The Flyback war noch nie einfach nur eine Liste neuer Referenzen, sondern eher eine kleine Momentaufnahme davon, wie verrückt und kreativ die Uhrenwelt im Jahr 20xx geworden ist. In dieser Ausgabe ist das besonders deutlich: Wir starten mit einem Dresswatch, der auf dem Zifferblatt erklärt, wie viel Hemdmanschette man zeigen darf, springen zu einem frischen Flieger-GMT aus Pforzheim, landen bei einem neonhellen Taschenuhr-Projekt für die britische Uhrenallianz, drehen eine Runde über einen schlanken Schweizer Regulator – und enden bei einem Einzelstück von Parmigiani, das eher nach höfischem Geschenk als nach Produktlaunch aussieht. Kurz gesagt: Von „bezahlbar und bodenständig“ bis „reine Fantasie“ ist heute alles im Programm.
Den Auftakt macht der Raymond Weil Toccata Heritage x seconde/seconde/. 
Wer jemals in Foren die endlosen Diskussionen über Dresswatches verfolgt hat – Durchmesser, Bauhöhe, wie weit der Uhrkopf unter die Manschette rutschen muss – wird sich hier schmunzelnd wiederfinden. Die rechteckige 33×38-mm-Uhr wirkt auf den ersten Blick klassisch und brav, doch der Zifferblattdruck ist alles andere als brav. Eine senkrechte Skala zeigt, wo die Hemdmanschette idealerweise enden sollte: von „locker, Büro tauglich“ bis „formell, bitte keine Experimente“. Im Grunde ist das ein kleiner Etiketten-Kurs, direkt dort, wo man ihn braucht. Auf dem Boden geht der Spaß weiter: Eine Gravur fordert den Träger augenzwinkernd auf, die Uhr zum Aufziehen unbedingt abzulegen – und das bitte möglichst dramatisch mitten im Gespräch. Hinter der Ironie steckt aber eine ernstzunehmende Uhr: Der Handaufzugskaliber RW4100 bietet rund 45 Stunden Gangreserve, und mit nur 50 Exemplaren bleibt die Auflage deutlich im Sammlerbereich. Die Botschaft ist klar: Dresswatches müssen kein steifes Relikt vergangener Jahrzehnte sein, sie dürfen heute ruhig auch über sich selbst lachen.
Von der Cocktailparty geht es direkt ins Cockpit
. Die VIIS Flieger GMT ist das Debütmodell von VIIS, der neuen Marke von Leonie und Josip Kožul, gefertigt in Pforzheim – einer Stadt, in der seit Jahrzehnten Gehäuse, Zifferblätter und Komponenten für halbe Europa entstehen. Optisch nimmt der Flieger GMT das klassische Flieger-B-Layout auf, also Minuten außen, Stunden innen, und übersetzt es in eine sehr zeitgemäße Form. Das 42-mm-Gehäuse aus 316L-Edelstahl ist überwiegend satiniert, nur an wenigen Kanten blitzt eine polierte Fase auf. 
Dadurch wirkt die Uhr robust und utilitaristisch, ohne grob oder klobig zu sein. Mit 13,4 mm Bauhöhe, doppelt gewölbtem Saphirglas und 100 m Wasserdichtigkeit ist sie weniger Vitrinenstück, sondern klar als Alltagswerkzeug gedacht – ein Flieger, der auch Regen, Gepäckband und Schreibtischkante klaglos mitmacht.
Das Zifferblatt folgt der gleichen Logik: maximale Ablesbarkeit, minimale Spielerei. Große Pilotenzeiger, klare Minuten-Skala, ein sauberes 24-Stunden-Kapitelring und eine markant gefärbte GMT-Zeiger-Spitze, die einmal pro Tag den Kreis dreht. Farbtupfer in Orange und reichlich Super-LumiNova BGW9 sorgen dafür, dass man auch bei Dämmerung, Nachtflug oder frühem Pendlerzug auf einen Blick sieht, wie spät es ist. Angeboten wird die Uhr in drei Varianten, die fast drei Charaktere darstellen: Levante (weiß, hell, technisch), Velebit (schwarz, nüchtern, Werkzeug pur) und Adriatic (blau, sportlich mit einem Hauch Meer). Alle kommen an einem kernigen Lederband mit Doppelnaht in abgestimmter Farbe – optisch simpel, am Handgelenk sehr stimmig. Im Inneren arbeitet der Miyota 9075, ein moderner „Traveller-GMT“, bei dem die Stundenzeiger unabhängig verstellt werden kann. In Enthusiastenkreisen wird der 9075 gerne schon halb ironisch als „ehrwürdiger“ GMT bezeichnet, obwohl er erst seit wenigen Jahren am Markt ist. Entscheidend ist: Er ist robust, bietet rund 42 Stunden Gangreserve und ermöglicht VIIS einen Preis, der deutlich unter dem liegt, was viele Swiss-Made-GMTs aufrufen würden. Ja, applizierte Indizes würden den Look noch eine Spur edler machen – aber auch den Preis. In der gezeigten Konfiguration wirkt der Flieger GMT wie eine sehr ehrliche, durchdachte Piloten-Uhr für Leute, die ihre Uhren wirklich tragen.
Deutlich extravaganter wird es beim Studio Underd0g x Christopher Ward Alliance 02. Zwei britische Marken, eine Taschenuhr, ein Ziel: die Alliance of British Watch and Clock Makers unterstützen – und nebenbei zeigen, dass Taschenuhren im Jahr 20xx alles andere als verstaubt sein müssen. Die 44-mm-Taschenuhr trägt ein Gehäuse, das klassisch genug wirkt, um in einer Weste zu verschwinden, aber das Zifferblatt sprengt jede Erwartung. Die Basis ist vollflächig mit Leuchtmasse in einem gelb-rosa „Lemonade“-Farbverlauf belegt, der im Dunkeln förmlich explodiert. Darüber schwebt eine Saphir-Scheibe, auf die Stundenmarkierungen und eine Skala für die Gangreserve gedruckt sind. Dadurch entsteht ein luftiger, fast futuristischer Schicht-Effekt, der so gar nichts mit Großvaters Taschenuhr zu tun hat. Den Antrieb übernimmt das CW-001-Kaliber, früher SH21 genannt: ein Handaufzugswerk mit Doppelfederhaus, etwa 120 Stunden Gangreserve und Regulierung auf Chronometer-Niveau, auch wenn kein offizielles COSC-Papier beiliegt. Gerade in einer Taschenuhr kann dieses Werk seine Stärken ausspielen – viel Platz zur Ansicht, viel Autonomie, wenig Zwang zur Kompromisslösung. Der Haken (oder die Verführung) dabei: Diese Taschenuhr ist ausschließlich für Mitglieder der Alliance erhältlich. Wer schon mit Studio-Underd0g-Zitronenchronos geliebäugelt hat, bekommt hier den nächsten FOMO-Moment frei Haus.
Als Kontrastprogramm folgt der Louis Erard x Worn & Wound Regulator – eine Uhr, die vor allem eines tut: uns daran erinnern, dass Zeit nicht zwingend in drei Zeigern aus dem Zentrum kommen muss. Worn-&-Wound-Mitgründer Zach Weiss ist seit Jahren bekennender Regulator-Fan, und diese Zusammenarbeit mit Louis Erard liest sich wie ein erfüllter Wunschzettel. Das 39-mm-Edelstahlgehäuse hält sich angenehm zurück, damit das Zifferblatt glänzen kann. Dort findet man eine helle, leicht cremige Basis, darüber einen lackierten Kobaltblau-Kreis – beide Flächen sind längs gekerbt (fluted) und brechen das Licht in feinen Linien. Zentral sitzt ein kurzer Minutenzeiger in der typischen „Tannenbaum“-Form von Louis Erard, während Stunden und Sekunden auf eigenen, teils skelettierten Scheiben angezeigt werden. Diese erinnern eher an moderne Wanduhren oder Designobjekte als an konventionelle Armbanduhren und bilden einen spannenden Gegenpol zur fein strukturierten Umgebung. Im Inneren arbeitet ein automatisches Sellita SW266-1, sozusagen ein solider Schweizer Allrounder. Limitiert ist der Regulator auf 99 Stück – genug, um ein paar Handgelenke weltweit glücklich zu machen, aber wenig genug, damit man sich beeilen muss, wenn man Regulatoren wirklich liebt.
Ganz am Ende dieser Reise steht der Parmigiani La Ravenale – und mit ihm verlassen wir endgültig die Welt „Kaufen, Tragen, Weiterziehen“ und betreten die Bühne der Haute Horlogerie als Theater. Offiziell handelt es sich um einen Minutenrepetierer als Einzelstück zum Geburtstag von Firmengründer Michel Parmigiani. Inoffiziell ist es ein Statement darüber, wie viel Handarbeit in eine Uhr fließen kann, wenn der Auftrag nicht lautet „Wie verkaufen wir 500 Stück?“, sondern „Was ist handwerklich möglich?“. Im Zentrum tickt ein Repetierwerk aus den 1920er Jahren, restauriert, überarbeitet und mit Palmblatt-Gravuren versehen
. Darum herum eine 18-karätige Weißgoldschale, deren Flächen sichtbar von Hand bearbeitet wurden. Auf dem Zifferblatt treffen opalene und jadegrüne Intarsien in Marqueterie-Technik aufeinander; das Ganze schillert in Blau- und Grüntönen, fast wie ein Glasfenster im Gegenlicht. Selbst die Kette, an der die Uhr getragen wird, entsteht Glied für Glied von Hand – ein Aufwand, der in Zeiten CNC-gesteuerter Fertigung fast absurd wirkt und gerade deshalb die Idee des „Geburtstagsgeschenks“ so glaubwürdig macht. Die Erzählung rund um La Ravenale spielt bewusst mit feudalen Bildern: Handwerker, die tage- und nächtelang für den Wohlgeborenen schuften, in der Hoffnung auf ein zufriedenes Lächeln. Ihre Namen stehen am Ende nirgends auf dem Zifferblatt, aber ihre Arbeit ist es, die aus einem alten Werk ein Kunstobjekt macht. Kaufen kann man diese Uhr nicht, Wartelisten gibt es ebenfalls nicht – sie existiert, um zu klingen, um einen einzelnen Menschen glücklich zu machen und um zu zeigen, wozu Parmigiani in der Lage ist, wenn Geld nicht die erste Frage ist.
Stellt man alle fünf Uhren nebeneinander, ergibt sich ein erstaunlich rundes Bild dessen, was Sammeln heute bedeutet. Da ist der VIIS Flieger GMT, ein ehrlicher Werkzeug-GMT mit japanischem Herz und fairem Preis, der wie gemacht ist für Vielreisende und Alltagsabenteurer. Daneben der Raymond Weil Toccata Heritage x seconde/seconde/, der sich über Dresscode-Regeln lustig macht und zugleich beweist, dass ein rechteckiger Handaufzugs-Dresswatch im Jahr 20xx immer noch Relevanz haben kann. Dazu kommen die spielerische Taschenuhr von Studio Underd0g und Christopher Ward für eine kleine britische Community und der Louis-Erard-Regulator als Liebeserklärung an eine fast vergessene Anzeigeform. Und über allem schwebt der La Ravenale, der uns daran erinnert, dass Uhrmacherei am äußersten Ende der Skala nichts mit Stückzahlen, sondern alles mit Menschen zu tun hat, die bereit sind, sich an winzigen Details festzubeißen. Egal, ob Ihr Budget im dreistelligen Bereich liegt oder jenseits dessen, was je auf einem Preisschild stehen wird – es ist ein ziemlich guter Sonntag, um Uhren zu mögen.