. Samsung und Apple geraten damit in eine doppelte Konkurrenzsituation: gegeneinander – und gleichzeitig gegen einen Player, der längst im Feld experimentiert, statt nur in PowerPoint-Folien.
Harte Grenzen bei Hardware – und bei Menschen
Selbst wenn jedes Detail der Leaks stimmt, bleiben große Fragezeichen. Smartbrillen müssen leicht sein, dürfen nicht zu heiß werden, sollen idealerweise einen Arbeitstag durchhalten und trotzdem so aussehen, dass man sich damit in der U-Bahn nicht verkleidet vorkommt. Ein helles AR-Display verschärft all diese Punkte: Es frisst Energie, macht die Optik komplexer und drückt die Ingenieure um jeden Millimeter Gehäuse.
Dazu kommen die weichen Faktoren: Privatsphäre, soziale Normen, Regulierung. Schon heute reagieren Menschen empfindlich, wenn jemand sie ungefragt mit dem Handy filmt. Was passiert, wenn plötzlich überall Kameras in Gestellen stecken, teilweise ohne klare Signalisierung, ob gerade aufgenommen wird? Wo werden die Daten gespeichert, wer wertet sie aus, welche Grenzen setzen Gesetze – und welche setzt die Gesellschaft freiwillig? Solche Fragen können Launches verzögern oder Features ausbremsen, selbst wenn die Technik längst soweit wäre.
Ein Vorgeschmack auf den Alltag nach dem Smartphone
Trotz aller Unsicherheiten zeichnet sich eine Linie klar ab. Egal, ob am Ende Samsung, Apple, Meta oder ein ganz neuer Player vorne liegt: Die Branche arbeitet mit Hochdruck an dem Moment, in dem unser wichtigstes Gerät nicht mehr in der Hand liegt, sondern im Brillenetui. Die ersten Generationen werden holprig sein – mit kurzen Akkulaufzeiten, Softwaremacken und Momenten, in denen man sich mit der Technik einfach unwohl fühlt. Gleichzeitig steckt darin enormes Potenzial.
Stellen wir uns nur ein paar Szenarien vor: Navigationshinweise schweben direkt über der Straße, Untertitel übersetzen ein Gespräch in Echtzeit, ein Assistent flüstert den Namen des Kollegen, der gerade auf einen zukommt, und filtert nebenbei Benachrichtigungen so, dass nur das wirklich Wichtige durchdringt – alles, ohne ein Display anzuschalten. Genau um diese Art von Alltag konkurrieren Samsungs mutmaßliche SM-O200P-Brille, Apples KI-Glasses-Pläne und Metas Ray-Ban Display schon heute. Noch ist offen, wer das Rennen macht – aber dass es stattfindet, ist kaum mehr zu übersehen.
1 kommentar
Mein größter Zweifel: Bekommen sie das Design jemals so hin, dass es wie normale Brillen aussieht? Sonst bleibt es ein Spielzeug für Nerds und nicht für den Alltag