Eigentlich sind Armbanduhren erstaunlich neutral. Ein Durchmesser von 36,5 Millimetern hat keine Meinung zu Geschlecht, eine Mondphase ist weder männlich noch weiblich, und ein ewiger Kalender interessiert sich nur für Schaltjahre – nicht für Marketingkategorien. Trotzdem hält ein großer Teil der Uhrenbranche bis heute an klar getrennten Damen- und Herrenkollektionen fest. 
Zifferblattfarben, Diamantbesatz, Gehäusegröße: all das wird noch immer in rosa und blau sortiert. Genau hier setzt Vacheron Constantin 2025 an. Mit der neuen Generation der Traditionnelle Perpetual Calendar Ultra-Thin Modelle nimmt die Manufaktur einer ursprünglich klar als Damenstück positionierten Uhr das Gender-Etikett ab – und macht aus ihr einen ernstzunehmenden, kompromisslos hochwertigen, aber bewusst genderneutralen ewigen Kalender.
Der Traditionnelle Perpetual Calendar Ultra-Thin ist kein komplett neues Produkt
. Seine Premiere feierte er 2022 auf der Watches & Wonders in Genf – damals eindeutig als hochfeine Damenuhr kommuniziert. Kompakter Durchmesser von 36,5 Millimetern, schlanke 8,43 Millimeter Höhe, Genfer Siegel, reichlich Perlmutt und Diamanten: die Botschaft war klar. 
Technisch bewegte sich die Uhr allerdings schon damals in derselben Liga wie die großen Kaliber der Marke. Wer genau hinschaute, merkte schnell, dass sich hinter dem sehr femininen Auftritt ein Layout verbarg, das auch an einem schmaleren Herrenhandgelenk oder als Partneruhr hervorragend funktionieren würde.
Genau diese Erkenntnis greift Vacheron Constantin jetzt auf. Die neue Dreierlinie für 2025 behält die Grundkonstruktion – Gehäuse, Proportionen, Werk – nahezu unverändert bei, überarbeitet aber konsequent die Ästhetik. Heraus kommt kein lautes Unisex-Label, sondern etwas deutlich Spannenderes: ein klassischer, kompakter ewiger Kalender, der einfach selbstverständlich an möglichst vielen Handgelenken gut aussieht.
2025: Weniger Schmuck, mehr Uhr – ohne Kompromisse
Die aktuelle Kollektion besteht aus drei Referenzen, alle in Edelmetall. Den Einstieg macht die Version in Weißgold, Referenz 4300T/000G-H106, mit silberfarbenem Opalin-Zifferblatt, roségoldenen Zeigern und Indexen sowie einem braunen Alligatorlederband
. Daneben steht die Variante in Roségold, Referenz 4300T/000R-H107, die das warme Gold konsequent durchzieht: Gehäuse, Krone, Schließe und Details auf dem Zifferblatt greifen die klassische Dresswatch-Farbwelt auf.
Als dritte im Bunde tritt die weißgoldene Diamantversion, Referenz 4305T/000G-H135, an. Sie bleibt ihrem Namen treu: insgesamt 76 Brillanten schmücken Lünette und Hörner, in der Krone sitzt ein weiterer Stein, und die Faltschließe trägt noch einmal 17 Diamanten. In der 2022er Generation war dieser Ansatz stark in Richtung Schmuckuhr gedreht. Jetzt wirkt die Komposition deutlich ausgewogener: Zifferblatt in kühlem Silberton, reduziertes Farbspiel, tiefblaues Lederband. Ja, es funkelt – aber eben wie ein sehr hochwertiger Zeitmesser, der Diamanten nutzt, statt wie ein Collier, dem zufällig ein Kaliber implantiert wurde.
Alle drei Referenzen haben gemeinsam, was den Charakter am stärksten prägt: das neue, silberfarbene Opalin-Zifferblatt. Die perlmuttige Schilleroptik der ersten Generation ist verschwunden. Stattdessen breitet sich eine matte, fein schimmernde Oberfläche aus, die Licht sanft streut, aber nicht in den Vordergrund drängt. Die drei Hilfszifferblätter für Datum, Wochentag und Monat inklusive Schaltjahranzeige sind dezent vertieft und mit einem konzentrischen Kreisschliff versehen. Dadurch wirken die Register klar eingefasst, optisch ruhiger und zugleich plastischer. Die Mondphasenanzeige integriert sich harmonisch in dieses Bild: In der Diamantversion wandert ein Mond aus Weißgold über den Himmel, in den beiden glatten Modellen strahlt ein Mond aus Roségold.
36,5 Millimeter: vom Damenmaß zum Sweet Spot
Dass diese Uhr heute so selbstverständlich als genderneutral gelesen werden kann, liegt nicht zuletzt an ihrem Format. 36,5 Millimeter Durchmesser bei 8,43 Millimetern Höhe – das ist genau jener Größenbereich, der vor einigen Jahrzehnten als Standard für Herrenuhren galt und danach lange Zeit in die Damenabteilung abgeschoben wurde. Mit dem Trend zurück zu maßvollen Durchmessern rückt er wieder in den Fokus. Wer schon einmal einen 36-Millimeter-Rolex Datejust am Handgelenk hatte, weiß: Das ist nicht klein, das ist klassisch.
Der Traditionnelle Perpetual Calendar Ultra-Thin knüpft daran an. Die Bandanstöße sind schlank und leicht abfallend, sodass die Uhr eng am Handgelenk anliegt. Die seitliche Silhouette mit ihrer typischen, leicht abgestuften Gehäusestruktur verleiht dem Modell Präsenz, ohne aufzutragen. Ein flaches Saphirglas schützt das Zifferblatt, ein weiteres gibt den Blick auf das Werk frei. 30 Meter Wasserdichtigkeit sind auf dem Papier wenig, in der Realität aber ausreichend – niemand kauft einen ewigen Kalender in Vollgold, um damit Bahnen zu ziehen.
Die Diamantversion inszeniert sich naturgemäß auffälliger. Dennoch ist der Eindruck erstaunlich zurückhaltend, weil das Design nicht auf maximale Strahlkraft, sondern auf Balance zielt. Die beiden Referenzen ohne Steinbesatz sind dagegen geradezu lehrbuchhaft, was eine moderne Dresswatch ausmacht: schmale Lünette, klare Kanten, polierte Flächen, eine signierte Krone mit dem Malteserkreuz – und sonst nichts, was schreit. Hier entscheidet allein das Auge der Trägerin oder des Trägers, ob die Uhr eher als elegant, klassisch oder formell wahrgenommen wird.
Ein Zifferblatt für alle – klassisch, nicht glattgebügelt
Im Zentrum der Uhr steht ein Zifferblatt, das bewusst auf spektakuläre Effekte verzichtet und gerade deshalb fein wirkt. Die Grundarchitektur übernimmt Vacheron Constantin aus der ersten Generation: schlanke, polierte Indexe, eine zurückhaltende Minuterie am Rand, drei Hilfszifferblätter im Tricompax-Layout plus Mondphase. Die Anzeigen des ewigen Kalenders sind logisch angeordnet und auch ohne Lupe gut ablesbar. Die Stunden- und Minutenzeiger in klassischer Dauphine-Form holen durch ihre facettierten Flächen genügend Licht, um sich klar vom Hintergrund abzusetzen.
Entscheidend ist, dass dieses Zifferblatt keine Codes mehr bedient, die wir automatisch mit einem Geschlecht verbinden. Keine Pastelltöne, keine Blüten, aber genauso wenig überzeichnet maskuline Elemente. Stattdessen herrscht eine Ästhetik, die man schlicht als feine Genfer Klassik beschreiben kann. Dieselbe Uhr passt unter eine Hemdmanschette im Vorstandsbüro, zu einem Strickrollkragen und Jeans im Homeoffice oder zu einem schlichten schwarzen Kleid bei einem Konzertbesuch. Genau so sieht gelebte Unisex-Relojerie aus: Der Kontext und das Handgelenk definieren den Look, nicht die Kategorie im Katalog.
Kaliber 1120 QP: ewiger Kalender in Papierdünne
Wer die Uhr umdreht, versteht schnell, warum Vacheron Constantin beim Gehäuseformat keine Kompromisse machen musste. Im Inneren arbeitet das automatische Manufakturkaliber 1120 QP, ein ultraflaches Werk, das in Sammlerkreisen längst Kultstatus hat. Es hält Datum, Wochentag, Monat, Schaltjahre und Mondphase über Jahrzehnte hinweg korrekt – vorausgesetzt, die Uhr bleibt in Bewegung. Erst im Jahr 2100, wenn der gregorianische Kalender einen mathematischen Sonderfall einlegt, ist eine manuelle Korrektur nötig.
Das Werk besteht aus 276 Einzelteilen und 36 Lagersteinen. 
Es schlägt mit einer etwas unüblichen Frequenz von 19.800 Halbschwingungen pro Stunde (2,75 Hertz) und bietet eine Gangreserve von rund 40 Stunden. Die eigentliche Sensation ist jedoch die Bauhöhe: Nur 4,05 Millimeter misst das Kaliber. Für einen automatischen ewigen Kalender mit Zentralrotor und Genfer Siegel ist das eine technische Ansage.
Durch den Glasboden zeigt sich das 1120 QP von seiner schönsten Seite. Die Brücken tragen breite Genfer Streifen, die Kanten sind sorgfältig anglieren und poliert, die Schraubenköpfe glänzen. Der Rotor verdient besondere Aufmerksamkeit: Er besteht aus einem massiven Außenring aus 22-karätigem Gold, der an einem durchbrochenen Träger befestigt ist – geformt wie das Malteserkreuz, das Markensymbol von Vacheron Constantin. Bei jeder Bewegung des Handgelenks dreht sich dieses Kreuz über dem Werk, gibt den Blick auf die Mechanik frei und erinnert daran, dass hier nichts zugekauft, sondern konsequent in der eigenen Manufaktur gedacht wurde.
Dasselbe Grundwerk findet sich übrigens auch in anderen Schwergewichten der Marke, etwa im Patrimony Perpetual Calendar Ultra-Thin oder im Overseas Perpetual Calendar Ultra-Thin. Der Traditionnelle ist also kein abgespeckter Ewiger Kalender für Frauen, sondern der kompakteste Vertreter einer vollwertigen Kaliberfamilie.
Vom Damenmodell zur geteilten Ikone
Spannend ist vor allem, wie sich die Wahrnehmung der Uhr in kurzer Zeit verschoben hat. 2022 trat der Traditionnelle Perpetual Calendar Ultra-Thin mit Perlmutt und Diamantbesatz als explizit feminine Komplikation auf. Drei Jahre später verschiebt Vacheron Constantin die Tonlage: Die neue Kommunikation betont nicht mehr das Geschlecht der Zielgruppe, sondern die Rolle der Uhr innerhalb der Kollektion – als kleinerer, klassischer Bruder der größeren Perpetuals der Marke.
Damit nähert sich die Manufaktur dem Sprachgebrauch der Szene an. In Foren und sozialen Netzwerken liest man seit Jahren Kommentare, die sinngemäß sagen: Geschlecht im Uhrenbau sei im Wesentlichen ein Konstrukt von Marketingabteilungen. Sammler tragen selbstbewusst 34- oder 36-Millimeter-Modelle, die früher offiziell als Damenuhren galten, und empfinden sie schlicht als angenehm proportioniert. Die neuen Traditionnelle-Modelle passen genau in dieses Bild. Sie tragen kein großes Unisex-Logo auf der Box. Sie stellen sich einfach als gut gemachte, kompakte ewige Kalender vor – und überlassen die Einordnung dem Menschen, der sie anlegt.
Der Preis als letzte Grenze
Eine Grenze allerdings bleibt sehr real: die Preisschwelle. Die beiden neuen Modelle in Weiß- und Roségold ohne Diamantbesatz liegen bei rund 100.000 US-Dollar. Die diamantbesetzte Version in Weißgold klettert noch einmal leicht darüber auf etwa 102.000 US-Dollar. In einer Welt, in der schon sportliche Stahlmodelle mancher Marken fünfstellige Summen erreichen, überrascht das niemanden mehr – aber es macht sehr deutlich, dass die Diskussion um Gender hier nur eine Ebene ist.
Viele Uhrenfans reagieren entsprechend ambivalent. In Kommentaren liest man Sätze wie: Die zwei glatten Versionen seien perfekte klassische Herrenuhren und würden sofort getragen werden – wenn der Preis nicht so schmerzhaft wäre. Andere geben offen zu, dass sie selbst mit dem entsprechenden Budget Hemmungen hätten, einen so teuren ewigen Kalender in den Alltag zu integrieren: zu groß die Angst vor Macken in der Lünette oder einem unglücklichen Stoß an der Tür.
Für die angestammte Kundschaft von Vacheron Constantin und Co. stellt sich die Lage nüchterner dar. Ein ewiger Kalender in Edelgold, ultraflach, mit Genfer Siegel und handwerklicher Endbearbeitung auf diesem Niveau kostet im Kreis der sogenannten heiligen Dreifaltigkeit der Schweizer Haute Horlogerie – also Vacheron, Patek, Audemars – nun einmal sechsstellige Beträge. Insofern fügt sich der Traditionnelle Perpetual Calendar Ultra-Thin preislich ziemlich nahtlos ein. Neu ist, dass diese Klasse von Komplikation hier nicht mehr implizit an ein bestimmtes Geschlecht adressiert, sondern bewusst offener gedacht wird.
Die Rolle in der Vacheron-Constatin-Familie
Innerhalb der Kollektion der Manufaktur nimmt der Traditionnelle Perpetual Calendar Ultra-Thin eine klar definierte Position ein. Er ist die kompakteste, klassischste Auslegung des ewigen Kalenders im aktuellen Programm. Der Patrimony Perpetual Calendar Ultra-Thin spielt eine Spur größer und noch minimalistischer, der Overseas Perpetual Calendar Ultra-Thin interpretiert dieselbe Komplikation als sportlich-luxuriöse Reiseuhr mit integriertem Band und Wechselbandsystem. Der Traditionnelle positioniert sich dazwischen: vollwertige Komplikation, aber bewusst als Dresswatch verstanden, die nicht in den Vordergrund drängt.
Besonders die beiden nicht diamantbesetzten Modelle lassen sich problemlos als einzige ernsthafte Uhr in einer Sammlung denken – vorausgesetzt, der Alltag des Trägers oder der Trägerin gibt das her. Sie passen ins Büro, in den Konferenzraum, zum Abendessen und in den Konzertsaal. Die Diamantversion rückt stärker in Richtung Anlassuhr: Hochzeiten, Oper, Preisverleihungen, Momente, in denen man sich bewusst schmückt. Gleichzeitig ist sie aber weit entfernt von einer reinen Schmuckuhr. Die Uhr bleibt zuerst Uhr – nur eben mit einer gehörigen Portion Glanz.
Fazit: ewiger Kalender ohne Schubladen
Was bleibt, ist das Bild eines Modells, das in wenigen Jahren eine bemerkenswerte Wandlung vollzogen hat. Vom klar als Damenuhr eingeführten Perpetual Calendar hin zu einem kompakten, ernsthaften, genderneutralen Hochkaräter, der sich nahtlos in die Spitze der Vacheron-Constatin-Palette einreiht. Die Silhouette ist geblieben, die Mechanik sowieso – verändert hat sich vor allem der Blick darauf.
Natürlich löst der Traditionnelle Perpetual Calendar Ultra-Thin damit nicht alle Fragen rund um Rollenbilder in der Uhrenwelt. Aber er zeigt exemplarisch, wie sich Haute Horlogerie weiterentwickeln kann: weg von der Frage, ob ein Modell formal in die Damen- oder Herrenecke gehört, hin zu der, ob die Proportionen stimmen, die Details sorgfältig ausgeführt sind und die Uhr eine Geschichte erzählt, mit der sich Menschen identifizieren können.
Für die meisten von uns wird dieser Vacheron Constantin wohl immer ein Traum auf Distanz bleiben – ein Stück, das man in Boutiquen anprobiert, in Magazinen bestaunt oder in Sammlervitrinen bewundert. Doch selbst als Traum erfüllt er eine Funktion: Er erinnert daran, dass große Uhrmacherkunst nicht vor blau oder rosa haltmachen muss. Sie kann einfach großartige Uhrmacherkunst sein – und darüber hinaus jedem gehören, der sie zu schätzen weiß.