
YouTubes neuer KI-Chatbot soll deine Startseite ordnen – aber wem nützt das wirklich?
Du öffnest YouTube nur kurz, um ein einziges Video zu schauen – und zack, die Startseite explodiert in ein Chaos aus Empfehlungen: überall Marvel-Analysen, stundenlange Podcasts, Shorts, die du nie bewusst angeklickt hast, und Kanäle, an die du dich nicht mal erinnern kannst. Genau diese bunte Wand aus Zufall und Algorithmus ist für viele längst normal geworden. YouTube entscheidet im Hintergrund, was dir angeblich gefallen könnte, und du reagierst nur noch auf das, was dir vor die Nase gesetzt wird.
Jetzt testet YouTube still und leise einen anderen Ansatz. Statt nur dein Verhalten auszuwerten, sollst du direkt mit einer KI sprechen können und ihr sagen, worauf du gerade wirklich Lust hast. Das neue Experiment hört auf den Namen ‘Your Custom Feed’ – auf Deutsch etwa: dein individueller Feed – und funktioniert wie ein Chatbot, der deine Startseite nach deinen Wünschen umbaut. Wenn dieses Experiment größer ausgerollt wird, könnte sich die Art und Weise, wie wir YouTube öffnen und nutzen, grundlegend verändern.
Vom Algorithmus-Radar zum direkten Nachfragen
Im aktuellen System ist deine Startseite das Ergebnis einer gigantischen Vorhersagemaschine. YouTube wertet deine Watch-History, deine Likes und Dislikes, deine Suchbegriffe, deine Abos und sogar die Videos aus, bei denen du nach zehn Sekunden wieder aussteigst. Schon wenige Interaktionen mit einem Thema reichen aus, damit das System beschließt: Das ist jetzt dein neues Ding. Zwei, drei Clips zu Marvel oder WWE geschaut – und deine Startseite sieht tagelang aus wie der offizielle Fan-Hub.
Das größte Problem dabei: Der Algorithmus behandelt spontane Launen wie langfristige Interessen. Ein einziger Abend, an dem du dich in True-Crime-Videos verlierst, kann reichen, um deine Startseite wochenlang zu prägen. Dass du am nächsten Tag wieder ganz andere Dinge sehen willst – Nachrichten, Lernvideos, Tech-Reviews – ist dem System egal. Es spielt weiter das, was gestern funktioniert hat, und hofft, dass du einfach wieder hängenbleibst.
Mit ‘Your Custom Feed’ versucht YouTube, ein Stück Kontrolle zurückzugeben. Statt die Maschine mit indirekten Signalen wie Klicks und Watchtime zu füttern, kannst du der KI direkt sagen, was sie dir zeigen soll – und im Idealfall auch, was sie bitte sein lassen soll.
So funktioniert der neue KI-Feed in der Praxis
Für Nutzer, die Teil des Experiments sind, erscheint auf der Startseite neben der gewohnten Schaltfläche ‘Startseite’ ein zusätzlicher Chip namens ‘Your Custom Feed’. Tappst du darauf, landet du in einem speziellen Bereich, in dem eine KI die Regie übernimmt. Du bekommst ein Eingabefeld und die Aufforderung, in eigenen Worten zu beschreiben, welche Art von Videos du sehen möchtest.
Du könntest zum Beispiel schreiben: ‘Mehr WWE-Matches und Dokus, weniger Shorts und Reaction-Videos’ oder ‘Zeig mir Technik-Reviews, Programmier-Tutorials und ruhige Longform-Videos, keine politischen Talkshows’. Die KI interpretiert diesen Wunsch, übersetzt ihn in Filter und Gewichtungen für den Algorithmus und sortiert daraufhin deine Startseite neu. Es fühlt sich ein wenig wie ein Reset der Empfehlungen an – aber einer, der nicht ganz von vorne beginnt, sondern auf deinen bisherigen Daten aufbaut.
Wichtig: Es handelt sich noch um einen Test. Nicht jeder Account sieht den neuen Chip, und selbst zahlende Premium-Nutzer gehen bisher oft leer aus. Typisch YouTube eben: erst einmal im Hintergrund Daten sammeln, schauen, wie Menschen reagieren, und dann entscheiden, ob das Feature still wieder verschwindet oder weltweit ausgerollt wird.
‘Schon von Abos gehört?’ – die naheliegende Kritik
Kaum war bekannt, dass YouTube an einem KI-Chatbot für personalisierte Feeds arbeitet, ließ der Spott nicht lange auf sich warten. Viele langjährige Nutzer sagen sinngemäß: ‘Ich glaube, das Feature gibt es schon, es heißt Abos.’ Für sie klingt es fast absurd, dass man jetzt mit einer KI chatten soll, nur um halbwegs gezielte Inhalte zu bekommen, wo man doch einfach den Abo-Feed nutzen könnte.
Ganz Unrecht haben sie nicht. Der Abo-Tab ist nach wie vor die sauberste Art, YouTube zu konsumieren: Du siehst, was neue Videos von Kanälen erscheinen, die du bewusst ausgewählt hast. Keine wilde Mischung aus Trends, Shorts und viralen Clips, sondern ein halbwegs überschaubarer Stream deiner Creator. Das Problem: Der Durchschnittsnutzer lebt selten in diesem Tab. Viele klicken fast ausschließlich auf das, was die Startseite ausspuckt, lassen sich durch Autoplay treiben und abonnieren Kanäle eher nebenbei, ohne sie später aktiv über den Abo-Feed aufzurufen.
Genau bei diesem Publikum setzt ‘Your Custom Feed’ an. Für Menschen, die ohnehin in der Startseiten-Kasinoschleife gefangen sind, wirkt ein KI-Chatbot wie ein pragmatischer Kompromiss: Statt komplett das Nutzungsverhalten umzustellen und konsequent auf Abos zu achten, bleibt alles optisch beim Alten – nur dass du dem System zwischendurch einmal sagst, was dir wichtig ist.
Trend: Feeds, die man anquatscht
YouTube ist mit dieser Idee nicht allein. In fast jedem großen Netzwerk verschieben sich die Grenzen gerade in dieselbe Richtung: weg von starren, zeitlich sortierten Timelines hin zu Feeds, die von KI gelenkt werden – und nun im nächsten Schritt hin zu Feeds, mit denen man über KI verhandelt.
Auf X (ehemals Twitter) drückt Elon Musk den hauseigenen Chatbot ‘Grok’ in genau diese Rolle. Ziel ist, dass du statt mühsam Listen und Filter anzulegen irgendwann einfach schreiben kannst: ‘Mehr Tech-News, weniger Krypto-Spam, kaum Politik, dafür Memes.’ Die KI soll daraus ableiten, welche Accounts, Themen und Formate in deiner Timeline landen.
Instagram wiederum experimentiert unter Chef Adam Mosseri mit Themensteuerung: Du kannst bestimmte Interessengebiete aktivieren oder ausblenden – mehr Reisen, weniger Wettbüros, mehr Interior-Content, weniger Reels mit immer gleichen Tänzen. Auch hier geht es darum, den Blackbox-Algorithmus etwas durchschaubarer zu machen, ohne ihn wirklich aus der Hand zu geben.
Vor diesem Hintergrund wirkt YouTubes ‘Your Custom Feed’ wie der logische nächste Schritt. Die KI ist nicht mehr nur der Motor im Maschinenraum, sondern die sichtbare Benutzeroberfläche, mit der du dich auseinandersetzt, wenn du deine Startseite in den Griff bekommen willst.
Was du der KI erzählst, landet im Trainingsdaten-Futter
So bequem das klingt: Jeder Satz, den du im Chatfenster eintippst, sagt eine Menge über dich aus. ‘Mehr Dokus, weniger Trash-TV’, ‘keine politischen Kanäle mehr’, ‘nur noch entspannte Musik-Livestreams’ – all das sind Informationen zu deinen Vorlieben, Abneigungen, deinem Stresslevel, deiner Stimmung. Es geht nicht nur darum, welche Videos du magst, sondern auch darum, welche Themen du vermeiden willst und wie du darüber sprichst.
Für Google ist das hochgradig wertvolles Material. Solche Prompts sind perfektes Training für große Modelle wie ‘Gemini’: Sie zeigen, wie echte Menschen ihre Wünsche formulieren, welche Feinheiten sie in natürlicher Sprache nutzen und wie sie Prioritäten gewichten. Aus diesen Daten kann man lernen, welche Wünsche typisch sind, wo Nutzer frustriert sind und wie KI-Antworten künftig noch passender wirken können.
Mit anderen Worten: Während du versuchst, deine Startseite aufzuräumen, lieferst du ganz nebenbei Input, mit dem Googles KI-Ökosystem weiter geschärft wird – vom Chatbot bis zur Suche. Wie genau diese Daten gespeichert, anonymisiert und verknüpft werden, ist für Außenstehende schwer nachprüfbar. Manche Nutzer finden das einen akzeptablen Trade-off, andere sehen darin ein weiteres Puzzleteil in einer sehr einseitigen Datenbilanz.
Wer überhaupt keine KI im Feed haben will
Parallel dazu gibt es eine wachsende Gruppe, die mit all diesen ‘smarten’ Features schlicht nichts anfangen will. Für sie ist der KI-Einfluss nicht eine Lösung, sondern der Kern des Problems. Sie nutzen fast ausschließlich den Abo-Feed, klicken bewusst auf wenige Kanäle, meiden Shorts und empfinden die Startseite eher als Störgeräusch.
Aus dieser Perspektive wirkt ein Chatbot wie zusätzlicher Ballast: wieder eine neue Ebene, wieder ein neues Setting, wieder eine weitere Datenschicht, die man irgendwie im Blick behalten müsste. Für diese Nutzer wäre das wichtigste Feature kein noch intelligenterer Feed, sondern ein klarer Ausschalter: keine KI-Personalisierung, keine Auswertung meiner Prompts, nur eine simple Liste der Inhalte, die ich bewusst abonniert habe.
Ob YouTube bei einem globalen Rollout von ‘Your Custom Feed’ tatsächlich einen echten Opt-out anbietet, bleibt offen. Ohne diese Möglichkeit wirkt das Versprechen von ‘mehr Kontrolle’ schnell wie Marketing-Sprech für ‘noch mehr KI zwischen dir und deinem Content’.
Was YouTube bisher schon versucht hat
Man muss YouTube zugutehalten: Der Wunsch, den Nutzerinnen und Nutzern mehr Einfluss zu geben, ist nicht völlig neu. Schon seit einer Weile poppt auf der Startseite hin und wieder die Aufforderung ‘Feed anpassen’ oder ‘Empfehlungen personalisieren’ auf. Dort kannst du Kategorien anklicken – Gaming, Musik, Nachrichten, Wissen, Sport – und so grob markieren, worauf du Wert legst. Diese Signale fließen in die Empfehlungslogik ein, auch wenn viele sie eher wegklicken, als sich ernsthaft damit zu beschäftigen.
Dazu kommen die bekannten Mikro-Signale: der Daumen nach oben, der Daumen nach unten, ‘Kein Interesse’, ‘Kanal nicht empfehlen’. Jedes Mal, wenn du eine dieser Optionen nutzt, gibst du dem System ein bisschen explizites Feedback. Doch das meiste davon ist reaktiv: Du korrigierst nachträglich, was dir die Startseite vorher schon vorgelegt hat.
Zwischendurch gab es sogar optische Experimente, etwa für Premium-Abonnenten: farbige Akzente, leicht veränderte Looks, die deine Nutzung etwas persönlicher wirken lassen sollten, aber funktional wenig an den Empfehlungen geändert haben. Viele dieser Tests verschwanden so unauffällig, wie sie gekommen waren.
Recht konkret ist dagegen ein neues Feature, mit dem du diese nervigen Einblendungen am Ende von Videos – ‘Abonnieren’, ‘Nächstes Video’, ‘Playlist’ – weitgehend ausblenden kannst. Das mag nach einer Kleinigkeit klingen, ist aber ein deutliches Signal: YouTube weiß, dass der Grad an Nervigkeit des Interfaces eine Rolle spielt, ob man sich auf der Plattform wohlfühlt oder genervt wieder schließt.
Wie es mit dem KI-Feed weitergehen könnte
Wenn ‘Your Custom Feed’ gut ankommt, drängen sich einige nächste Schritte förmlich auf. Denkbar wären zum Beispiel verschiedene Profile: ein ‘Lernmodus’, in dem du vor allem Vorlesungen, Tutorials und Erklärvideos angezeigt bekommst, und ein ‘Couchmodus’ für Vlogs, Gaming, Comedy und leichte Kost. Statt jedes Mal mühsam gegen den Algorithmus anzukämpfen, würdest du einfach das Profil wechseln.
Ebenso reizvoll wirkt die Idee, bestimmte Themen temporär stummzuschalten: Während einer hitzigen Wahlphase keine Politik, vor einem wichtigen Serienfinale keine Spoiler, in stressigen Zeiten keine Alarm- und Katastrophen-News. Die KI könnte solche Wünsche verstehen, ohne dass du in unübersichtlichen Menüs nach dem richtigen Schalter suchen musst.
Auf der positiven Seite stünde am Ende eine Startseite, die sich weniger wie ein Glücksspielautomat und mehr wie ein Werkzeug anfühlt: etwas, das du in Phasen und Stimmungen einteilst, statt dich ihm einfach auszuliefern. Auf der negativen Seite könnte der KI-Chatbot aber auch nur ein weiteres Feature sein, das ein paar Nerds kurz ausprobieren, während der Großteil der Nutzer weiter mit einem halb passenden Feed lebt – nur eben mit noch mehr Daten im System.
Fest steht: Die Zukunft von Plattformen wie YouTube bewegt sich klar in Richtung KI, mit der man nicht nur indirekt interagiert, sondern ganz konkret redet. Ob dieser Dialog wirklich mehr Macht auf die Nutzerseite zurückholt oder nur eine freundlichere Oberfläche für dasselbe alte Aufmerksamkeits-Business ist, müssen wir erst noch herausfinden.