Als Disney offiziell bekannt gab, dass Star Wars: The Acolyte keine zweite Staffel bekommen würde, sah es für viele Fans wie eine weitere abrupte Kehrtwende im Streaming-Kurs der Marke aus. Für Showrunnerin Leslye Headland wirkte die Nachricht dagegen eher wie der letzte Akt in einem Drama, das sie schon länger kommen sah. In Gesprächen mit dem Studio, Berichten über Einschaltquoten und der „Wetterlage“ in den sozialen Medien zeichnete sich ein klares Bild ab. 
Irgendwann, erzählt sie, hatte sie das Gefühl: Die Schrift steht längst an der Wand – auch wenn das den Abschied von einer Herzensarbeit nicht weniger schmerzhaft macht.
The Acolyte war von Anfang an ein Risiko im Star-Wars-Kosmos. Die Serie spielte in der Ära der Hohen Republik, weit vor der Skywalker-Saga, ohne die gewohnten Nostalgie-Krücken in Form von Luke, Vader oder bekannten Schauplätzen. Stattdessen bekam das Publikum eine überwiegend weibliche Besetzung, eine schwarze, queere Hauptfigur und einen Ton, der eher an Mystery-Thriller als an klassisches Weltraum-Abenteuer erinnerte. Auf dem Papier erfüllte das genau die Forderung, die Fans seit Jahren wiederholen: „Zeigt uns endlich etwas Neues“. In der Realität wurde genau dieser Ansatz zum Zündfunken für einen altbekannten Kulturkampf rund um „Agenda“, Diversität und Besitzansprüche am Mythos Star Wars.
Schon lange bevor die erste Folge online war, schlug dem Cast eine Welle aus Spott, Hate und offenem Rassismus entgegen. Amandla Stenberg sagte später, sie sei über die Absetzung nicht wirklich überrascht gewesen, weil die Produktion seit der Ankündigung unter Dauerbeschuss stand – zu einem Zeitpunkt, als niemand das fertige Produkt kannte. Kollegin Jodie Turner-Smith, die Mutter Aniseya spielt, ging noch weiter und warf Disney vor, die Beteiligten im Regen stehen zu lassen, während sie in den Kommentarspalten und auf X mit rassistischen Ausfällen „zugeschissen“ wurden. Für die Menschen, die vor der Kamera standen, war das keine theoretische Diskussion über Repräsentation, sondern ein täglicher Angriff im eigenen Posteingang.
Headland macht es sich trotzdem nicht so einfach, alles auf Rassismus und Misogynie zu schieben. In einem ausführlichen Interview zeichnete sie das Bild eines vielschichtigen Systems: kreatives Risiko auf der einen Seite, harte Business-Logik auf der anderen – und dazwischen ein Fandom, das längst in einen hyperbeschleunigten Online-Diskurs eingewoben ist. The Acolyte war nicht nur eine Serie, sondern gleichzeitig Projektionsfläche, Reizthema und Rohstoff für eine ganze Industrie aus Reactions, Recaps und Rage-Videos.
Eine besondere Rolle spielt dabei YouTube. Headland beschreibt sich selbst als langjährige Star-Wars-Fanin, die seit den frühen Tagen von YouTube Teil dieser Kommentar-Kultur ist: sie schaut Recaps, hört Podcasts, kennt die großen Kanäle mit ihren einstündigen Analysen und live gestreamten „Nachbesprechungen“. Einige dieser Creator kennt sie persönlich, manche hat sie über Patreon unterstützt. Gleichzeitig benennt sie klar, wie groß die Spannweite ist: Es gibt Leute, deren Kritik sie respektiert, andere bezeichnet sie als regelrechte „Schlangenölverkäufer“, die jede neue Serie zur Empörungs-Show umfunktionieren, und dann gibt es diejenigen, deren Inhalte offen faschistisch oder rassistisch gefärbt sind. Von einem einheitlichen „Fandom“ kann hier keine Rede mehr sein.
Für die Studios hat sich dieses Ökosystem zu einer Art inoffizieller Fokusgruppe entwickelt. Sobald eine neue Folge erscheint, tauchen Clips, Thumbnails und Analysen in der Empfehlungsleiste auf. Jedes Video, jeder Livestream, jeder empörte Monolog produziert Daten: Views, Watchtime, Kommentare. Aus der Distanz einer PowerPoint-Präsentation sieht das schnell nach einem extrem aktiven, engagierten Publikum aus – auch wenn ein erheblicher Teil dieses Engagements daraus besteht, sich über das Produkt lustig zu machen oder es genüsslich zu zerreißen. Gleichzeitig liegen intern Zahlen über Abbruchquoten, Neuanmeldungen und Kündigungen auf dem Tisch. Irgendwann kulminiert all das in einer nüchternen Frage: Trägt diese Serie zur Plattform-Strategie bei oder nicht?
Headland zeichnet daraus eine unbequeme Prognose: Wir bewegen uns auf eine Situation zu, in der Inhalte über Star Wars kulturell stärker wirken als neue Filme und Serien selbst. Für einen wachsenden Teil des Publikums besteht die Erfahrung Star Wars nicht mehr im konzentrierten Schauen einer Staffel, sondern darin, das „richtige“ Video des Lieblings-YouTubers zu gucken, das alles zusammenfasst, bewertet und mit einer klaren Emotion versieht. Die eigentliche Serie wird zur Vorlage – die eigentliche Show findet im Kommentarraum statt.
Damit bleibt die eigentliche Kernfrage trotzdem im Raum: War The Acolyte gut genug, um sich aus diesem Lärm zu befreien? Die Antwort fällt je nach Fan-Lager extrem unterschiedlich aus. Viele, die der Serie wohlwollend gegenüberstehen, geben offen zu, dass die erste Staffel handwerkliche Schwächen hatte. Die Struktur wirkte sprunghaft, Nebenfiguren bekamen zu wenig Luft, Dialoge stolperten, und das Finale beantwortete längst nicht alle Fragen. Gleichzeitig fanden sie Qimir als ambivalente Figur spannend, schätzten den Blick in die Hohe Republik und mochten die Idee, Star Wars einmal ohne Skywalker-Krücken zu erzählen. In ihren Augen ist es kurzsichtig, ein Format abzuwürgen, bevor es die Chance hatte, sich im zweiten Jahr zu stabilisieren – zumal unzählige Kultserien erst mit Staffel zwei oder drei ihr volles Potenzial entfaltet haben.
Auf der anderen Seite stehen jene, die The Acolyte als weiteres Symptom einer ausgeleierten Franchise wahrnehmen. Für sie fügt sich die Serie nahtlos in eine Reihe mit The Book of Boba Fett und Obi-Wan Kenobi: technisch hochwertig, aber erstaunlich blutleer, getrieben von Content-Planung statt von echter Vision. Dieser Teil des Fandoms klammert sich an die schwer greifbare „Magie der Originaltrilogie“ – diese Mischung aus Märchen, dreckiger Sci-Fi, Abenteuerfilm und handgemachter Kreativität. Und er ist überzeugt, dass man so etwas nicht im Meetingraum reproduzieren kann. Immer wieder taucht deshalb der Wunsch auf, Star Wars einfach für ein paar Jahre auf Eis zu legen, keine neuen Serien, keine Experimente, nur Stille und die Hoffnung auf ein wirklich frisches Konzept in der Zukunft.
Daneben existiert ein drittes Lager, das die Debatte entkernt und auf eine nüchterne Diagnose herunterbricht: Das Problem sei nicht Diversität, nicht „Wokeness“, sondern schlicht das Drehbuch. Sie verweisen auf Filme wie Kill Bill oder Mad Max: Fury Road – female-led, radikal in Stil und Inszenierung – die gezeigt hätten, dass ein gutes Werk sich am Ende durchsetzt. Ja, es gibt immer eine lautstarke Minderheit, die alles mit Frauen, People of Color oder queeren Figuren reflexartig ablehnt. Aber damit lasse sich nicht erklären, warum große Teile der breiten Zuschauerschaft eher mit den Schultern zuckten und irgendwann abschalteten.
Headland selbst bewegt sich irgendwo zwischen diesen Positionen. Sie lässt keinen Zweifel daran, dass der rassistische und sexistische Teil der Angriffe real ist und dass es Creator gibt, die gezielt mit solchen Ressentiments arbeiten, um ihre Klickzahlen zu pushen. Gleichzeitig behauptet sie aber nicht, The Acolyte sei ein verkanntes Meisterwerk, das nur Opfer einer rechten Troll-Armee geworden ist. Sie erkennt an, dass die Serie das Publikum nicht im erhofften Umfang gefesselt hat, und dass ein Teil der Kritik berechtigt ist. Aus ihren Aussagen spricht weniger Groll als eine Mischung aus Trauer und professionellem Pragmatismus: „Wir haben hoch gezielt, manches hat nicht funktioniert, manches wurde von außen kaputtgeredet – und am Ende hat es nicht gereicht.“
Besonders bitter ist das für diejenigen, die sich auf die angekündigten Entwicklungen einer zweiten Staffel gefreut hatten. Headland bestätigte inzwischen, dass Darth Plagueis, der im Finale kurz angeteasert wird, eine deutlich größere Rolle spielen sollte. Qimir, der mysteriöse Fremde, wäre nach und nach als Gründer der Ritter von Ren enthüllt worden – jener finsteren Gruppierung, der sich später Ben Solo alias Kylo Ren anschließt. The Acolyte wollte also keinen beliebigen Nebenschauplatz eröffnen, sondern eine direkte Brücke bauen zwischen der Hohen Republik und den Ereignissen der Sequel-Trilogie.
Ob dieses Konzept gereicht hätte, um skeptische Zuschauer zurückzuholen, wird man nie erfahren. Für einige Kritiker ist die Tatsache, dass man überhaupt einen „Durchhalten, es wird später gut“-Pitch braucht, schon ein Alarmsignal. Eine Staffel mit acht Folgen sollte genug sein, um zu zeigen, was eine Serie kann. Andere halten dagegen, dass serielles Erzählen nun einmal von langfristigen Bögen lebt und dass man riskanten Projekten Zeit geben muss, um Publikum zu finden. Wenn dann ausgerechnet jene Experimente, die sich weg vom Nostalgie-Autopiloten wagen, am schnellsten wieder eingestampft werden, sendet das ein deutliches Signal an alle Kreativen, die noch eigene Ideen in diese Galaxis bringen wollen.
Jenseits der Einzelfrage, ob The Acolyte „eine zweite Chance verdient“ hatte, legt der Fall eine grundsätzliche Identitätskrise von Star Wars offen. Die Marke ist alt genug, dass mehrere Generationen mit vollkommen unterschiedlichen Erwartungen aufeinandertreffen. Die einen wollen politisch aufgeladene, fast schon erwachsene Stoffe wie Andor; andere sehnen sich nach dem leichteren, fast kindlichen Abenteuergefühl der alten Filme; wieder andere wünschen sich vor allem Spektakel, Lichtschwertduelle und ikonische Shots, ohne große Lust auf moralische Grautöne oder komplexe Politik. Zwischen diesen Polen den einen „richtigen“ Kurs zu finden und gleichzeitig jede Woche unter dem Mikroskop von Social Media zu stehen, ist eine Herkulesaufgabe.
Headland hat sich zumindest nach außen für die Haltung der Akzeptanz entschieden. Sie betont, dass sie die Entscheidung des Studios respektiert, auch wenn sie sich gewünscht hätte, dass die Serie mehr Zeit bekommt, ihr „eigentliches“ Publikum zu erreichen. Sie verzichtet darauf, einzelne Influencer an den Pranger zu stellen, und spricht stattdessen über strukturelle Probleme: eine Industrie, die von lautstarker Empörung lebt, aber ihre eigenen Talente und Casts nicht ausreichend schützt; und eine alteingesessene Marke, die zwischen Mut und Risikoaversion hin- und hergerissen ist.
The Acolyte selbst ist damit Geschichte. Die großen Pläne rund um Plagueis und den Ursprung der Ritter von Ren bleiben als Fußnote in Interviews und Artbooks zurück. Was bleibt, ist ein Fallbeispiel dafür, wie schwer es große Franchises in den 2020ern haben, wirklich neue Wege zu gehen. Die oft geäußerte Forderung, Star Wars möge doch bitte „wieder so sein wie früher“, blendet aus, dass die Rahmenbedingungen sich massiv verändert haben. Vielleicht liegt die Zukunft der Reihe gerade nicht in der perfekten Kopie der Originaltrilogie, sondern in Projekten, die eine andere Art von Magie suchen – selbst auf die Gefahr hin, dass manche davon scheitern. The Acolyte mag nicht die Serie gewesen sein, die alle wiedervereint. Aber sie zeigt sehr deutlich, in welchem Spannungsfeld zukünftige Experimente stattfinden werden.
1 kommentar
Fand S1 total unrund, aber Qimir und die Ära an sich haben mich interessiert. Hätte schon gern gesehen, was sie mit Plagueis und den Rittern von Ren vorhatten