Hideo Kojima ist eigentlich zu Hause in engen Luftschächten, Codec-Gesprächen und Meta-Gags – nicht in bunten Disney-Welten. Und doch taucht der legendäre Schöpfer von Metal Gear und Death Stranding jetzt genau dort auf: in Zootopia 2. 
In der japanischen Fassung des Films leiht Kojima einem Maulwurf im Polizeirevier von Zootopia seine Stimme. Die Rolle ist kurz, aber der Effekt groß: Ein Game-Designer, der jahrzehntelang nur im Abspann von Spielen auftauchte, wird plötzlich Teil eines familienfreundlichen Blockbusters.
Die Figur trägt den Namen Paul Moledebrandt, ein kleiner, etwas verhuschter Maulwurf mit Brille, der im hektischen Großraumbüro der ZPD zwischen Aktenstapeln und Kollegen herumwuselt. In den westlichen Versionen spricht Josh Gad denselben Charakter. In Japan werden seine Dialoge jedoch komplett neu eingesprochen – und genau hier kommt Kojima ins Spiel. Das führte im Netz kurzzeitig zu der falschen Annahme, er spiele eine völlig neue Figur oder habe eine große Story-Rolle. Tatsächlich handelt es sich um ein klassisches Lokalisierungs-Cameo: gleiche Figur, andere Stimme, andere kulturelle Ebene.
Kojimas lange Geschichte mit Cameos
Für eingefleischte Fans ist es fast ironisch, dass ausgerechnet jetzt so getan wird, als hätte Kojima plötzlich Cameos für sich entdeckt. Schon die späteren Metal Gear Solid Teile waren vollgestopft mit Entwickler-Namen, versteckten Fotos, bizarren Credits und Gastauftritten in Zwischensequenzen. Auch in Death Stranding tummeln sich bekannte Gesichter aus Film, Serien und der Medienwelt. Außerdem ist Kojima selbst in Dokus, Kurzauftritten und Talkformaten präsent – aber meistens als Regisseur oder Studiochef, nicht als Sprecher in einem Animationsfilm.
Genau hier liegt der Unterschied bei Zootopia 2. Diesmal sitzt er nicht in der Regie, sondern steht im Studio am Mikrofon. Die Idee kam nicht von irgendeiner PR-Abteilung, sondern direkt von Jared Bush, Regisseur des Films und Chief Creative Officer der Walt Disney Animation Studios. Kojima erzählt, dass die Anfrage ihn mitten ins Herz getroffen habe: Er ist seit Jahren bekennender Animations- und Filmfan und zählt den ersten Zootopia Film zu seinen Lieblingswerken aus dem Hause Disney. Entsprechend wenig Bedenkzeit brauchte er – die Zusage kam praktisch sofort.
Ein Maulwurf, der verdächtig vertraut aussieht
Als erste Bilder und Szenen aus der japanischen Fassung im Netz landeten, dauerte es keine 24 Stunden, bis die Community eine weitere Ebene entdeckte: Paul Moledebrandt sieht Kojima erstaunlich ähnlich. Die runde Brille, die etwas gebeugte Haltung, der leicht nerdige Ausdruck – alles erinnert an den Game-Designer, wie man ihn von Bühnenauftritten und Fotos kennt. Prompt tauchten Memes auf, die den Maulwurf und Kojima nebeneinander zeigen, und der Spitzname Molejima machte die Runde.
Für das westliche Publikum bleibt Moledebrandt dagegen in erster Linie eine kleine, witzige Nebenfigur, die kurz durchs Bild huscht und wieder verschwindet. Japanische Zuschauer bekommen zusätzlich ein Insider-Gefühl: Sie hören die bekannte Stimme aus unzähligen Interviews und Präsentationen – nur eben aus dem Maul eines überarbeiteten Maulwurfs im Polizeirevier. Zootopia war schon immer dafür bekannt, auf mehreren Ebenen zu funktionieren. Kinder lachen über Slapstick, Erwachsene erkennen gesellschaftliche Kommentare. Kojimas Cameo passt genau in dieses mehrschichtige Konzept.
Vom Regiestuhl in die Sprecherkabine
Kojima hat viele Jahre damit verbracht, anderen zu erklären, wie sie sprechen sollen. Für Zootopia 2 musste er diese Rolle tauschen. In Interviews beschreibt er, wie durchchoreografiert die Session war: sorgfältige Storyboards, fertige Illustrationen, genaue Timing-Vorgaben für jede Silbe. Selbst für einen kurzen Dialog war klar erkennbar, wie viel Arbeit und Planung in der Produktion steckt. Für jemanden, der aus der Spielewelt kommt, wo man oft flexibel im Studio reagiert, war diese Perfektion im Animationsbereich beeindruckend.
Besonders faszinierten ihn die Kleinigkeiten, auf die die Profis achten. Wie man Seiten des Skripts umblättert, ohne dass das Mikrofon es einfängt. Wie man die Atmung verteilt, damit zwischen zwei Takes kein hörbares Luftschnappen bleibt. Wie man dieselbe Emotion über mehrere Wiederholungen hinweg exakt reproduziert, damit der Schnitt später nahtlos wirkt. Kojima, der seit Jahrzehnten Performance-Regie führt, wirkte nach der Aufnahme fast wie ein Schüler, der plötzlich auf der anderen Seite des Glases stand und gemerkt hat, wie viel unsichtbare Kunst in guter Synchronarbeit steckt.
Lokalisierung, Schlagzeilen und Kommentar-Streit
Online schlug die Nachricht erwartungsgemäß Wellen. Zuerst wurden knackige Überschriften herumgereicht, die den Eindruck vermittelten, Kojima spiele einen komplett neuen Disney-Charakter. Kurz darauf meldeten sich Fans, die die Fakten geraderückten: Er spricht im japanischen Dub dieselbe Figur, die im Westen Josh Gad gehört. Kein neuer Protagonist, kein geheimer Antiheld, sondern ein nettes Extra für den lokalen Markt. Einige warfen den ersten Artikeln Clickbait vor, andere nahmen es mit Humor und fanden gerade die Überinszenierung einer winzigen Rolle typisch Internet.
Hat sich der Staub gelegt, bleibt eine relativ nüchterne, aber spannende Erkenntnis: Dass ein Game-Designer eine Sprechrolle in einem der größten Animationsfilme des Jahres erhält, ist ein Zeichen dafür, wie stark Games und Film inzwischen ineinander greifen. Wer nicht weiß, wer Kojima ist, bekommt einfach einen leicht grummeligen Maulwurf. Wer die Referenz versteht, freut sich über ein zusätzliches Augenzwinkern – und genau so sollen gute Cameos eigentlich funktionieren.
Zootopia 2 als Kassenhit
Während Fans über Molejima diskutieren, schreibt Zootopia 2 nebenbei Kinogeschichte. Das Sequel legte einen globalen Start von rund 556 Millionen US-Dollar hin. Etwa 156 Millionen kamen in den ersten fünf Tagen rund um Thanksgiving aus dem Heimatmarkt. Richtig explodiert ist der Film jedoch international: ungefähr 400 Millionen US-Dollar stammen aus Übersee, wobei China mehr als die Hälfte dieses Betrags beisteuerte.
Damit reiht sich Zootopia 2 in einen extrem exklusiven Club ein. Gemessen am weltweiten Start liegt der Film derzeit auf Rang vier aller Zeiten – nur Avengers Endgame, Avengers Infinity War und Spider-Man No Way Home waren noch stärker. Mit dieser Ausgangslage wirkt die Prognose, dass das Sequel die Marke von einer Milliarde Dollar knacken dürfte, nicht mehr wie Wunschdenken, sondern wie eine ziemlich belastbare Wette.
Ein Sequel mit Biss
Der finanzielle Erfolg wäre wenig wert, wenn der Film inhaltlich enttäuschen würde. Bisher deutet aber vieles darauf hin, dass Zootopia 2 mehr ist als ein reiner Kassenmagnet. Kritiken fallen überwiegend positiv aus, und etwa IGN vergab eine Wertung von 8 von 10 Punkten. Gelobt wird vor allem, dass die Fortsetzung die Dynamik zwischen Häsin Judy und Fuchs Nick beibehält, gleichzeitig aber neue Themen und Konflikte findet, statt alte Pointen aufzuwärmen.
Wie schon im ersten Teil geht es um Vorurteile, Machtstrukturen, Angst vor dem Fremden und die Frage, wie Institutionen auf Krisen reagieren. Nur wird all das wieder in rasante Verfolgungsjagden, visuelle Gags und schamlos ausgespielte Tierwortspiele verpackt. In diese dicht erzählte Welt fügt sich ein kurz auftauchender Maulwurf wie Paul Moledebrandt ganz natürlich ein: Für die einen einfach Teil des lebendigen Hintergrunds, für andere eine versteckte Botschaft aus der Gaming-Welt.
Wo man Kojima als Paul Moledebrandt hören kann
Wer Hideo Kojima unbedingt in dieser Rolle hören möchte, muss allerdings gezielt zur japanischen Fassung greifen. Im Westen bleibt Josh Gad die Stimme von Paul Moledebrandt. In Japan startet Zootopia 2 am 5. Dezember in den Kinos, dort läuft dann die Version, in der Kojima den Maulwurf-Cop spricht. Schon jetzt planen einige Fans, sich später die Blu-ray oder digitale Version mit japanischer Tonspur zu besorgen, um Molejima im Original zu erleben.
Am Ende dauert das Cameo nur wenige Sekunden, aber es erzählt eine größere Geschichte. Ein Mann, der einst für verschachtelte Stealth-Geschichten auf der PlayStation berühmt wurde, steht heute im Tonstudio von Disney und spricht einen Maulwurf in Uniform, während der Film selbst Rekorde an der Kinokasse bricht. Für die meisten Zuschauer ist Paul Moledebrandt einfach ein weiterer Gag in einem vollen Animationsfilm. Für Kojima-Fans ist er ein weiteres Puzzleteil in einer Karriere, in der die Grenze zwischen Spielen, Film und Popkultur längst verschwommen ist.